Camping, Konzerte, Whirlpool und Partys in luftiger Höhe. Das jährliche Festival Rotterdam Rooftop Days lädt dazu ein, die Hafen- und Architekturstadt aus einer ganz neuen Perspektive kennenzulernen: von ihren Dächern.

Als die Band zu spielen beginnt, geht die Sonne gerade langsam unter und taucht den Himmel in milchig grau-rosafarbenes Licht. Jazziger Country-Blues ertönt über Lautsprecher, die weit in die Luft ragen, Klarinetten- und Gitarrensounds erhellen die Sommernacht und Menschen beginnen zu tanzen. Um die Ecke steht eine kleine, provisorische Bar – in knapp 53 Meter Höhe.

Wegweise auf einem Zeltplatz
Schon mal auf einem Dach gezeltet?

„Nehmt den Aufzug in den 16. Stock. Von dort erreicht ihr über eine letzte Treppe das Dach”, begrüßt Lieve Hertog die Konzertbesucher. Sie ist eine der Location-Managerinnen, die gemeinsam mit ihrem Team im Rahmen des dreitägigen Festivals Rotterdam Rooftop Days 2018 das Stadtleben im wahrsten Sinne des Wortes auf eine andere Ebene hebt. Normalerweise ist das Dach des Studentenwohnheims „De Hoge Wiek“, auf dem Lieve heute Abend während des Konzerts für einen reibungslosen Ablauf zuständig ist, den Bewohnern vorbehalten. Heute darf jedoch jeder, der die sogenannten dakendagen (zu Deutsch „Dachtage“) besucht, an der atemberaubenden 360°-Aussicht mit exklusivem Blick auf die Maas und den nahe gelegenen Hafen teilhaben.

Eine Band spielt auf dem Dach vor der Skyline von Rotterdam
Die Woody Pines liefern mit ihrem Blues-Sound den perfekten Soundtrack …

Rotterdams Dächer werden zum Schauplatz für Konzerte, Camping und mehr

Insgesamt 52 Häuser im Zentrum Rotterdams öffnen an diesem Wochenende ihre Dächer für knapp 20.000 Besucher. „Uitverkocht“, erklärt Lieve stolz – ausverkauft – zum ersten Mal seitdem das Rooftop Festival im Sommer 2015 ins Leben gerufen wurde. Ron, der mit seiner Frau Karla das Dachkonzert besucht, wundert die wachsende Popularität des Festivals nicht. Schließlich steige man nicht jeden Tag jemandem aufs Dach, um einer Blues-Band zu lauschen. „Meine Frau fühlt sich wieder wie 16”, grinst er. Auch Brian, Gitarrist der US-Band Woody Pines, die während ihrer Europa-Tournee einen Zwischenstopp in Rotterdam einlegen, könnte sich gut vorstellen, häufiger auf Rooftops zu spielen: „Die Luft hier oben ist viel frischer, nicht so heiß und verschwitzt wie in einem Club.”

Band spielt vor Nachthimmel
… für laue Sommerabende in luftiger Höhe.

Am anderen Ende der Stadt werden derweil die Zelte für die Nacht aufgeschlagen. Im sogenannten Dakpark, dem größten Dachpark Europas in neun Meter Höhe, wird seit gestern Abend gecampt. 150 Besucher haben ihre Campingkocher und Schlafsäcke gepackt, um das Wochenende gemeinsam bei Lagerfeuer, Badminton und Gute-Nacht-Geschichten zu verbringen – und das inmitten der Stadt. Sogar einen kleinen Whirlpool gibt es und Kaninchen hoppeln zwischen den Zelten umher.

Mann und Frau in Unterhaltung vertieft
Ron und Karla sind begeistert vom Konzept der „Dachtage“.

„Es fühlt sich immer ein bisschen surreal an”, meint Jasper, der mit seiner Familie schon zum dritten Mal dabei ist. „Dein Stadtpark verwandelt sich in einen Campingplatz”

Überall auf den Dächern Rotterdams finden an diesem Wochenende Veranstaltungen aller Art statt, von Konzerten und Partys über Lesungen und Workshops bis hin zu Yoga-Kursen und Kunst-Projekten. Die Idee dahinter? Rotterdam bietet unheimlich viel ungenutzte Dachfläche – mit 14,5 Quadratkilometern fast soviel wie 2.000 Fussballfelder – die oft übersehen oder als Lebensraum unterschätzt wird. Das Rooftop-Festival möchte zum Gebrauch von Dachfläche inspirieren und den Bewohnern zeigen, wie Dächer zu einem gesunden, lebendigen und zukunftsorientierten Stadtleben beitragen können.

