Mikroappartements und Mikrohäuser sind angesagt. Kein Wunder, denn die Preise für bezahlbaren Wohnraum gehen durch die Decke. Was aber bieten die Zimmerchen und mobilen Häuser wirklich? Eine Hitliste.

Japanische Bonsai-Architektur

Eine urbane Klette aus Beton, Glas und Mauerwerk, die sich an das Nachbarhaus lehnt? Fast kommt es einem so vor, als wollten die japanischen Architekten Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima vom Atelier Bow Wow mal eben beweisen, dass sich noch in der letzten Baulücke ein leichtfüßiges Gebäude hinstellen lässt.

Augenzwinkernd nennen sie ihre minimalistischen Interventionen „Pet Architecture“. Ihr kombiniertes Wohn- und Atelierhaus mitten in Tokio ist jedenfalls wesentlich höher als breit. Ein halbes Dutzend Etagen geht es nach oben, bevor man auf einer winzigen Dachterrasse steht und über ein kleines Häusermeer blickt. Der Nachbar ist zum Greifen nah, und doch hat man nie das Gefühl, eingeengt zu sein. Im Gegenteil. Mit jedem Halbgeschoss ändert sich der Charakter des Hauses. Das Atelier weicht der Privatwohnung. Es gibt gefühlt nur zwei Türen in diesem Haus – die zum Schlafzimmer und die zur Toilette.

Wer sich nun fragt, ob sich Minimalismus noch steigern lässt, sollte die filigranen Minihäuser des Ateliers Mizuishi betrachten, eine Art „umgekehrter“ Godzilla: mächtig klein, aber genauso auffällig.

Ein filigranes Mikrohaus von Atelier Mizuishi
Ein filigranes Mikrohaus von Atelier Mizuishi
Foto: Hiroshi Tanigawa
Atelier Mizuishi
Eine Art „umgekehrter“ Godzilla: mächtig klein…
(c) Hiroshi Tanigawa
Atelier Mizuishi
… aber genauso auffällig.
Foto: Hiroshi Tanigawa
Augenzwinkernd nennt Atelier Bow-Wow seine minimalistischen Interventionen „Pet Architecture“.
Augenzwinkernd nennt Atelier Bow-Wow seine minimalistischen Interventionen „Pet Architecture“.
(c) Atelier Bow-Wow
Das kombinierte Wohn- und Atelierhaus mitten in Tokio ist wesentlich höher als breit.
Das kombinierte Wohn- und Atelierhaus mitten in Tokio ist wesentlich höher als breit.
(c) Atelier Bow-Wow

Begehbare Flaschenpost

Auf den ersten Blick ist nicht ganz klar, ob sich Boris Duijneveld nur einen genialen Spaß erlaubt hat, aber eines muss man seinen MUD (mobile urban design)-Projects lassen: Sie sind wunderbar entspannt und so ziemlich das Gegenteil dessen, wofür sich Hausbesitzer ein halbes Leben verschulden.

Im Inneren eines hölzernen Eis namens „Val Ross“, das wie eine begehbare Flaschenpost im Sand liegt, scheint die Zeit stillzustehen. Licht sickert honigfarben durch die Holzwände, das Doppelbett schmiegt sich an die Wand – und gegenüber gibt es ein Bullauge aus Plexiglas.

In Amsterdam waren von Juni bis August diese und andere skurrile Micro-Homes zu einer Strandparty vereint: Kunst zum Anfassen, Design zum Ausschlafen (für 85 Euro und maximal zwei Personen).

 

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Manhattan-Transfer

Die Gesetze des Marktes sind so brutal wie einfach. Wenn alle in die Stadt drängen, wird es dort nicht nur eng, sondern richtig teuer. Unkonventionelle Methoden sind daher gefragt, aus dem Wenigen etwas mehr zu machen. Das Projekt der vorgefertigten Manhattan Micro Apartments hat bereits die Runde gemacht, eine ganze Architektenschaft arbeitet fieberhaft an neuen Wegen, Dächer auszubauen und Wohnen einzudampfen, damit es irgendwie zwischen die üblichen Kategorien passt. Scott Specht und Louise Harpman bauten so etwas wie eine begehbare Spirale, in der noch der letzte Winkel als Stauraum dient. So kann die Treppe auch als Schrank genutzt werden, das Bett auf der Empore hingegen ist geschützt vor Blicken der Gäste, die derweil gemütlich auf dem Sofa abhängen. Eine High-End-Miniatur, aber eine, die es in sich hat.

Modell von Scott Specht und Louise Harpman
Scott Specht und Louise Harpman bauten eine begehbare Spirale, in der noch der letzte Winkel als Stauraum dient.
(c) Specht-Harpman Architects

Eine schräge Hütte mitten im Nichts

Das Aussteigen in den Wäldern hat ja eine gewisse Tradition. In „Walden oder Leben in den Wäldern“ beschrieb der amerikanische Unabhängigkeitsdenker Henry David Thoreau bereits 1854, was es bedeutet, auszusteigen und in einer einfachen Hütte zu leben.

Nun ist der Süden Finnlands auch nicht schlechter als die Wälder Massachusetts‘. So gesehen ist das Nido House des finnischen Designers Robin Falck so etwas wie das Update einer alten Idee. Mitten im Nichts taucht sie auf, eine schräge Hütte mit einem riesigen Fenster und einer noch größeren Terrasse. Die Grundfläche beträgt gerade neun Quadratmeter. Im Grunde besteht diese Minihaus nur aus Aussicht in die Föhrenwälder der Südküste Finnlands. Und doch geht es nicht auf in der Landschaft, sondern steht als Gegenentwurf zum Grün: eckig und ehrlich – eine kantige Setzung inmitten kaum berührter Natur.

 

Eins drauf setzen

Es gehört schon Mut dazu, wieder bei den Eltern einzuziehen. Da ist das hier eine ganz gute Alternative. Einfach das Haus der Mutter erweitern, eins drauf setzen, genauer gesagt: zwei Geschosse. Für einen Musiker erweiterten die Grupo Aranea Architects das alte Eckhaus in Murcia um ein bewohnbares Möbiusband. Ein Raum windet sich vom Eingang über den Schlafbereich zum Wohnzimmer bis zur Dachterrasse. Die kubisch-zackige Architektursprache der Casa Lude mit ihren Schießscharten als Fenster schafft zugleich Nähe und Kontrast zur traditionellen Bauweise. Sichtachsen gehen nicht zur Straße, sondern zu den nahen Bergen. Ein guter Platz zum Üben.

Außenansicht Casa Lude
Gute Alternative, wenn man wieder bei den Eltern einzieht: einfach das Haus erweitern.
Modell von Casa Lude
Ein Raum windet sich vom Eingang über den Schlafbereich zum Wohnzimmer bis zur Dachterrasse.
Terrasse von Casa Lude
Ein perfekter Platz zum Üben

Titelbild: Hiroshi Tanigawa