In großen Städten ist Platz eine knappe und begehrte Ressource. Landwirtschaft ist hier nicht möglich, sie findet im wahrsten Sinne des Wortes vor den Toren der Stadt statt. Doch immer mehr Urban-Farming-Projekte suchen sich ungewöhnliche, urbane Orte zur landwirtschaftlichen Nutzung. Gepaart mit innovativen Technologien wird es somit möglich, sich auch in den Zentren auf nachhaltige Art und Weise selbst zu versorgen.

In der Großstadt leben und dennoch selber Gemüse anbauen, ohne ständig an den Stadtrand pendeln zu müssen? Verschiedene Projekte und Initiativen machen das möglich. Sich selbst zu versorgen, kann nicht nur großen Spaß machen, sondern auch Pestizide vermeiden und Ressourcen schonen. Wie bei diesen fünf Projekten, die nicht ausschließlich Zukunftsmusik sind.

Salatzucht in horizontal

LED-belichtete Beete
Zuverlässiger als Sonnenlicht: LED-Belichtung lässt die Pflanzen wachsen.
Foto: Grow Bristol

Die Schiffscontainer, die hinter Bristols Hauptbahnhof Temple Meads stehen, beherbergen eine etwas ungewöhnliche Fracht: Hier werden Salate, Kräuter und sogenannte Microgreens, supergesunde Keimlinge, gezüchtet. Statt Spediteuren oder Reedereien hat hier das Unternehmen Grow Bristol seine Finger im Spiel. Spezialisiert auf innovative und nachhaltige Wege, innerhalb der Stadt Lebensmittel zu züchten, werden mit den Erzeugnissen fast zwei Dutzend lokale Restaurants und Supermärkte beliefert.

Urbane Landwirtschaft heißt das. Hierfür werden ungenutzte Nischen in der Stadt gesucht, die sich für den Anbau von Gemüse und Co. eignen. Dabei spielt besonders das Thema „vertical farming“ eine große Rolle: Statt eben, wie in der traditionellen Landwirtschaft, horizontal anzupflanzen, wird nach oben gebaut. So spart man Platz. Die Macher von Grow Bristol nutzen dabei die Hydroponik-Technik, was bedeutet, dass die Pflanzen nicht in Erde, sondern in Wasser angebaut werden. So können die Pflanzen in Regalen übereinander gestapelt wachsen und gedeihen – genügend Licht erhalten sie über LED-Lampen.

Landwirtschaft über den Wolken

Zwei Stunden von Stockholm entfernt möchte das schwedische Unternehmen Plantagon hoch hinaus: In der Universitätsstadt Linköping wird derzeit das 17-stöckige World Food Building gebaut. Das kegelförmige Hochhaus mit Glasfassaden soll auf der Nordseite Büros beherbergen, während die Südseite als Gewächshaus dienen soll. So kann Sonnenlicht genutzt und Energie eingespart werden – in Kombination mit einer Biogas- und Müllverbrennungsanlage. Auch hier wird das Prinzip des vertikalen Anbaus angewandt – in 50 Metern Höhe.

Der bepflanzte Bereich im World Food Building in Linköping
Auf der Sonnenseite des World Food Building wächst und gedeiht es.
Foto: Plantagon Illustration Sweco

Im Jahr 2020 soll das Hochhaus fertiggestellt sein und dann nach Unternehmensangaben 550 Tonnen Gemüse produzieren, um jährlich 5.500 Menschen zu ernähren und so als Leuchtturmprojekt zeigen, was in der Verbindung von Agrikultur, Tech und Architektur – kurz Agritechture – alles möglich ist. Zwar darf Gemüse, das nicht auf echter Erde gewachsen ist, kein Bio-Siegel tragen. Trotzdem handelt es sich hier um eine weitgehend pestizidfreie und nachhaltige Angelegenheit.