Gewusst wie: Dachflächen als soziale Räume nutzen

„Wir haben so viel Platz, warum sollten wir ihn also nicht nutzen?”, finden auch Patrick, Joep und Rick, die sich selbst als Rotterdam-Enthusiasten bezeichnen. „In Rotterdam wird ständig gebaut, es steckt viel Potenzial in der Stadt. Man fragt sich immer, was als nächstes passiert.” Was die drei meinen, wird deutlich, als sie vom Dach des Co-Working-Bürogebäudes 42workplaces auf all die Hochhäuser zeigen, die es vor nicht einmal 20 Jahren noch nicht gab. Es ist mehr als die Hälfte. Grund dafür: Im Gegensatz zu anderen niederländischen Städten hatten Architekten in Rotterdam nach dem Zweiten Weltkrieg die Freiheit, die Stadt nach eigenen Vorstellungen ganz neu zu gestalten.

Bastelnde Hände mit buntem Werkzeug
Basteln beim Familienbrunch am Sonntag.

Kreativität und Experimentierfreude waren nur wenig Grenzen gesetzt, und das gilt bis heute. Jedoch muss es nicht immer gleich ein neues Gebäude sein. Vielmehr zeigt das Rooftop-Festival, wie man die bereits existierenden Flächen auf viel nachhaltigere Art und Weise nutzen kann: Hier ein Spielplatz, dort ein Lavendelgarten, Bienenstöcke und Apfelbäume – die Möglichkeiten scheinen unendlich.

Kind spielt mit selbst gebastelter Rennbahn
In Kinderhand: die Mobilität von morgen.

Dass es allerdings auch schwierig sein kann, ein Festival auf mehr als 50 Dächern zu planen, erklärt Jimme Moller, der Teil des Organisationsteams ist. Wie versorgt man 150 Menschen auf einem Dach-Campingplatz mit Wasser und Elektrizität? Wie garantiert man Sicherheit? Was passiert bei Regen und Sturm? All diese Fragen stellen die Organisatoren jedes Jahr aufs Neue vor anspruchsvolle Herausforderungen, denn jedes Dach ist anders und bringt besondere Schwierigkeiten mit sich.

Menschen lachend auf Bierbänken sitzend
Entspannte Festival-Atmosphäre in luftiger Höhe.

Hier eine Absperrung, dort eine fehlende Genehmigung der Stadt, um die Ecke eine Metallstrebe. Viel Kreativität, Geduld und Aufwand sind nötig, um die Dachflächen sicher und begehbar zu machen. Doch wenn man es dann geschafft hat, so Jimme, ist die Belohnung umso größer: einzigartige Ausblicke, unvergessliche Erlebnisse und Zusammenkünfte mit Menschen von überall. Sogar der typisch niederländische Regen, der am Freitagabend über Rotterdam hereinbricht, tut der Stimmung nur wenig Abbruch. Mit Regenschirmen bewaffnet schlüpfen die Camper im Dachpark einfach in ihre Badesachen und nutzen den kleinen Whirlpool, um sich aufzuwärmen.

Ganz neue Perspektiven – als Touri in der eigenen Stadt

Egal wohin man schaut, Menschen befinden sich an diesem Wochenende auf den Dächern. „Man fühlt sich wie ein Tourist in seiner eigenen Stadt”, meint Roy, der aufgrund seiner leichten Klaustrophobie lieber die Treppen anstatt den Aufzug genommen hat. Roy atmet tief durch. Vor Anstrengung? „Nein, es ist ein gutes Gefühl, der Enge der Stadt für einen Moment zu entkommen und das Gewusel von oben zu beobachten.”

Blick über Rotterdam
Spannende Perspektiven von oben: In Rotterdam trifft alt auf neu.

Hier, vom Dach des ehemaligen Central-PostBürogebäudes am Hauptbahnhof, hat man einen guten Überblick über die ganze Stadt. Man sieht Altbekanntes wie die Erasmus-Brücke und die Markthal, aber entdeckt gleichzeitig viel Neues, was sonst außer Sichtweite ist. „Es ist faszinierend”, fährt Ron fort. „Man denkt, man kenne die Stadt, aber sie wirkt ganz neu, wenn man sie von oben betrachtet.”

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