Die moderne Architektur Chinas besteht längst nicht nur aus großflächig angelegten Bebauungsplänen. Das Pekinger People’s Architecture Office (PAO) sieht in der Zukunft des chinesischen Stadtlebens mehr leichtgewichtige, kleinteilige Gebäude statt stählerner Wolkenkratzer.

Seit wir vor drei Jahren auf das beeindruckende Tricycle House von PAO aufmerksam wurden, verfolgen wir die kreative Arbeit von James Shen, He Zhe und Zang Feng. Konzipiert als schnell beziehbare Unterkunft für Migranten, verfügt das „Dreirad-Haus“ über alles, was man zum Leben braucht – inklusive Badewanne, Kochnische und Schlafplatz, der bei Bedarf als Küchentisch dient.

Durch die modulare Konstruktion und den als Hauptmaterial des Tricycle House, verwendeten Kunststoff lassen sich seine „Wände“ entfalten und verschiedene Wohnelemente miteinander verbinden – ein revolutionäres Prinzip, nach dem biodynamische, autarke Dörfer für urbane Nomaden innerhalb chinesischer Städte entstehen könnten.

Neben dem Tricycle House setzen auch die weiteren PAO-Kreationen – etwa ein modularer Baldachin, der frischen Wind an öffentliche Plätze bringt oder ein Plug-in-Haus zum Modernisieren traditioneller chinesischer Gebäude – auf den speziellen Dreiklang, modular, leicht und gesellschaftlich relevant zu sein.

Architektur als Event

„Wir erschaffen Architektur für Events, aber auch Architektur als Event“, betont Mitgründer James Shen. Wer sich Bilder des People’s Canopy ansieht, das jüngste Projekt von PAO, versteht, was damit gemeint ist.

Für die britische Stadt Preston haben die Architekten eine Serie gigantischer, roter Baldachine kreiert, die sich wie ein Akkordeon öffnen. Einmal entfaltet bieten die Zierdächer einen Raum für alle Arten von Zusammenkünften im städtischen Raum.

Ähnlich wie das Tricycle House fährt auch das People’s Canopy auf Rädern. Dadurch konnten die Bewohner von Preston ihre Baldachine fortbewegen und sie damit an beliebigen Stellen in der Stadt platzieren.

People’s Canopy fördert soziale Interaktion und schafft temporäre, urbane Räume.
Canopy mit Rädern
Personen fahren mit Canopy
Menschen im Canopy
Hong Kong canopy mit Skyline
Open air Kino mit Canopy's
Zuschauer am gucken
Canopy wird transportiert

Die Perspektive der Menschen

Das People’s Canopy zeigt eine effektive Lösung auf, das Problem der Stadt Preston – die vernachlässigte Nutzung öffentlicher Plätze – unmittelbar anzugehen. „Im Kreationsprozess haben wir aktiv die Unterstützung der Behörden und der Bewohner Prestons gesucht,“ erzählt Shen.

„Wir waren ehrlich positiv überrascht von der Aufgeschlossenheit, mit der die Behörden unseren unkonventionellen Methoden der Stadtbildung begegnet sind. Sie haben verstanden, dass, wenn man wirklich eine Stadt verbessern will, Dinge ausprobieren muss, anstatt sie nur zu planen und auszudiskutieren. Prestons Offenheit hat sehr dabei geholfen, unkonventionelle Ideen zu entwickeln. Gleichzeitig hat es uns ermöglicht, Bewohner für den kreativen Prozess zu gewinnen.“

Dieser Schwerpunkt auf Kooperationen spiegelt die grundsätzliche Arbeitsweise der Firma wieder; daher auch der Name „People’s Architecture Office“ – „Architekturbüro der Menschen“.

„Viele Architekten legen ihren Fokus auf die Gebäude, aber nicht auf die Menschen, die sie nutzen werden. Bei uns ist immer die menschliche Perspektive der Ansatzpunkt unserer kreativen Arbeit. Schließlich soll sie das tägliche Leben erleichtern.”

Durch die Designs von PAO, die stets auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet sind, können Stadtbewohner sich selbst in modernen, urbanen Herausforderungen engagieren und das Leben in der Stadt aktiv verbessern.

tricycle Haus
People’s Architecture Office kreiert Lösungen für individuelle Bedürfnisse und urbane Herausforderungen.
Dusche im Tricycle Haus
Bücherregal im Tricycle Haus
Tricycle haus

Die Erhaltung von Bezirken mit Plug-in-Häusern

Die leichtgewichtigen Formen der PAO-Gebäude und ihr menschorientierter Fokus sind bemerkenswert – zumal für China eigentlich eine extrem hierarchisch ausgerichtete  Architektur typisch ist. Auch der Courtyard-House-Plug-in, ein Wohnmodul, das sich über einen Stecker als eine Art „Haus im Haus“ unkompliziert einbauen lässt, soll verfallene Häuser im Pekinger Bezirk Dashilar aufwerten.

„Wir haben das Courtyard-House-Plug-in entwickelt, um jahrhundertealte Gebäude modernen Wohnstandards anzupassen, sie energieeffizient zu machen und sie schließlich zu bewahren“, erklärt Shen. „Auf diese Weise können wir traditionelle Wohngebiete wie Dashilar vor großflächigem Abriss schützen – eine gängige Methode, um China schnellstmöglich zu verstädtern – und gleichzeitig die Wohnqualität der Menschen verbessern.”

Laut Shen hat der Bürgermeister des Bezirks das Courtyard-House-Plug-in aktiv unterstützt. Die Chancen stünden daher gut, das Konzept künftig in einem größeren Rahmen umzusetzen.

alte Fassade
Das Courtyard-House-Plug-in ermöglicht die Integration moderner Häuser in alte Gebäude.
Büro von innen
Silverne Kabine
Neues Gästezimmer
Innenhof mit alter Fassade
Dachfenster im Büro
Aluminium Tür im Innenhof
Modernes Plug-In neben alter Fassade

Rapide Veränderungen brauchen flexible Lösungen

PAO arbeitet auch an flächendeckenderen urbanen Herausforderungen, erklärt Shen. „Wir glauben daran, Technologien und Erkenntnisse aus unseren kleineren Konzepten auf umfassendere Projekte übertragen zu können. Und umgekehrt.“

Der Mitbegründer von People’s Architecture Office sieht eine große Zukunft für temporäres Design als Lösung für größere urbane Probleme. Immerhin verlangen die rapiden Veränderungen auf der Welt einem flexiblen Städtebau. „Auf den ersten Blick scheinen unsere Ansätze vielleicht weit hergeholt zu sein. Sie erweisen sich am Ende aber als sehr praktikabel.“