Der Hauptsitz des Design-Thinktanks Space10 befindet sich in Kopenhagens trendigem Stadtteil Kødbyen in einer alten Fischmarkthalle. Der Geruch von Fisch ist hier jedoch lange verschwunden, im Gegensatz zum Innovationsgeist, der in der kreativen und vielseitigen Arbeit von Space10 spürbar ist. Die Verbindung zum größten Möbelhersteller der Welt lässt sich auf den ersten Blick nicht erahnen.

Space10 wurde 2014 als externes Innovationslabor gegründet, um fernab des normalen Tagesgeschäfts an neuen Ideen für Ikea zu feilen. Der schwedische Möbelgigant hat sich zur Aufgabe gemacht, den Alltag von Menschen zu erleichtern. So ist es nicht verwunderlich, dass der gleiche Spirit auch die Arbeit von Space10 bestimmt.

Außenansicht des Gebäudes von Space10
Das Innovationslabor von Space10 in Kopenhagen.
Foto: Alastair Philip Wiper

„Space10 ist viel mehr als nur Design, Produktion und Vertrieb von Möbeln“, erklärt Simon Caspersen, der engagierte Kommunikationsdirektor von Space10. „Wir untersuchen, wie Ikea seine Vision möglichst authentisch umsetzen kann. Dafür schauen wir genau hin – was mit großen Trends passiert, wie sich die Welt verändert und wie sich das auf uns alle auswirkt.“

Mitarbeiter von Space10 entspannt sich auf einer Art Tagesbett
Das Team arbeitet zwischen Life-Hacks, Kunst und zukunftsweisendem Design.
Foto: Alastair Philip Wiper

Die Büroräume selbst sind eine wahre Spielwiese für Designer. Das Erdgeschoss des ehemaligen Fischhandelszentrums ist ein komplett offener Raum mit bodentiefen Fenstern. Als Space10 hier eingezog, waren Fische und Krustentiere gerade erst verschwunden. Das Gebäude bestand noch aus vielen kleinen Einzelräumen, deren Mauern die Architekten einrissen, um einen weitläufigen Arbeits- und Veranstaltungsbereich zu schaffen. Oben, im lichtdurchfluteten Hauptbereich, wechseln sich Schreibtische und Pflanzen ab; ein Baumhaus über dem Arbeitsbereich bietet Platz zum Entspannen.

Caspersen, einer der Mitgründer von Space10, verweist auf die große Vision. „Am Anfang ist nicht Ikea, sondern die Welt. Was sind die großen Herausforderungen, denen sich die Menschheit stellen muss? Unsere guten Ideen und Prototypen können mit einem Partner wie Ikea groß werden und die ganze Welt erreichen.“

Blick aus den Büro- und Relaxräumen von Space10
Regal? Arbeitsplatz? Rückzugsort?
Foto: Alastair Philip Wiper

Urbane Ernährung neu denken

Eines der vielen Themen, denen sich Space10 widmet, ist die Zukunft des Essens. Nach einer Reihe von Trendstudien begann das Team, mit dem Anbau von Hydrokulturen und künstlichem Licht zu experimentieren. Mit bis zu 90% weniger Wasser- und Platzbedarf (die Lebensmittel werden vertikal angebaut) haben urbane Landwirtschaftssysteme das Potenzial, die Lebensmittelinfrastruktur in der Stadt zu revolutionieren.

„Ernährung ist eine der größten Herausforderungen, mit der die Welt zukünftig konfrontiert werden wird, da wir in kürzester Zeit sehr viel mehr Lebensmittel benötigen werden,“ betont Caspersen. „Die Art und Weise, wie wir derzeit Lebensmittel produzieren, ist nicht nachhaltig.“

Mitarbeiter von Space10 an einer langen, gedeckten Tafel
Space10 greift auf eine große Kreativgemeinschaft zurück.
Foto: Space10

