Seit 2014 gibt es auch in Lissabon das aus London bekannte Coworking-Zentrum Village Underground. Wir haben mit Mitgründerin Mariana Duarte Silva über den neuen Kreativboom in Portugals Hauptstadt gesprochen.

Ein Dutzend alte Schiffscontainer und ausrangierte Doppeldeckerbusse, allesamt in grellen Farben angemalt, stehen kreuz und quer aufeinandergestapelt, als wäre ein Tetris-Spiel Realität geworden. Darüber thront, wie ein gigantischer Dachbalken, eine Zwillingsschwester der Golden Gate Bridge: Lissabons berühmte Hängebrücke Ponte 25 de Abril. Willkommen im Village Underground Lisboa, einer beinahe surrealistischen Installation, eingezwängt zwischen den schick sanierten Tejo-Docks und dem historischen Arbeiterviertel Alcântara. Wie in vielen anderen Metropolen bietet dieser Kulturclash auch hier einen Nährboden für neue Ideen. Als Mariana Duarte Silva nach ihrer Rückkehr aus London einen Ort für ihre Pläne suchte, wusste sie sofort, wo sie hinwollte.

Mariana Duarte Silva im Village Underground Café in Lissabon
Mariana Duarte Silva, Mitgründerin von Village Underground Lisboa

Mariana, welche Idee steht hinter Village Underground?
Mariana Duarte Silva: Village Underground beinhaltet zwei Elemente: Einen Coworking-Space für die Kreativwirtschaft und gleichzeitig einen Veranstaltungsraum für Partys, Events und Kunst.

Wie bist Du auf dieses Konzept gekommen?
Mariana Duarte Silva: Ich habe selbst im Village Underground in London gearbeitet. Dort habe ich mich auf Anhieb in das Coworking-Konzept verliebt. Später habe ich dann gedacht, dass ich so etwas gerne in der Stadt hätte, aus der ich komme.

Und wie hast Du es geschafft, Dein Ziel zu erreichen?
Mariana Duarte Silva: 2011 hat die Stadtverwaltung Lissabon, konkret der Bürgermeister und sein Team, sich dafür entschieden, Lissabon in einen internationalen, kreativen Ort zu verwandeln. So wurde eine Abteilung für Innovation und Unternehmertum gegründet und ein Zentrum für Neugründungen eingerichtet, das „Startup Lisboa“. Anschließend haben sie Lizenzen ausgegeben, so dass Leute unterschiedliche Orte beziehen durften und Unterstützung erhielten, um eigene Unternehmen zu gründen.

Village Underground in Lissabon mit Blick auf das Café
Im Café des Village Underground in Lissabon
Der Timetable des Village Underground In Lissabon
Meeting Village Underground Lissabon
Mariana Duarte Silva Mitbegründerin des Village Underground in Lissabon
Konzert im Village Underground Lissabon

Und Du warst eine von diesen Gründern?
Mariana Duarte Silva: Ja, das war eigentlich echt witzig – die Stadt hat meine Projektidee in einem Magazin entdeckt. In dem Artikel habe ich vom Village erzählt und erwähnt, dass ich so etwas gerne in Lissabon aufziehen würde, aber noch immer nach einem passenden Ort dafür suchen würde. Daraufhin hat mich die Stadt kontaktiert und mir ihre Hilfe angeboten – und Hilfe hatte ich echt nötig! Am Ende entschied ich mich allerdings für einen anderen Ort, denn was die Stadt mir angeboten hatte, war nicht perfekt geeignet. Trotzdem war sie es, die den Stein ins Rollen brachte.

Kannst Du uns etwas genauer beschreiben, was das Village Underground ausmacht? Warum ist es so anders als andere Coworking-Zentren?
Mariana Duarte Silva: Ich glaube, das Party-Element macht den Unterschied. Leute, die sich ein Büro teilen, möchten nach der Arbeit gerne zusammen feiern. Aber auch die Struktur ist anders: Die Container sind z.B. alle miteinander verbunden. Das erleichtert Begegnungen. Außerdem wurde die gesamte Anlage von bekannten Street-Art-Künstlern aus Lissabon gestaltet und bemalt, wie etwa AKACORLEONE.

Welche Menschen kommen zum Arbeiten und Feiern hierher?
Mariana Duarte Silva: Wir haben hier eine ziemlich gute Mischung unterschiedlicher Leute: Theater- und Filmschaffende, Designer, Architekten und Autoren, aber auch Anwälte, ein Tonstudio und Werbeagenturen. Und nicht zu vergessen die Touristen … die mal reinschauen, einen Kaffee in unserer Cafeteria trinken – und zu unseren Partys kommen! Wir sind insgesamt rund 40 „Dorfbewohner“. Einige sind dauerhaft hier und waren von Anfang an dabei. Andere bleiben nur für ein oder zwei Wochen.

Mariana Duarte Silva an ihrem Arbeitsplatz
Mariana Duarte Silva an ihrem Arbeitsplatz

Was gefällt Dir am besten an Lissabon?
Mariana Duarte Silva: Das Village Underground (lacht)! Aber ganz im Ernst, ich mag alles an Lissabon. Ich finde es toll, dass ich in nur 15 Minuten an wundervollen Stränden bin. Ich finde es toll, dass meine Kinder nach der Schule in den Park gehen können. Lissabon hat ein besonderes Licht, einen großartigen Vibe und tolles Essen. Die Stadt wird gerade noch interessanter, weil so viele Leute von überall her kommen, um hier zu leben und ihre Erfahrungen mit uns zu teilen.

Liegt dieser Boom auch an der politischen Entscheidung von 2011, die Stadt zu einem Kreativstandort zu machen?
Mariana Duarte Silva: Als ich mich nach London aufmachte, lag das zum Teil daran, dass mir hier die Motivation fehlte. In Lissabon hatte ich einen stinknormalen Job, aber nicht wirklich Spaß daran. Als ich in London angekommen war, dachte ich: „Wow, das ist genau das, was ich will!“ Heute, im Jahr 2015, liegt ein bisschen London in Lissabons Luft – und auch ein bisschen Berlin. Und ich glaube, das ist erst der Anfang – es ist sehr aufregend, jetzt mit dabei zu sein.

Mariana Duarte Silva ist Unternehmerin und Mitgründerin von Village Underground Lisboa.

Hier geht es zu unserem Film „One fine day in Lisbon“ mit Kruella d’Enfer und AKACORLEONE, dem Profi-Inlineskater Rodrigo Braz Texeira und Mariana Duarte Silva.

Mehr Infos zu Village Underground Lisboa gibt es auf der Webseite oder auf Facebook!

Alle Bilder inkl. des Titelbilds: broken bloke Production / Kunst: AKACORLEONE