Zukünftiger Konferenzraum im World Food Building
Zukünftiger Konferenzraum im World Food Building.
Foto: Plantagon Illustration Sweco

Abwasser mit Nährstoffen

Im Berliner Stadtteil Kreuzberg, unweit vom Potsdamer Platz, ist die Roof Water-Farm beheimatet. Bei diesem Forschungsprojekt wird, wie der Name bereits verrät, auf dem Dach eines Hochhauses Landwirtschaft betrieben – und zwar mittels der Techniken Hydroponik und Aquaponik (Fischzucht in Verbindung mit Nutzpflanzenkulturen).

Das Bemerkenswerte daran: Hierfür wird Abwasser, das im Gebäude entsteht, über eine hauseigene Recyclinganlage wieder nutzbar gemacht. Das ergibt doppelt Sinn. Neben der Ressourcenschonung werden so auch die Nährstoffe genutzt, die im Abwasser enthalten sind.

Mann erntet Kräuter, die in der Stadt angebaut wurden
Über den Dächern der Stadt: die Rooftop Water-Farm.
Foto: iStock / JBryson

Bereits heute könnten sich beispielsweise die Betreiber von Mehrfamilienhäusern oder Bürogebäuden dazu entschließen, solch ein Leitungssystem für die Bewässerung der hauseigenen Landwirtschaft einzubauen – und das zu geringen Kosten. Wenn man dazu bedenkt, dass sich rund 40 Prozent der Häuser Berlins für Dach-Landwirtschaft eignen, ist auch in Ballungsräumen mit wenigen Mitteln und ohne hohen Aufwand eine kostensparende, unabhängige und nachhaltige Selbstversorgung möglich.

Fisch aus der Fischzucht von Rooftop Water-Farm
Aquaponik macht’s möglich: Fischzucht in luftiger Höhe.
Foto: Roof Water Farm
Person hält einen Korb mit Tomaten
Frisches Gemüse ernten – über den Dächern.
Foto: iStock / TommL

Unendlicher Recyclingkreislauf

Zwischen den Deichtorhallen und dem Großmarkt in Hamburg befindet sich in einer ehemaligen Lagerhalle die Produktionsstätte von Farmerscut. Auf etwa 1.200 Quadratmetern werden hier Blattsalate, Rettichkresse und Kräuter angebaut – pro Tag werden rund 50 Kilogramm verkaufsfähige Ware produziert. Das Start-up bedient sich dabei einer eigens für das Indoor-Farming entwickelten Technologie namens Dryponics, die bislang weltweit einzigartig ist. Basierend auf der Hydroponik werden hier auch Pflanzen statt in Erde in Wasser aufgezogen. Doch bei dieser Methode wird das Wasser über ein Kreislaufsystem immer und immer wieder neu verwendet – wodurch 90 Prozent weniger Wasserbedarf als bei herkömmlichen Anbauarten entsteht.

Die Pflanzen von Farmerscut wachsen in Wasser
Dank Wasserzirkulation wird sparsam bewässert.
Foto: iStock / JYJ

Gemeinsam den Wandel anstoßen

Neben solchen großen und kleinen, forschungsbasierten und nutzerfreundlichen Projekten gibt es diverse Ansätze, sich in urbanen Räumen selber zu versorgen – von Gemeinschaftsgartenanlagen über geteilte Felder am Stadtrand bis hin zu öffentlichen Gartendachterrassen. Doch wie findet man heraus, was es in der Nähe gibt und zu einem passt?

Gemeinschaftgärten auf dem Dach eines Hochhauses
Gemeinschaftsgärten – ein wachsender Trend für Großstädter mit grünem Daumen.
Foto: A@agroParisTech

Im Großraum Chicago wurde zu diesem Zweck das Chicago Urban Agriculture Mapping Project gegründet. Das Gemeinschaftsprojekt von Einzelpersonen, Organisationen und Unternehmen pflegt fortlaufend eine interaktive Online-Karte, die einen Überblick sämtlicher Projekte urbaner Landwirtschaft bietet. Der User trifft zugleich auf eine Community, mit der er sich austauschen und zusammenschließen kann.