Mit dem Projekt Tomorrow’s Meatball will Space10 auch die bei Ikea-Kunden so beliebten Fleischbällchen, neu auflegen. Dafür forschte das Team nach Möglichkeiten, das Produkt ohne Fleisch und auf eine nachhaltigere Art herzustellen. „Wir experimentieren dafür mit anderen Arten von Proteinen – Mehlwürmern zum Beispiel – müssen aber auch ehrlich sein“, sagt Caspersen. „Am Ende müssen die Fleischbällchen lecker aussehen und schmecken, selbst wenn die Zutaten für ein neues Publikum befremdlich sein könnten!“

Growroom Model mit Pflanzen in einer Eingangshalle
Growroom: modulares Open-Source-Design.
Foto: Space10

Mit der Idee für den Growroom, einem offenen, sphärischen Garten, geht Space10 mit der Frage nach der Zukunft unseres Essens noch einen Schritt weiter und ermöglicht Menschen, Lebensmittel lokal und nachhaltig anzubauen. Die Idee dafür kam ihnen bei der Planung eines anderen Projekts: Space10 arbeitete an einer intelligenten Duschvorrichtung, die den Verbrauch von Wasser reduzieren sollte.

Ein beiläufiger Kommentar darüber, wie viel Wasser allein benötigt wird, um ein Burger-Patty zu produzieren, veranlasste das Team, die Nahrungsmittelproduktion unter die Lupe zu nehmen und so zu adaptieren, dass Wasser eingespart werden konnte.

Tisch mit Rollen und Pflanzen
Die Produkte von Ikea werden schon mal gehackt.
Foto: Alastair Philip Wiper

Ein gutes Beispiel für die einzigartige Arbeitsweise von Space10. „Wir sehen uns mit großen Herausforderungen konfrontiert – erforschen, entwickeln und erstellen Prototypen und erproben sie in der realen Welt. Dann veröffentlichen wir diese. Wenn andere Unternehmen sie für eine großartige Idee halten, können sie sie für sich nutzen und investieren. Unser Ansatz ist sehr offen und demokratisch“, erklärt Caspersen.

Wir müssen uns mit Menschen umgeben, die klüger sind als wir

Space10 arbeitet bewusst in einem kleinen und vertrauten Team, weiß aber auch Expertise von außerhalb mit einzubeziehen. In Form eines Förderungsprogramms eröffnen sie Designern, Architekten oder Ingenieuren viele Möglichkeiten. „Es ist utopisch, all das Wissen, das wir benötigen, intern aufzubauen“, erklärt Caspersen. „Wir fördern eine Vielzahl von Disziplinen. Die Menschen, die wir aufnehmen, arbeiten oft an ihren eigenen Projekten, aber wir stellen ihnen die Mittel zur Verfügung und unterstützen sie, um diese zu realisieren.“

Zuhörerschaft bei einem Talk während der Ausstellung
Space10 lädt regelmäßig zu Talks und Ausstellungen.
Foto: Victor Stawicki

Gerade erst kooperierte Space10 mit Architekten, die ein Interesse an bezahlbarem Wohnraum teilten. Ihre Idee: ein Konzept für ein Open-Source-Haus, das überall auf der Welt nachgebaut werden kann. Seit dem Launch im Mai 2018 sind die Pläne für „Building Blocks“ bereits 34.000 Mal heruntergeladen worden.

Ein Mann blättert durch den Ausstellungskatalog
Die Events sind beliebt – und schnell ausgebucht.
Foto: Victor Stawicki

Um Wissen austauschen zu können, veranstaltet Space10 unter der Woche eine Reihe von Events. „Wir hörten ständig von inspirierenden Persönlichkeiten und wollten, dass mehr Menschen die Möglichkeiten bekommen, zu erfahren, was sie zu sagen haben“, so Caspersen. „Aus der anfangs lockeren Veranstaltung entstand eine Reihe von Design-Vorträgen zu einer Vielzahl von Themen, die normalerweise in wenigen Stunden ausverkauft sind.“

Urbaner Wandel hat viele Facetten, wie der Kopenhagener Thinktank beweist. Das spielerische und gemeinschaftliche Schaffen von Lösungsansätzen ist die große Stärke von Space10.

Weitere Informationen zu Space10 gibt es hier.