Stetige Umgestaltung seiner Umgebung war schon immer die beste Überlebensstrategie des Menschen. Urban Hacktivists verwandeln die sterilen Ecken unserer Städte deshalb mit minimalem Aufwand in Orte voller Lebensfreude: spielerisch, kreativ, manchmal anarchisch.

Urban Hacks Florian Riviere smart magazine
„This Is Not A Skateboard“
Foto: Florian Riviere

Der Lebensraum der Zukunft ist die Großstadt. Doch die Verdichtung des Raums verringert die Freiflächen. Das macht es immer schwieriger, die Umgebung unseren Bedürfnissen individuell anzupassen. Auf dem Weg vom Neandertaler zum Baumarktkunden hat der Mensch gelernt, dass er nur durch das ständige Verändern und Verbessern seiner Umgebung überleben kann. Aber wenn schon alles fertig ist: wohin mit der Gestaltungskraft?

Der Franzose Florian Rivière beantwortet diese Frage auf seine ganz eigene Art. Er bezeichnet sich selbst als „Urban Hacktivist“ und ist damit Anhänger eines globalen Trends. Ziel der urbanen Hacker: sterile Infrastrukturen und Alltagsroutinen einer Metropole mit möglichst viel Phantasie zu durchbrechen.

Der Skateboard-Laptop-Tisch

Im Video „This Is Not A Skateboard“ zeigt Rivière, wie ein Skateboard jenseits seiner Rolle als Sportgerät eingesetzt werden kann. Unser Favorit: Seitlich eingeklemmt in den Lamellen einer Parkbank wird aus dem Brett ein mobiler Tisch für einen Laptop.

In einem anderen Beispiel bindet er bei zwei gegenüberliegenden Telefonzellen die Hörer mit Klebeband zusammen und erinnert uns damit nahezu quasi im Vorbeigehen, jenes lang aufgeschobene Telefonat mit Oma, Freund oder Verwandten endlich nachzuholen.

In anderen Cityhacks werden Backsteine, versehen mit Kilogrammangaben, zu Fitnessgewichten. Eine Straßenabsperrung verwandelt sich durch ein eingelegtes Holzbrett in einen Sitzplatz, aus bunten Magnetbuchstaben entstehen jeden Tag neue Botschaften, in Telefonzellen, Feuermeldern oder zugemauerten Fensterrahmen entstehen öffentliche Bücherregale.

Ideenaustausch online, Umsetzung lokal

Über ihre lokalen Effekte Einflussbereich hinaus inspirieren „Cityhacks“ im Internet ein weltweites Publikum, das die Eingriffe dann wiederum lokal adaptiert. Eine kaum überraschende Korrelation ergibt sich zwischen der Dichte kreativer Menschen und der Zahl der Cityhacks: So listet der Blog „Rotten Apple Project“ gleich drei Dutzend bebilderte Beispiele für Cityhacks im Großraum New York auf. Die Macher der Webseite bleiben dabei anonym, da manche Modifikationen im Graubereich der Legalität entstehen.

Das Schachbrett auf dem Hydranten verkürzt die Wartezeit.
Das Schachbrett auf dem Hydranten verkürzt die Wartezeit.
Foto: The Rotten Apple Project
Tauschbörse für warme Klamotten
Tauschbörse für warme Klamotten
Foto: The Rotten Apple Project
Fitness-Ziegelsteine
Fitness-Ziegelsteine
Foto: The Rotten Apple Project
Alte Schubkarre
Alte Schubkarre
Foto: The Rotten Apple Project

Meist finden sich die Hacks aber eher an ungenutzten Plätzen. Als farbenfrohe Brüche in der Großstadt-Anonymität definieren sie urbane Orte neu. Sie helfen dort Zeit zu sparen, unterhalten beim Warten oder wecken sportlichen Ehrgeiz. Und fordern oft auch Partizipation.

Das tanzende Ampelmännchen und Street-Pong

Im Juli 2014 installierte smart in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon an einer Fußgängerampel ein tanzendes Ampelmännchen. In einer Kabine in unmittelbarer Nähe erfassten Bewegungssensoren die Tanzbewegungen von mitmachenden Passanten und spielten sie – digital und in Echtzeit – auf die Ampel. Der Überweg wurde zum Stadtgespräch. Und, viel wichtiger: An dieser etwas anderen roten Ampel warteten bei Rot 81 Prozent mehr Fußgänger als sonst!

Lied auswählen und lostanzen
Lied auswählen und lostanzen
Foto: smart
Das Ampelmännchen überrascht mit coolen Moves und Grooves
Das Ampelmännchen überrascht mit coolen Moves und Grooves
Foto: smart
Die tanzende Ampel von smart
Die tanzende Ampel von smart
Foto: smart
Die „gehackte" Straßenkreuzung wurde in kürzester Zeit zum Stadtgespräch
Die „gehackte“ Straßenkreuzung wurde in kürzester Zeit zum Stadtgespräch
Foto: smart

Dass innovative Urban Hacks aber nicht nur in den großen Metropolen auftauchen müssen, beweisen in einem anderen Fall von Ampel-Modifikation zwei Studenten der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst (HAWK) in Hildesheim: Sie installierten in der Stadt die erste weltweite „Street Pong“-Ampel.

Auf einem Touchscreen am Ampelmast können sich Wartende während der Rotphase mit den ebenfalls wartenden Fußgängern auf der anderen Straßenseite im Videospielklassiker „Pong“ messen. Das Kultspiel von 1972 bedarf keinerlei Erklärung – manche Passanten verpassen dabei sogar ihre Grünphase.

Im eigens gegründeten Designbüro wollen sich die beiden Studenten nun ausschließlich dem Thema „urbane Interaktion“ widmen. In Deutschland haben bereits weitere Städte Interesse bekundet. Und auch wenn gewerblich betriebenes Urban Hacking nicht immer den Charme des Selbstgemachten besitzt: Die Lebensqualität unserer Metropolen erhöht sich mit jedem neuen Farbtupfer.

Titelbild: smart