Ein brasilianisches Kollektiv will vertikale Parks bauen im größten Betondschungel Südamerikas. Die Macher von Movimento 90° haben die ersten Grünfassaden bereits entlang der Stadtautobahn von São Paulo umgesetzt.

Sie ist ein Gigant in einer gigantischen Stadt. Die auf Stelzen errichtete Stadtautobahn, auch Minhocão (großer Wurm) genannt, schlängelt sich über eine Länge von 3,5 Kilometern durch ein Meer von Hochhausblocks. Bis zu 80.000 Autos pro Tag durchqueren auf diese Weise São Paulo – mitunter nur fünf Meter von Wohnzimmerfenstern entfernt.

Doch sonntags ist sie eine Oase im Herzen der Stadt. Die Verkehrsader ist an diesem Tag für Autos geschlossen. Stattdessen gehen hier Familien spazieren, man kann Straßenkünstler, Skateboarder und Radfahrer beobachten. Nun ist der Highway um eine Attraktion reicher: den größten vertikalen Park in Amerika.

„In den letzten 80 Jahren sind in Brasilien riesige Ballungszentren entstanden – in einer Art Wildwuchs“, erklärt Guil Blanche, einer der Initiatoren des Projekts Movimento 90°. Das soziale Unternehmen möchte die urbane Umgebung durch die Begrünung von fensterlosen Wänden verbessern.

Kultiviert und mit Gemeinsinn ausgestattet, ist Blanche Teil einer Generation junger Brasilianer, die nicht nur von einer besseren Zukunft für ihr Land träumen, sondern daran arbeiten – indem sie Kreativität mit Pragmatismus verbinden.

Eine Stadt der blinden Wände

„Das bestehende Baurecht wurde nicht so angelegt, dass es für organisiertes Wachstum sorgt“, erklärt Blanche. „Stattdessen beruht unsere Städtebildung auf ‚Immediatismus‘, der ebenso dem Lösen kurzfristiger Probleme wie dem Erzielen von Profit dient.

Das Ergebnis sind zu viele Menschen auf zu kleinem Raum und eine ineffiziente Infrastruktur. Diese Planung hat uns hässliche, laute und verschmutzte Orte gebracht – eine Stadt, die grau, öde und voller Häuserblocks ist.“

Movimento 90° will das alles ändern – und Kapital schlagen aus einer skurrilen Bauvorschrift, die von 1920 bis 1992 in Kraft war.

Weil man annahm, dass der Südwind gesundheitsgefährdende Erreger mit sich bringt, die Krankheiten wie Lungenentzündungen auslösen, erließ die Stadt São Paulo eine Verordnung, wonach alle nach Süden zeigenden Wände keine Fenster haben durften. Die Folge: Tausende von blinden Wänden. Was, wenn diese Unorte in üppig grüne Gärten verwandelt werden könnten?

Urbane Kunst in São Paulo
Urban Garden oder Urban Art?

„Die ‚Mur Végétal‘ hat Patrick Blanc in Paris erfunden“, sagt Blanche, „und wir können sie für São Paulo adaptieren, recycelte Materialien verwenden und einen vertikalen Garten anlegen, der weder teuer noch besonders schwer zu realisieren ist.“

Es gibt 7.400 blinde Wände allein an der Minhocão-Stadtautobahn. Wenn Movimento 90° so weitermacht, werden sie alle grün und bilden irgendwann einen großen vertikalen Park – einen grünen Korridor von fast 3 Kilometern Länge. Mit bisher sieben vertikalen Gärten mit einer Fläche von 4.000 Quadratmetern ist die derzeitige Installation bereits jetzt die größte ihrer Art auf dem amerikanischen Kontinent.

 

Pflanzen wachsen in einem vertikalen Garten
Für die grünen Fassaden werden nur einheimische Pflanzen verwendet.
Konstruktion eines vertikalen Gartens
Ein Schild auf einem vertikalen Garten
Ein urbaner Garten bedeckt eine Hausfassade in São Paulo

Eine grünere Stadt planen

„Die Projekte im Rahmen des ‚Corredor Verde do Minhocão‘ wurden von zeitgenössischen Künstlern entworfen und es werden nur einheimische Pflanzen verwendet“, fügt Blanche hinzu. „Wir können alle möglichen Formen und Designs herstellen, sodass der Künstler Gestaltungsfreiheit hat. Für uns ist das eine Art, die zeitgenössische Kunst zu demokratisieren.“

Aber die Projekte sind, wie Blanche betont, bei weitem nicht nur eine optische Verbesserung. „Unsere Gärten schlucken Schall und senken die Gebäude-Innentemperatur um bis zu 7 Grad. In Trockenzeiten erhöhen sie auch die relative Luftfeuchtigkeit, was das Leben in den Räumen viel angenehmer macht. Nicht nur das – sie steigern auch die Artenvielfalt in der Stadt und verringern die Luftverschmutzung.

Nachhaltigkeit sei ein wichtiger Faktor bei dem Vorhaben, wie Blanche betont. Die grünen Fassaden werden mittels einer clever konstruierten Bewässerungsanlage versorgt, die mit einem Wassertank und einem durchlaufenden Tropfsystem funktioniert. „Jeder Tropfen wird gesammelt und wiederverwendet, zusammen mit dem Regenwasser, das wir auch auffangen“, erläutert Blanche. „So können wir auch in Trockenzeiten den Garten ausreichend bewässern und benötigen kein zusätzliches Wasser aus anderen Quellen.“

Win/win

Fernando Haddad, bis zuletzt Bürgermeister von São Paulo, hatte das Projekt begrüßt: „Das ist eine elegante Art, der Luftverschmutzung zu begegnen. Sie hat viele Vorzüge für die Einwohner und die Umwelt“, sagte Haddad gegenüber dem lokalen Fernsehsender Rit TV. „Und es ist auch nicht teuer.

Diese Gärten werden von Unternehmen bezahlt, die ihre Umweltschulden loswerden wollen. Vertikale Gärten bekämpfen die visuelle Verschmutzung durch graue Wände, die Lärmverschmutzung durch den Autoverkehr und die Luftverschmutzung, alles in einem.“

Wer weiß – eines Tages könnte die komplette Stadtautobahn durch lebenswerten urbanen Raum ersetzt sein – wie bei einem ähnlichen Highway in Rio de Janeiro. Bis dahin sorgt der erste vertikale Park von São Paulo für willkommene Erholung und verleiht der faszinierenden Megastadt eine weitere Facette.

Ein vertikaler Park von Movimento90°
Architektur trifft auf Natur.