Die Journalisten Christina Horsten und Felix Zeltner haben in New York das Projekt NYC12x12 gestartet. Gemeinsam mit ihrer Tochter Emma ziehen sie ein Jahr lang jeden Monat in ein neues Viertel der Stadt und berichten in unserer Kolumne über ihr Leben und ihre Erfahrungen. Teil 2: Wie man sich eine neue Gegend in einer großen Stadt erschließt.

Wenn wir in eine neue Wohnung ziehen, starten wir jedes Mal ein neues Leben im Kleinen. Aber nicht immer fällt das Entdecken und Erkunden leicht. Eine Überraschung wartete jedoch in Harlem auf uns: Neals und Daniels Liste.

Kurz nachdem wir unsere Einzimmerwohnung in Harlem bezogen hatten, fanden wir auf der Türschwelle ein zweiseitiges Dokument mit einem gelben Klebezettel: „Hi Felix and Christina“, stand darauf. „Hier ist eine Liste von Empfehlungen für Harlem. Wir hoffen, dass etwas für euch dabei ist – wahrscheinlich kennt ihr einige der Orte schon. Viel Spaß beim Erkunden! – Neal und Daniel.“

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Wir hatten Neal und Daniel durch unseren Vermieter kennengelernt. Sie hießen uns im Haus willkommen und empfahlen uns die Levain Bakery, eine Bäckerei, die für ihre Cookies bekannt ist. Wir aßen dort die wohl besten, frischesten und größten Schokoladen- und Walnuss-Kekse unseres Lebens. Zum Dank für ihre Empfehlung legten wir Neal und Daniel eine Tüte Cookies vor die Tür.

Diese netten Menschen hatten daraufhin offenbar beschlossen, ihre Harlem-Tipps aus einem Jahrzehnt für uns aufzuschreiben – unterteilt in die Kategorien Essen, Spaziergänge und Merkwürdigkeiten. Für uns ein Volltreffer: Von den meisten dieser Spots hatten wir noch nie gehört.

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Wir begannen mit dem jamaikanischen Hühnchen eines Pop-Up-Restaurants in einer kleinen Seitengasse zwischen dem Malcolm Shabazz Market und dem Harlem Community Art Center. Wir aßen uns durch die köstliche Pizza bei Babbalucci und landeten schließlich beim Soul Food des BLVD Bistro.

Dann die Spaziergänge: Wir sahen das Triptychon von Keith Haring in der Kathedrale St. John the Divine und die wunderschönen Architekturdenkmäler der Wohnhäuser auf Astor Row und Strivers Row. Was für ein Geschenk!

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Harlem: Jazz im Wohnzimmer und Outdoor-Fitnessstudios

Meist sind wir in einem neuen Viertel allerdings selbst gefordert, uns die Gegend mit ihren Besonderheiten zu erschließen. Dafür haben wir inzwischen ein relativ eingespieltes System entwickelt. Christina, meine Frau, die als Korrespondentin seit fünf Jahren jeden Tag wie besessen die New York Times liest, hat ein Archiv von Artikeln – vor allem in ihrem Kopf. Ihr fallen zu jeder Neighborhood sofort Orte und Geschichten ein.

In Harlem führte uns Christinas Radar zu Marjorie Eliot, einer lebenden Legende. Die alte Dame veranstaltet jeden Sonntag in ihrem Apartment kostenlose Jazzkonzerte. Die Besucher fluten ihr Wohnzimmer, hinaus in die Gänge bis ins Treppenhaus. Marjorie verteilt Saft und Kekse, und alle lauschen wie verzaubert dem Quartett, bei dem die Gastgeberin selbst den Flügel übernimmt.

Ich selbst versuche in einer neuen Gegend gleich morgens, eine geeignete Joggingstrecke zu finden. Manchmal stoße ich dabei auf Outdoor-Fitnessstudios – die authentischste Art, in New York seinen Körper zu stählen. Anschließend suche ich nach einem Café. Im East Village, unserem aktuellen Viertel, gibt es so viele, dass ich jeden Morgen ein anderes besuchen könnte.

