Selber anpacken, statt auf andere zu warten: Die Do-it-yourself-Bewegung wird bei der Gestaltung von Städten immer größer. Im Projekt „Hack Your City“ hat Yannick Haan diese Entwicklung von Ideen für eine bessere Stadt kuratiert.

Herr Haan, wenn mein Computer gehackt wird, habe ich ein Problem. Wenn meine Stadt gehackt wird, entwickelt sie sich weiter. Was ist ein Stadthack?
Yannick Haan: Ein Stadthack sollte das Stadtleben in kleinen Schritten verbessern. Einige vorbildliche Beispiele: In Karlsruhe hat ein Teilnehmer von „Hack Your City“ Ampeln erfunden, bei denen man auf Knopfdruck mit Menschen an der Ampel gegenüber sprechen kann. Ein anderer Teilnehmer versucht, neue Apps für Fahrräder zu bauen. Mit ihnen wird man dann die sonnigste, ruhigste oder schnellste Route wählen können. Ähnlich toll ist eine Idee aus Berlin: Die Plattform „Kiez-Karte.berlin“ ist eine Stadtkarte, auf der man seine Wünsche für die urbane Gestaltung eintragen kann: hier einen Zebrastreifen, dort eine Ampel, dort einen Mülleimer, hier einen Spielplatz.

Stammen diese Ideen von engagierten Bürgern oder von Profis?
Yannick Haan: Auch das ist unterschiedlich. In Karlsruhe sind beispielsweise zwei Physiker zu uns gekommen, die mit uns ihr Projekt „Balloon Sensor“ umsetzen wollen. Anhand großer, mit Sensoren bestückter Ballons soll die Umweltbelastung in einer Stadt weithin sichtbar gemacht werden. Wenn die Umweltbelastung sehr niedrig ist, sind die Ballons weiß. Wenn die Umweltbelastung sehr hoch ist, sind die Ballons rot. Simpel, aber effektiv.

Sehen Sie „Hack Your City“ als Teil einer größeren Bewegung?
Yannick Haan: „Hack Your City” war zunächst ein Projekt im Rahmen des deutschen Wissenschaftsjahres 2015 zum Thema „Zukunftsstadt“. Ziel war es, ehrenamtlich Ideen und Ansätze zur Lösung urbaner Herausforderungen zu entwickeln und so die Stadt zu verbessern. Der Begriff stammt aus dem angloamerikanischen Raum und ist in Deutschland noch mit dem Bild des bösen Hackers besetzt. Die Stadthacker nehmen sich von den Computerhackern aber nur das positive Element, nämlich das kreative Selbermachen.

Hack your city balloon project
Im Projekt „Hack Your City“ hat Yannick Haan die Entwicklung von Ideen für eine bessere Stadt kuratiert.

Hack Your city: eine der ersten deutschen Plattformen ihrer Art

Haben wir schon gelernt, die Stadt nicht als gegeben, sondern als veränderbar zu betrachten?
Yannick Haan: Genau diese Sichtweise entdecken immer mehr Menschen. Wir müssen nicht mehr darauf warten, dass die Städte Angebote machen. Das Internet hilft da sehr, Initiativen wie „Hack Your City“ gehören zu den ersten Plattformen in Deutschland. Die Leute merken, dass das Spaß macht, man so komplizierte politische Strukturen umgehen und Ideen schnell umsetzen kann.

Wie haben Sie dieses große Projekt gestartet?
Yannick Haan: Zuerst haben wir ein Wochenende lang einen „Hackathon“ veranstaltet, zu dem wir Stadtplaner, Designer, Programmierer, Vereine und andere Initiativen und Wissenschaftler von Unis eingeladen haben. Ziel war es, Sonntagabend einen ersten Prototyp für ein Projekt zu haben. Danach ging es in Arbeitsgruppen weiter, in denen sich die Teilnehmer meist einmal die Woche treffen, um an ihren Ideen weiterzuarbeiten.

Welche Städte haben Sie bereits gehackt?
Yannick Haan: Wir haben in Berlin, Dortmund, Karlsruhe, Dresden und Leipzig begonnen. Wir wollten möglichst alle Regionen in Deutschland abdecken, haben natürlich aber auch geschaut, ob es in den Städten eine passende Community gibt.

Mobilität und Umweltschutz als wichtigste Themen

Woher kommt in diesen Tagen das große Interesse, bei der Entwicklung der Stadt aktiv mitzumachen?
Yannick Haan: Die Urbanisierung hat den entscheidenden Impuls gegeben. Noch vor kurzem war von „sterbenden Städten“ die Rede. Inzwischen ziehen wieder viele Menschen in die Stadt. Die Menschen entdecken, dass man ziemlich viel selber machen kann und nicht mehr unbedingt auf die Städte warten muss.

Gibt es Themen, die in jeder Stadt gleich wichtig sind?
Yannick Haan: Ich hätte erwartet, dass die Unterschiede zwischen den Städten relativ groß sind – Berlin also mit ganz anderen Herausforderungen zu tun hat als Karlsruhe. Aber das war überhaupt nicht so: Thema Nummer eins war immer Mobilität und Thema Nummer zwei die umweltfreundliche Stadt.

Was passiert in 2016 mit den von Ihnen kuratierten Ideen?
Yannick Haan: Wir versuchen, den Austausch zwischen den einzelnen Städten zu fördern und stellen dafür eine Plattform, wo man die Projekte einstellen und sammeln kann. Letztlich hängt es aber auch immer von der Eigeninitiative der Teilnehmer ab. Wir bieten die Möglichkeit, Material, Kontakte und ein bisschen finanzielle Hilfe – aber am Ende müssen es die Leute selbst machen.

Alle Bilder inkl. Titelbild: Hack your City