Jahrelang wollten die meisten Städte von ihrem Souterrain kaum etwas wissen. Zwar gibt es in den meisten Großstädten weitläufige U-Bahn-Systeme; was aber unter den Straßen liegt, wurde von jeher als eine dunkle und schmutzige Unterwelt erachtet. Jetzt da der Flächenbedarf immer größer wird, kommen Stadtplanern und Architekten neue Technologien zu Hilfe. Mit denen machen sie sich den Grund und Boden unterhalb des Straßenpflasters zunutze. Wir stellen fünf besonders gelungene Exemplare vor.

Torontos unterirdische Shopping-Verbindung

Klirrende Kälte, unerträgliche Hitze: In mancher Stadt ist das Wetter bisweilen so extrem, dass es einem selbst den kürzesten Spaziergang vergällt. Dem schaffen unterirdische Einkaufszentren und Fußgängerpassagen Abhilfe. Torontos PATH-Netzwerk setzt hier Maßstäbe: Die Fußgängertunnel verbinden über 50 Gebäude und Bürotürme und bilden somit das weltweit größte unterirdische Einkaufszentrum. Montreal, das im Winter sogar noch eisiger als Toronto ist, hat deswegen gleich eine ganze unterirdische Stadt gebaut: Das RESO-Netzwerk besteht aus Bahnhöfen, Büros, Geschäften, Museen, einem Hockeystadion und sogar einer Universität – alles unter Tage.

Torontos PATH, ein Netzwerk von Fußgänger-Tunneln
Torontos PATH, ein Netzwerk von Fußgänger-Tunneln
Ricardo Viana BSB, via Flickr

Futuristische Fahrrad-Parkplätze

Tokios Stadtplaner haben ein ausgeklügeltes System entwickelt, um abgestellte Fahrräder von der Straßenoberfläche verschwinden zu lassen. „Eco Cycle” kann Hunderte von Fahrrädern schlucken und lagert sie in tiefen Schächten ein. Wird das Fahrrad per Magnetkarte wieder angefordert, dauert die Rückgabe nur acht Sekunden – das spart nicht nur Platz, sondern schützt auch vor Diebstahl. Auch der Zweirad-Metropole Amsterdam gehen langsam die Stellplätze aus. Nun plant die Stadt eine riesige Fahrradgarage unter dem Fluss IJ – mit Platz für 7000 Drahtesel. Weil das immer noch nicht ausreicht, erwägen die Holländer nun sogar, Stellplätze auf Dächern einzurichten.

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Lust auf Tunnelgemüse?

In den letzten Jahren hat London immer wieder mit diversen Ideen experimentiert, um sein brachliegendes Netzwerk ungenutzter U-Bahn-Tunnel und Bunker wieder aufleben zu lassen. Eines dieser Projekte, Zero Carbon Foods, baut dort nun Radieschen an – in 33 Meter Tiefe. In einer Anlage verlassener Luftschutzbunker aus dem Zweiten Weltkrieg betreibt die Gruppe auf einem Hektar eine unterirdische Hydrokultur. Im Vergleich zur herkömmlichen Landwirtschaft hat die Hydrokultur eine bessere CO2-Bilanz, benötigt keine Pestizide, garantiert stabile Preise und schafft dazu noch Arbeitsplätze direkt in der Stadt. Darüber hinaus stellen die stabilen Licht- und Temperaturbedingungen des geschlossenen Untergrund-Systems eine gleichmäßige, ganzjährige Ernte sicher – in direkter Nähe zu Abnehmern wie Restaurants und Gemüsehändlern.

Zero Carbon Foods verlegt urbane Landwirtschaft 33 Meter tief unter die Straßen von London
Zero Carbon Foods verlegt urbane Landwirtschaft 33 Meter tief unter die Straßen von London
Foto: Zero Carbon Food ZCF
Foto: Zero Carbon Food ZCF
Foto: Zero Carbon Food ZCF

Fahrradverkehr auf einem anderen Level

Ein weiteres Projekt zur Umnutzung der unterirdischen Infrastruktur ist die London Underline. Das Projekt des Gensler Design Studios sieht die Umwandlung ungenutzter U-Bahn-Tunnel in Radwege vor. Das angestrebte Ergebnis: Oben weniger Verkehr, unten kommen Radler schneller und sicherer voran. Auch Pop-up-Stores, Ausstellungen oder Events könnten die Tunnel beherbergen. Der Strom für Underline soll durch energiespeichernde Bodenfliesen erzeugt werden. Diese speichern die durch Passanten erzeugte kinetische Energie und könnten Underline – zumindest theoretisch – CO2-neutral machen.

Der weltweit erste unterirdische Park

Auch New York City plant eines der aufregendsten unterirdischen Projekte weltweit. Nach dem großen Erfolg der High Line – eine ehemalige, nun begrünte Hochbahntrasse – soll die Lowline das unterirdische Gegenstück werden. Genau wie die High Line wäre die Lowline eine symbolträchtige Umnutzung des öffentlichen Raums – ein Projekt, das einem Stück städtischer Vergangenheit neues Leben einhaucht. Der subterrane Park soll in einem Straßenbahn-Tunnel aus dem Jahr 1908 unter der Lower East Side erblühen. Das Tageslicht würde mit Sonnenkollektoren gebündelt und durch eine Helio-Röhre in den Untergrund weitergeleitet werden, um so Grünflächen und Bäume wachsen zu lassen. Dadurch bekäme die Stadt einen Park in der Größe eines Fußballfeldes: ein vollkommen neues Erlebnis für New Yorker und Touristen.

 

Titelbild: RAAD