Mit der Gesellschaft wandeln sich auch Gebäude und Städte: Wurden urbane Zentren einst von mächtigen sakralen Bauten dominiert, entsprechen die alten Kirchen heute oft nicht mehr den Ansprüchen moderner Gemeinden. Allerdings inspirieren sie vielerorts Architekten und neue Nutzer. Hier sechs der spektakulärsten Transformationen.

Essen und trinken: Alma de Cuba – Liverpool

Im Jahr 1788 war die St. Peters Church die erste katholische Kirche von Liverpool. Seit den späten siebziger Jahren wurde der imposante Bau unweit des Bahnhofs allerdings nur noch sporadisch genutzt. 2005 erkannten Gastronomen ihre Chance und verwandelten „St. Peters“ in das „Alma de Cuba“, eine Mischung aus Restaurant und Bar mit lateinamerikanischem Einschlag. Der imposanten sakralen Architektur trugen sie dabei Rechnung: Lange Holztafeln säumen die unverputzten Backsteinwände, durch geschicktes Beleuchtungsdesign wirkt das große Kirchenschiff aber nun deutlich heller. Einige Palmen weisen dezent auf das neue Konzept hin. Besonders beliebt ist das Alma de Cuba heute bei Hochzeitsgesellschaften, sonntags lockt der Brunch mit Gospelchor.

Verweilen und schmökern: Selexyz Dominicanen – Maastricht

Riesige dunkle Bücherregale auf mehreren Etagen erstrecken sich monolithartig bis unter die Decke eines gotischen Kirchenschiffs aus dem 13. Jahrhundert: Optisch passt das verblüffend gut zusammen – und spirituell gesehen sind Weltliteratur wie auch wissenschaftliche Fachbücher in einer alten Dominikanerkirche nicht fehl am Platze. Seit 2006 existiert die Buchhandlung „Selexyz Dominicanen“ im niederländischen Maastricht und rühmt sich, das größte Sortiment der Stadt vorrätig zu haben – Platz ist schließlich genug vorhanden. Außerdem organisiert das Team rund 140 Veranstaltungen pro Jahr, von der Lesung bis zum Musikevent. Im Laufe seiner wechselvollen Geschichte wurde der riesige Bau bei weitem nicht nur zum Gebet genutzt. Die Kirche beherbergte vor der Buchhandlung schon einen Boxring und ein Fahrradparkhaus.

Buchhandlung Selexyz Dominicanen in Maastricht
In der Selexyz Dominicanen finden jährlich rund 140 Veranstaltungen – von der Lesung bis zum Musikevent – statt.
Foto: Domimicanenkerk

Pumpen und schwitzen: David Barton Gym Chelsea-Limelight – New York

Vielen Athleten bietet ihr Sport eine starke meditative Komponente. Insoweit hat die Fitness-Kette David Barton Gym alles richtig gemacht, als sie in einem neogotischen Kirchenbau im New Yorker Stadtteil Chelsea ein Sportstudio einrichtete. Hanteln stemmen unter Buntglasfenstern? Yogakurs auf einer der zusätzlichen eingezogenen Ebenen unter dem ehrwürdigen Gewölbe? Das klingt verlockend, zumal in dem Bauwerk auch schon auf andere Arten geschwitzt wurde: Seit den Achtzigern hatte die Kirche den legendären Club „Limelight“ beherbergt, in dem Berühmtheiten von Andy Warhol bis Mick Jagger tanzten und feierten. Diese Tradition lebt bei David Barton weiter: Wechselnde internationale Live-DJs untermalen das Fitness-Angebot.

Sportgeräten im David Barton Gym
Im jetzigen David Barton Gym tanzten in den Achtzigern Berühmtheiten von Andy Warhol bis Mick Jagger im ehemaligen Club „Limelight“.
Foto: David Barton Gym

Präsentieren und verkaufen: König Galerie – Berlin

Der klassischen Vorstellung eines Sakralbaus entspricht die ehemalige katholische St.-Agnes-Kirche in Kreuzberg nicht: Ende der Sechziger Jahre im Stil des Brutalismus entstanden, zeichnet sie sich durch betongraue, rechteckige Strukturen aus. Einzig der Turm deutet auf die ursprüngliche Bestimmung hin. Den Architekten Arno Brandlhuber faszinierte genau das. Denn innen weist St. Agnes glatte Flächen ohne Ablenkung auf. Oberlichter und schmale indirekte Lichteinlässe sorgen für eine weiche Helligkeit, die sich für die Präsentation von Kunst ideal eignet. So nutzt heute die König Galerie das nach Plänen von Brandlhuber behutsam umgestaltete Kirchenschiff. Im Rest des Gemeindekomplexes befinden sich innovative Unternehmen und Apartments. Eines hat sich allerdings nicht geändert: Wer außen vor dem Ensemble steht, muss immer noch genau hinsehen, um zu erkennen, was sich im Inneren verbirgt.

Rollen und chillen: Skate Church – Llanera, Spanien

Die meisten neuen Nutzungen alter Kirchen sind von großem Respekt dem Gebäude gegenüber geprägt: wenig verändern, dezente Farben, die sakrale Aura des Baus nicht beschädigen. Dass sich der Kirchenarchitektur auch anders gerecht werden lässt, zeigt die Skate Church im nordspanischen Llanera. Street-Artist Okuda San Miguel füllte sie mit bunten, psychedelischen Motiven, mit Gesichtern, Fabelwesen und geometrischen Strukturen. Das Kirchenschiff dominiert eine üppig dimensionierte Halfpipe, die die Skater Crew „Church Brigade“ ersann. Den Umbau der seit langem leerstehenden Kirche führte sie in Eigenarbeit durch. Die Materialien wurden via Crowdfunding finanziert, außerdem beteiligte sich ein Getränkekonzern mit einer Spende. Und die Spiritualität? Auch im Auf und Ab des Boards kann man sich verlieren. Und sich dabei gleichzeitig selbst finden.

Skater in Skate Church Llanera
Street-Artist Okuda San Miguel füllte die Skate Church mit bunten, psychedelischen Motiven, Gesichtern, Fabelwesen und geometrischen Strukturen.
Foto: Elchino Pomares

Leben und wohlfühlen: Wohnkirche – Chicago

Großzügig geschnittenes Einfamilienhaus, Erstbezug nach Neugestaltung, inklusive Glockenturm und Kletterwand. So könnte die Verkaufsanzeige für die ehemalige Kirche in Chicagos Little Italy lauten, die heute den Lebensmittelpunkt einer Familie bildet. Die ortsansässigen Firmen Scrafano Architects und Linc Thelen Design ließen das Äußere des Baus aus der Jahrhundertwende praktisch unberührt, gestalteten das Innere aber konsequent um. So bietet der große, offene Hauptraum jetzt Loft-Atmosphäre inklusive Kamin. Vor dem Herd gibt ein Kirchenfenster den Blick nach draußen frei, der Turm wurde zur Aussichtsplattform umgewandelt. Und wer Sport treiben will, muss dazu nicht das Schlafzimmer verlassen. Denn dort wurde eine Kletterwand installiert.

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Ein Trend, der immer mehr im Kommen ist: Leben in ungewöhnlichen Wohnräumen.
Foto: Scrafano Architects, Linc Thelen Design, Jim Tschetter