Oft begegnen uns dort die verschiedenen Cliquen der Gegend, zum Beispiel die Künstler, die in den Theatern unten im East Village arbeiten und sich zum ersten Espresso des Tages im Abraço versammeln.

Bücher, Apps und Fußmärsche als Infoquellen

Natürlich helfen auch Bücher bei der Navigation durch die hoods. Viel Lektüre können wir zwar auf unserer Reise nicht mitnehmen – unverzichtbar sind allerdings zum Beispiel The Big City and Its Little Neighborhoods, New York Originals, Hidden Bars and Restaurants und das erst kürzlich veröffentlichte Food and the City.

Tipps aus unserer kleinen Bibliothek führten uns zum Beispiel zum Haarfarben-Imperium „Manic Panic” der Schwestern Tish und Snooky in Long Island City, in einen selten geöffneten Friedhof-Park im East Village und zum höchsten natürlich gelegenen Punkt von Manhattan, versteckt in einem Spielplatz in Washington Heights im Norden der Insel.

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Natürlich googeln wir uns auch die Finger wund – nach „Best playgrounds on the Upper West Side”, „Best yoga in Chelsea” oder „Best coffee in Mott Haven”. Die Apps Yelp und Google Maps helfen hier auch erstaunlich gut.

Wir laufen, so viel wir können – manchmal nach den Routen von freetoursbyfoot, die es für viele Stadtteile gibt. Im East Village stießen wir so auf die größte Konzentration von Community Gardens in der ganzen Stadt; kleine Oasen, die auf den Ruinen verlassener Häuser entstanden sind.

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Insgesamt sind es aber vor allem die New Yorker selbst, die uns helfen, neue Viertel kennenzulernen. Ein wichtiger Fixpunkt ist für uns das YMCA, die US-Variante des CVJM. Es unterhält in allen New Yorker Stadtteilen und den gesamten USA zahllose Einrichtungen und Sportstätten.

Für uns ist das „Y“ wie ein Familienmitglied geworden. Im Harlem Y trainierten wir beispielsweise mit Mike, einem Sänger und Theaterautoren, der sich durch seine Kurse singt und tanzt und jeden zum Lachen bringt.

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South Bronx: Ein intensives Nachbarschafts-Dinner

Wir selbst hosten jeden Monat ein Neighborhood Dinner. Das ist eigentlich das Beste am unserem Projekt. Dazu laden wir Freunde ein, die in der Gegend wohnen, holen unsere aktuellen Nachbarn dazu, und wenden uns an Menschen, die uns empfohlen wurden oder von denen wir gehört haben, und bitten sie, zu erzählen.

Das bisher intensivste Neighborhood Dinner haben wir in der South Bronx erlebt. Unsere Gäste diskutierten so ausführlich, dass wir darüber das Essen ganz vergaßen. Denn der Bezirk ringt mit der fortschreitenden Gentrifizierung und ihren unvermeidbaren Immobilienhaien. Trotzdem gibt es auch Lichtblicke, wie Noëlle Santos’ Idee, einen Buchladen zu eröffnen. The Lit. Bar wäre derzeit der einzige General-Interest-Buchladen in der Bronx.

„Es gab mal eine Zeit, da hab ich meinen Erfolg daran gemessen, wie weit er mich von der Bronx wegbringt”, sagte Noëlle bei unserem Abendessen. „Erst seit Kurzem weiß ich die Bronx so richtig zu schätzen, das war ein langer Weg. Letztes Jahr hat der örtliche Barnes & Noble Buchladen geschlossen. Da habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen. Ich wohne direkt daneben, Barnes & Noble war wie meine Bar. Egal, ob ich gestresst oder gut gelaunt war – ich konnte rüber in den Laden gehen und ein Buch aufschlagen. 1,4 Millionen Menschen leben in der Bronx und nur ein Buchladen? Mir war sofort klar: Ich werde einen Buchladen eröffnen.” Noëlles ambitioniertes Projekt soll noch dieses Jahr realisiert werden.

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