Wer nah am Wasser gebaut ist, muss sich oft Spott anhören. Hamburg bleibt da gelassen – und macht sein eigenes Ding. Die Stadt hat ein engmaschiges Netzwerk junger Kreativer zu bieten und steckt voller Überraschungen. Zeit für einen Besuch und einen Blick hinter die Kulissen.

Dirk Wilberg mag Teil der digitalen Kreativszene sein. Doch man sieht ihm an, dass er eigentlich kein Büromensch ist. Gebräunt, Surfer-Frisur, federnder Gang. Sein Anker-Tattoo nimmt man ihm ab: Der gebürtige Nordfriese ist seit sechs Jahren in der Hansestadt zu Hause. Als Herausgeber des Online-Stadtmagazins Mit Vergnügen Hamburg ist er fast täglich in der Stadt unterwegs, kennt die Menschen, weiß, was passiert. Mit ihrem Büro im Schanzenviertel sitzt die Redaktion von Mit Vergnügen nur wenige Fußminuten von vielen angesagten Spots entfernt. Zusammen heben wir den Blick etwas weiter: Im smart fortwo verbringen wir einen Sommertag zwischen Oberhafen, St. Pauli und Ottensen und treffen die Menschen, die Hamburg bewegen.

Dirk Wilberg steigt aus einem smart fortwo

Moin, Dirk. Du wirkst wie ein Hamburger mit Leib und Seele.
Dirk Wilberg: Ja, genau (lacht). Hamburg ist mein Zuhause und im Grunde die erste Stadt, die ich mir wirklich selbst ausgesucht habe.

Du hast ein Tattoo mit Anker und Herz – keine Angst vor Klischees?
Dirk Wilberg: Nein, denn Klischees sind immer auch ein bisschen wahr. Dass Hamburger den ganzen Tag am Hafen und der Alster rumhängen, ist ein bisschen Klischee und ein bisschen wahr. Wenn ich durch die Stadt fahre, fällt mir immer wieder auf, wie schön Hamburg eigentlich ist. Mir gefällt die Mischung aus Hafen- und Großstadt. Hamburg ist gediegener als Berlin. Jemand hat mal gesagt, Hamburg sei eine Endstation, im positiven Sinne. Wie ein Kopfbahnhof. Hierher kommt man, um zu bleiben.

Dirk Wilberg am telefonieren
Dirk Wilberg lächelnd
Dirk Wilberg am Schreibtisch

Bist du ein Lokalpatriot?
Dirk Wilberg: Das wird man hier in Hamburg schnell. Lokalpatriotismus kann man allerdings nur mit Augenzwinkern betreiben. Natürlich sind die Hamburger sehr stolz auf ihre Stadt und das lassen sie manchmal auch gerne raushängen. Aber gleichzeitig sollte man das nicht zu ernst nehmen.

smart fortwo in silber

Du bist Teil eines engen Netzwerks von Kreativen und Selbstständigen in der Stadt. Wohin geht’s zuerst?
Dirk Wilberg: 
Lasst uns meinen Freund Jakob bei Lemonaid besuchen. Sein Büro liegt in St. Pauli, direkt neben dem Millerntor-Stadion. Zusammen mit Freunden produziert Jakob leckere Limonade aus fair gehandelten Zutaten. Auf diese Weise werden Bauernkooperativen unterstützt. Zusätzlich fließt mit jeder verkauften Flasche ein Beitrag an soziale Projekte, zum Beispiel zur Unterstützung von Schulen in den Anbauländern – aber auch direkt hier in Hamburg. Wirklich ein tolles Konzept. Der Faktor Nachhaltigkeit ist charakteristisch für die Stadt: Als Hafenstadt hatte Hamburg schon immer eine besondere Verbindung zur Welt. Meine Lieblingssorte ist natürlich die gelbe Maracuja-Flasche.

