Menüs, die aus den Fenstern einer Wohnung serviert werden, ein Wohnzimmer-Restaurant, in dem man Sushi ersteigern kann, ein kleiner Markt in einem Stadtpark: Der Restaurant Day hat in den letzten vier Jahren mehr als 2,3 Millionen Besucher angezogen und sich zu einem weltweiten Phänomen entwickelt. Unsere Freunde von Pop-Up City haben in Helsinki, der Stadt, in der alles begann, den Restaurant-Day-Mitgründer Timo Santala getroffen.

Ohne einen Anflug von Verzweiflung wäre der Restaurant Day wohl nicht entstanden. Ein eigenes Restaurant eröffnen, das klang für Timo Santala und seine Freunde Antti Tuomola und Olli Sirén zwar nach unglaublich viel Spaß. Aber schon in der Planungsphase ahnten sie, dass die übliche Bürokratie ihren kulinarischen Traum wie eine Seifenblase zerplatzen lassen könnte. Doch anstatt aufzugeben, entschieden sich die drei für einen anderen Ansatz: die Gründung eines eintägigen Ess-Festivals.

Anfangs sprachen die Freunde noch Bar- und Restaurantbesitzer in der ganzen Stadt an und fragten, ob diese nicht Lust hätten, am Festival teilzunehmen. Doch schnell, so berichtet Santala, wurde klar, dass es noch aufregender werden könnte, eben nicht mit Gastro-Profis zu arbeiten.

„Die Idee eines gemeinschaftlichen Festes rund ums Essen, das Menschen zusammenbringt, erschien uns viel interessanter. Wir wollten den Bürgern von Helsinki einen Tag lang die Möglichkeit geben, ihrer Kreativität freien Lauf zu lassen und ihr eigenes Kurzzeit-Restaurant zu eröffnen – ohne Vorgaben und bürokratische Hürden.“

Ein fantastisch-kulinarischer Jahrmarkt

Einen Monat später, am 21. Mai 2011, fand der erste Restaurant Day in Helsinki statt. „Wir hatten uns drei Cargobikes organisiert und radelten durch die Stadt, um Wein, Tapas, Gin Tonic und Rum Cola zu verkaufen“, erinnert sich Santala. Zu der Zeit hatten die drei Organisatoren keine größeren Erwartungen. „Am Anfang dachten wir uns, dass es schon großartig wäre, wenn nur zehn Helsinkier ein Eintages-Restaurant eröffnen würden.“

Doch die Nachricht von der neuen Food-Attraktion machte schnell die Runde, auch ohne Pressearbeit oder Werbung. Schon vor dem nächsten Restaurant Day baten die drei größten finnischen Fernsehsender Santala und seine Freunde um ein Interview.

Bis heute ist der Restaurant Day seinen Wurzeln treu geblieben: Privatwohnungen, Innenhöfe und öffentliche Plätze verwandeln sich für einen Tag in fantasievolle und kulinarisch höchst abwechslungsreiche Restaurants. „Die Menschen stecken wahnsinnig viel Herzblut in ihre Projekte“, erzählt Santala. „Ein Beispiel: Da gab es diesen Typen, der sich eine ganze Woche Urlaub genommen hat, um angeln zu gehen, weil er seinen Gästen unbedingt Fish and Chips mit frischem Fisch aus eigenem Fang servieren wollte.“

Bis heute ist der Restaurant Day seinen Wurzeln treu geblieben: Privatwohnungen, Innenhöfe und öffentliche Plätze verwandeln sich für einen Tag in fantasievolle und kulinarisch höchst abwechslungsreiche Restaurants.
Bis heute ist der Restaurant Day seinen Wurzeln treu geblieben: Privatwohnungen, Innenhöfe und öffentliche Plätze verwandeln sich für einen Tag in fantasievolle und kulinarisch höchst abwechslungsreiche Restaurants.
Foto: Mariella Ruusunen

Vom Spaß unter Kumpels zur globalen Bewegung

Manchmal überfordert eine gute, neue Idee allerdings die alten Strukturen: Weil sich der Restaurant Day keiner Event-Kategorie zuordnen lässt, erhalten die Macher keinerlei Fördergelder – obwohl es nicht viele urbane Initiativen gibt, die so förderungswürdig sein dürften. „Wir haben keinen physischen Raum oder gar ein Geschäftsmodell“, sagt Santala: „Sponsoren wären toll, aber wir können die freiwilligen Teilnehmer ja nicht zwingen, Werbeplakate in ihren eigenen Wohnungen aufzuhängen! Doch ehrlich gesagt glaube ich, dass wir durch die fehlenden Gelder eher Dinge tun können, die uns sonst nicht möglich wären.“

Mit der Hilfe von Freunden haben sie sogar ein paar öffentliche Workshops auf die Beine gestellt, um ein Onlinetool zu entwickeln, mit dem Teilnehmer am Restaurant Day ihre Eintages-Restaurants auf einer Karte eintragen können. Später kam noch eine praktische App fürs Handy hinzu, die einen interaktiven Stadtplan mit allen teilnehmenden Restaurants, deren Öffnungszeiten und Speisekarten anzeigt.

Mittlerweile hat sich der Restaurant Day zu einem globalen Festival entwickelt – in 72 Ländern finden jetzt Restaurant Days mit mehr als 22.000 Eintages-Restaurants statt. Bis heute haben am Restaurant Day 2,3 Millionen Gäste in mindestens einem dieser Esslokale gespeist.

Glückliche Menschen beim Restaurant Day in Helsinki
Foto: Roy Bäckström
Suppe beim Restaurant Day in Helsinki
Foto: Tuomas Sarparanta
Lunch bei Restaurant Day in Helsinki
Foto: Roy Bäckström
Ausgefallene Speisen beim Restaurant Day
Foto: Hulda Sif Ásmundsdóttir
Verkauf durch das Fenster beim Restaurant Day
Foto: Roy Bäckström
Restaurant Day in Helsinki die letzten Vorbereitungen
Foto: Heidi Uutela
Restaurant Day in Helsinki Pop-Up Restaurant
Foto: Tuomas Sarparanta

Santala als „Esskulturstratege“ von Helsinki

Dem Restaurant Day ist es auch zu verdanken, dass die Gastroszene in Helsinki wesentlich offener geworden ist: Durch die Initiative wurden Verordnungen für Gastronomiebetriebe sowie Parkvorschriften für Lieferwagen gelockert.

„Wenn man den Menschen genügend Freiraum lässt, sind sie viel eher bereit, Verantwortung zu übernehmen. Die Restaurant Day-Teilnehmer zeigen uns, wie man aus dem Niemandsland des öffentlichen Raums ein Jedermannsland macht“, sagt der Festival-Mitgründer.

Wie gut Santala sich damit auskennt, über die Liebe zum Essen eine Gemeinschaft zu bilden, haben schließlich auch die letzten Bürokraten in seiner Heimat erkannt: 2014 wurde er zum Leiter der Esskulturstrategie der Stadt Helsinki ernannt.

Großer Ansturm beim Restaurant Day in Helsinki
Bis heute haben am Restaurant Day 2,3 Millionen Gäste in mindestens einem dieser Esslokale gespeist.
Foto: Tuomas Sarparanta

Titelbild: Roy Bäckström