Gläser aus Mobiltelefonen. Stühle aus Plastikflaschen. Das Berliner Start-up Pentatonic baut Designermöbel aus Dingen, die andere wegschmeißen. Für gutes Design und eine neue, nachhaltige Kreislaufwirtschaft.

Aus alt mach neu. Oder: Aus Problemen werden Möglichkeiten. So sieht es das Berliner Start-up Pentatonic. Seit Ende 2017 arbeitet das Designteam in einem Studio in Berlin-Mitte an einer kleinen Revolution: ganzheitliche, schöne Möbel, die aus Müll entstehen und nach Gebrauch wieder in ihre Einzelteile zerlegt werden und neue Produkte formen können. Das Unternehmen ist mit diesem Ansatz bisher noch recht einsam auf dem Markt.

Das Mitdenken der Wiederverwertbarkeit einzelner Produktbestandteile über die Lebenszeit eines Produkts hinaus ist in der Industrie nicht üblich. Mit einem Stuhl, dessen Polster durchgesessen ist, werden auch wertvolle und absolut brauchbare Materialien wie Schrauben oder andere Teile entsorgt. Pentatonic setzt bei seinen Produkten – Stühlen, Tischen und Glaswaren – auf das Prinzip Circular Economy, einen Kreislauf der Wiederverwertbarkeit.

Blau gemusterter Stuhl aus wiederverwerteten Materialien
Aussergewöhnliche Muster aus recycelten Materialien machen die Stühle von Pentatonic zu Hinguckern.

Kreative Lösungen für das Müllproblem

Entstanden ist die Idee zum Upcycling-Design in Taiwan. Dort arbeitet die Firma Miniwiz Co. seit Jahren daran, kreative Lösungen für das Müllproblem globaler Unternehmen zu entwickeln. Pentatonic ist gewissermaßen die kleine Schwester von Miniwiz. Nach Deutschland wurde das Konzept von Johann Bödecker und Jamie Hall gebracht. Ihr Ziel: die Ökonomie des Kreislaufs auch in Deutschland zu etablieren.


„Wir wollen unseren Kunden vermitteln: Dein Müll hat einen Wert“, sagt Björn Schlingmann, leitender Entwicklungsingenieur bei Pentatonic. Damit die Kunden diesen Wert auch genau abschätzen können, bekommt jedes Möbelstück eine Seriennummer. Damit lassen sich die verbauten Materialien zurückverfolgen. Im Falle des „Pentatonic Airtool Chair“: Aluminium aus den Niederlanden, PET aus Frankreich. 400 Gramm Alu, eine Sneaker-Sohle und 81 Mikrowellen-Verpackungen. Zusammen 35 Euro Materialwert.

Einzelne Module aus wiederwerteten Materialen
Individuell kombinierbar: die einzelnen Module von Pentatonic.

Der Stuhl mit bequemer Sitzschale kann je nach eigenem Gusto in verschiedenen Ausführungen und Farben zusammengebaut werden. Das Besondere: Kombiniert mit anderen Modulen wird der Stuhl zum Tisch. Das Modulare hat System bei Pentatonic. Fast jedes Design wird mit ein paar Handgriffen zum individuellen Lieblingsmöbel, das bei Bedarf Farbe und Form wechseln kann.

Luxuriös eingerichtetes Wohnzimmer mit Recycling-Möbeln
Recycling und elegantes Design schließen sich nicht aus.

Fasern, die unsere Sinne täuschen

Den Rohstoff für die Pentatonic-Designs liefern große europäische Recyclingfirmen. „Wichtig ist die Qualität des Materials“, betont Schlingmann. Sauber getrennt, gewaschen und aufbereitet müsse es sein. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, sei Müll eigentlich ein Rohstoff wie jeder andere, erklärt der Entwicklungsingenieur. Nur bei den Farben, da könne man nicht immer etwas machen. „Rotes Plastik wird halt nicht zu weißem.“

Gemusterte Kleiderbügel aus Recycling-Material
Fast zu schön, um sie im Kleiderschrank zu verstecken – die Kleiderbügel von Pentatonic.

Verarbeitet wird vor allem recycelter Kunststoff: PET-Flaschen und Verpackungsmaterial. „Alles was im gelben Sack drin ist“, fährt Schlingmann fort. „Aus PET-Flaschen lassen sich zum Beispiel gut Fasern herstellen.” Fasern, die unsere Sinne so gut täuschen, dass man sie für natürliche Webstoffe, aber nie für Plastik gehalten hätte. Sie gehören zu einer Reihe von Materialien, die Pentatonic entwickelt hat und exklusiv verarbeitet.

Der Smoke Ring aus gepressten Zigarettenstummeln
Der Smoke Ring besteht aus gepressten Zigarettenstummeln.

Das Material bestimmt die Form der Produkte von Pentatonic. Und das kann auch mal eine Erfindung aus dem eigenen Hause sein. Der letzte Coup: ein Ring aus alten Zigarettenstummeln. Entstanden in Zusammenarbeit mit Forschern und aus der gemeinsamen Lust am Experimentieren – auch mit komplizierten Rohstoffen.

Kleiderbügel und Kunst aus recycelten Materialien
Recycling-Kunst: Die Muster sehen nicht nur auf den Möbeln chic aus, sondern auch an der Wand.

Kooperationspartner liefern Recyclingmaterial

Schlingmann schätzt, dass in der bisherigen Produktion rund 120 Tonnen Müll verarbeitet wurden. In Zukunft könnten es noch mehr werden. Das Ziel sei es, die Nachfrage nach Recyclingmaterial anzukurbeln, sagt Schlingmann, „das sind Rohstoffe, die genutzt werden sollten.“ Ein Ansatz, den auch in Deutschland immer mehr Unternehmen verfolgen. Einer der Kooperationspartner von Pentatonic ist der Kaffeeriese Starbucks. Aus den Deckeln der Kaffeebecher entstehen in den Laboren der Designer neue Ideen für die Produkte der Zukunft.

Für die nächste Zeit seien vor allem neue Module geplant und weitere Kooperationen, sagt Schlingmann. Welche genau und aus welchem Müll, dazu schweigt sich Pentatonic noch aus. Wir dürfen gespannt sein.