Dirk Wilberg im Gespräch mit Lemonaid Gründer
Dirk Wilberg und Jakob Berndt
Dirk Wilberg und Jakob Berndt im Lemonaid Büro

Lass uns zum Wasser fahren – wir sind schließlich in Hamburg!
Dirk Wilberg: 
Gern, aber bitte nicht zu den Landungsbrücken, die sind viel zu überlaufen. Ich schlage euch den Oberhafen vor. Auf dem ehemaligen Gelände eines großen Güterbahnhofs haben sich viele Kreative einquartiert: Fotografen, Agenturen, Designer und Kreativhandwerker. In einigen der luftigen Lagerhallen werden Ausstellungen oder Konzerte veranstaltet. Besonders spannend ist die Hanseatische Materialverwaltung – ein Fundus voller Schätze für Filmausstatter oder Kuriositätensammler. Die gemeinnützige GmbH verleiht Materialien aus vergangenen Film- und Theaterproduktionen neues Leben. Soziale und ökologische Projekte können so ihre kreativen Ideen realisieren. Die Materialverwaltung ist eine wichtige Anlaufstelle für Kreative aus Hamburg und dem Umland.

Dirk Wilberg mit smart vor bunter Wand
Kunst: Curtis, Lugo, Burns, Hypno
silberner smart fortwo vor Graffiti
Kunst: Curtis, Lugo, Burns, Hypno

Siehst du die Stadt anders, weil du über sie schreibst?
Dirk Wilberg: Ich sehe sie auf jeden Fall aufmerksamer. Durch meinen Job sehe ich doppelt so genau hin, wenn etwas interessant ist und mache oft schnell ein Handyfoto als Erinnerung. Bei Mit Vergnügen Hamburg liegt uns das am Herzen: mit Fingerspitzengefühl Sachen für unsere Leser zu entdecken, die sie so selbst nicht entdeckt hätten. Sobald man die Trampelpfade verlässt, stößt man auf urbane Räume und spannende Ideen, so wie hier im Oberhafen. Auf dieser Basis kann sich eine spannende Szene entwickeln.

Wen kennst du noch im Oberhafen?
Dirk Wilberg: 
Malte Brenneisen ist einer der vier Macher von Die Brueder, einer Kreativagentur direkt gegenüber von der Materialverwaltung. Sie geben nicht nur mit Gentle Rain ein eigenes schönes Magazin heraus, sondern organisieren auch die IndieCon, ein Festival für unabhängige Magazine. Anfang September bringen sie dafür Gestalter, Texter und Macher zusammen.

Zwei Männer blättern in einem Magazin

Gentle Rain Magazin

Macht diese starke Szene die Stadt lebenswert?
Dirk Wilberg: Sie trägt sehr dazu bei. Dieses spannende Umfeld ist mir sehr wichtig. Hamburg mag übersichtlich sein, aber besticht trotzdem durch ein dichtes kulturelles Angebot. Berufsbedingt hat das in meinem Fall auch viel mit Subkultur zu tun. Als Kirsche auf den Kuchen kommt dann noch das Gesamterscheinungsbild der Stadt. Es ist einfach fantastisch, in einer Stadt mit Hafen und so viel Wasser zu leben…

Logo der Materialverwaltung Hamburg
Materialverwaltung von innen
smart fortwo im Oberhafen
Dirk Wilberg im Oberhafen

Wie wär’s mit Lunch?
Dirk Wilberg: Unbedingt! Das Rain in Ottensen fällt mir da ein. Mein Freund Niels Berschneider hat diese liebevoll eingerichtete Eatery eröffnet. Vorher hat Niels bei Lemonaid gearbeitet – so schließt sich der Kreis. Zwar gibt es schon viele Cafés in Ottensen, aber er betreibt das Rain mit viel Leidenschaft und steht oft selbst in der Küche und bereitet tolle Eggs Benedict oder leckere Avocado-Brote zu. Er hat einfach ein gutes Händchen für Details. Ein wirklich wunderschöner Laden.

parkender smart fortwo

Mittagessen

Dirk Wilberg macht Seifenblasen

Kann man in Ottensen gut bummeln?
Dirk Wilberg: 
Auf jeden Fall. Christian Adler, ein guter Bekannter von mir, betreibt mit Adler Altona eine schöne Herrenboutique, gleich hier um die Ecke. In seinem Geschäft gibt es hochwertige Accessoires und Mode aus ausgewählten Manufakturen. Außerdem gibt es eine schöne Auswahl von Büchern und Magazinen. In Anlehnung an die Reederei seines Urgroßvaters wurden Logo und Schriftzug des Ladens in einer entsprechenden Ästhetik gestaltet. Tradition und Langlebigkeit spielen für Christian eine große Rolle. Christian und mich verbindet übrigens eine lustige Geschichte – wir haben uns nämlich beim Campen kennengelernt, über einen gemeinsamen Freund. In Hamburg ergeben sich oft Verbindungen dieser Art.

Welche Läden finden wir noch auf deiner persönlichen Schatzkarte?
Dirk Wilberg: Michelle Records ist ein extrem gut sortierter Plattenladen – er wurde unter anderem mit dem Echo ausgezeichnet. Plattenläden sind ja generell vom Aussterben bedroht. Das Team von Michelle Records schafft es trotzdem, mit viel Liebe und Herzblut ihren Laden zu etwas Besonderem zu machen. Der Laden ist auch ein Anlaufpunkt für Menschen. Dort gibt es Schaufensterkonzerte, man kann stöbern und mit dem Personal plaudern. Es gibt sehr viele Stammkunden, die da einfach gut rumhängen. André und Christoph haben mit ihrem Laden einen Ort geschaffen, an den man gerne geht, weil das Personal nicht glaubt, es habe einen besonders ausgefeilten Musikgeschmack, sondern die Kunden und ihre Wünsche im Mittelpunkt stehen.

Schaufenster von Adler Männermode
Dirk Wilberg am shoppen
Dirk Wilberg im Laden
Dirk Wilberg in Ottensen

Jetzt sind wir ganz schön herumgekommen. Welche Bedeutung hat Mobilität für dich, gerade im Hinblick auf deine tägliche Arbeit in der Stadt?
Dirk Wilberg: Mobilität ist auf jeden Fall sehr wichtig. Man kann die Stadt nicht kennenlernen, wenn man nur den Weg von der Wohnung ins Büro kennt oder den ganzen Tag im Büro herumsitzt. In einer Großstadt brauche ich dafür einen guten Mobilitätsmix. Ich habe ein Auto und einen Roller, nutze daneben aber auch häufig car2go oder öffentliche Verkehrsmittel. Ein Boot fehlt noch, das ist in Hamburg nicht zu vergessen. Zumindest einen Bootsführerschein habe ich bereits (lacht).

Dirk Wilberg lehnt sich aus smart fortwo

smart fortwo in Hamburg

smart fortwo in silber von hinten

So, und wo lassen wir den Tag ausklingen?
Dirk Wilberg: Der Saal II ist eine Institution in der Schanze, den gibt es schon ewig. Der Laden ist direkt um die Ecke von unserer Redaktion. Man kann hier morgens frühstücken, nachmittags Kaffee und abends ein Bier trinken. Ich kann dort gut mal bis in den Abend hinein sitzenbleiben und von da aus in die Nacht starten. Es ist ein bisschen auch ein subkulturell angehauchter Laden. Paul Pötsch von der Hamburger Band Trümmer stand hier z.B. bis vor Kurzem noch hinter dem Tresen. An einem mittlerweile relativ touristischen Ort wie der Schanze noch einen so coolen Laden zu haben, ist einfach großartig. Der Saal II ist eine der letzten Bastionen der alten Schanze.

Dirk Wilberg vorm Saal 2

Dirk Wilberg kennt keine Langeweile. Aus seinen Büros unweit der angesagten Hamburger Sternschanze betreibt er unter anderem eine auf Musik und Guerilla-Aktionen spezialisierte PR-Agentur, einen Musikverlag, ein Plattenlabel und eine Booking-Agentur. Seit Anfang 2014 ist er der Herausgeber der Hamburger Ausgabe des Stadtmagazins Mit Vergnügen.

Local Secrets Hamburg:

Lemonaid
www.lemon-aid.de

Hanseatische Materialverwaltung
Stockmeyerstraße 41, 20457 Hamburg
www.hanseatische-materialverwaltung.de

IndieCon Festival für unabhängige Magazine
Oberhafen, 20457 Hamburg
www.indienet.de

Gentle Rain
www.gentlerainmag.com

Rain Cafeatery
Große Rainstraße 15, 22765 Hamburg
www.rain-cafeatery.de

Adler Altona
Bei der Reitbahn 3, 22763 Hamburg
www.adler-altona.de

Michelle Records
Gertrudenkirchhof 10, 20095 Hamburg
www.michelle-records.de

Saal II
Schulterblatt 83, 20357 Hamburg