Der Tourismus in Athen besinnt sich auf seine analogen Wurzeln: Coole Stadttouren führen zu Geheimnissen von Street-Art, Kunst, Architektur und Nachtleben im Herzen der griechischen Hauptstadt. smart magazine ist mitspaziert.

„Berlin ist das neue Athen“, verkündet ein Graffito im Stadtzentrum Athens. Die augenzwinkernde Anspielung auf Berlins Hipster-Invasion dieses Jahrzehnts prophezeit der griechischen Hauptstadt eine ähnliche Entwicklung.

Schließlich ziehen die lebendige Kunstszene, günstige Mieten und angenehmes Klima seit Jahren immer mehr Kreative an. Wer nun als Gast oder Tourist die alternativen Seiten der Stadt jenseits von Akropolis und Parthenon erleben und intensiv den unnachahmlichen Puls der Stadt spüren will, sollte eine der neuen Stadttouren buchen.

Die besten Touren werden vom gemeinnützigen Kollektiv Alternative Tours Athens (ATA) veranstaltet. Ihre Themen reichen von Architektur und Nachtleben über Street-Art bis hin zu Sozialaktivismus. Dabei ermöglichen sie urbanen Abenteurern neue Einblicke in die Stadt – und auf deren Bewohner.

Graffiti mit betenden Händen in Athen
Athens Wandmalereien zu Fuß entdecken.
Art: Pavlos Tsakonas, Manolis Anastasakos

Die Orakel von Omonia

Nikos Barpakis organisiert die Street-Art-Tour des Kollektivs. Neben Street Culture und Urban Art zeigt er in ihr auch das Revival der Athener Innenstadt. Wir treffen Nikos am Omonia-Platz, von wo aus er uns durch Omonia, Psyri, Kerameikos und Gazi führt. Denn in diesen vier inneren Bezirken des Stadtzentrums blüht auch die Street-Art-Szene.

Dann geht es zu den Syntagma- und Moastiraki-Plätzen im historischen Händlerdreieck, das derzeit ein Entwicklungsschwerpunkt der Athener Stadtverwaltung ist. Was auffällt: Die Werke unterschiedlicher Künstler sind nicht nur sehr groß, sondern sie sagen der griechischen Hauptstadt größtenteils eine optimistische Zukunft voraus. Ein Orakel?

Nikos liefert nicht nur Hintergrundwissen zu den Wandbildern, sondern setzt sie auch in einen Kontext. Denn die meisten Street-Art-Pieces besitzen einen aktuellen politischen Hintergrund: etwa die Hommage an den berühmten Loukanikos-Hund, einem Streuner, der sich bei den Demonstrationen der vergangenen Jahre immer unter die Protestierenden mischte.

Später erkunden wir noch die engen, gewundenen Gassen von Psyri. Nach Jahren des Leerstands in Folge der Finanzkrise erlebte die Gegend ein Revival. Heute zählt sie zu den größten europäischen Street-Art-Galerien unter freiem Himmel, in der sich viele der bekanntesten Namen der internationalen Graffiti-Szene bereits verewigt haben.

Mitgründerin von Alternative Tours Athens Maria Petinaki
Maria Petinaki hat ATA mitgegründet.

Das Grenzland Europas

Die noch nicht ausgestandene Wirtschafts- und Finanzkrise und der Strom der Geflüchteten aus dem Nahen Osten und Afrika fordern Griechenland, das historische Grenzland, die eigene Lage, Situation und Geschichte weiterhin radikal neu zu denken. Dabei gehen die Bürger Athens mit gutem Beispiel voran.

Sie entdecken die Geschichten der eigenen Herkunft und des eigenen Landes wieder und erzählen sie neu – abseits altgriechischer Mosaiken, ehrwürdiger Tempelruinen und heroischer Mythologien.

Stattdessen kreisen die Gedanken um Praktischeres, Alltäglicheres. Wie auf den Stadtführungen, die bei der nachhaltigen Vermittlung geografisch verankerter Geschichten eine wichtige Rolle spielen.

Trotz der vielfältigen Themenschwerpunkte haben alle Touren eines gemeinsam: Sie zeigen engagierte Bürger, informelle Aktivitäten, Graswurzel-Regenerationsprojekte und interessante Orte abseits der üblichen Sehenswürdigkeiten.

So spinnen die Routen neue Chroniken durch das dicht bebaute Athen, im Spannungsfeld von 3.000 Jahren Hochkultur und Historie – und den jüngsten, dramatischen Unruhen.

Ein Reiseleiter gibt eine Tour durch Athen
Unterwegs mit Tourguide Nikos Barpakis.
Kunst: 1UP

Geschichte und Geschichten

Die geführten Stadtspaziergänge laden beim Anblick von Street-Art und Wandbildern zum Interpretieren und Deuten der Werke ein. In jedem Fall wird klar, dass die moderne Kunst die Geschichten ergänzt, die in den Museen des Landes von Marmorreliefs und ausgegrabenen Tonvasen erzählt werden.

Laut Mitgründerin Maria Petinaki ist ATA vom Interesse an sozialen Bewegungen, besetzten Häusern und wichtigen Street-Art-Spots inspiriert. Ihre persönliche Lieblingstour? „Die, die ich selbst noch nicht ausprobiert habe!“ Denn genau dieser neugierige, wache Geist und die ständige Suche nach neuen Geschichten und Perspektiven garantiert, dass ATAs Touren immer spannend und aktuell bleiben.

Graffiti mit Mündern in Athen
Wandgemälde der Neuzeit: eine Street-Art-Collage.

Unter den Teilnehmern der Touren findet sich eine ziemlich bunte Mischung: Touristen, die entdecken möchten, was Athen neben der Antike sonst noch zu bieten hat, aber auch Einheimische mit Interesse an der eigenen Stadt.

Letztere interessieren sich laut Maria Petinaki „für neue Kulturformen, Traditionen und Geschichtsschreibungen, die sich auf ihren Häusermauern finden“.

Hotel with street art in Athens
Athens Stadtteil Psyri zählt zu den größten Open-Air-Street-Art-Galerien Europas.
Kunst: David Shillinglaw
dog street art
Kunst: Smart, N_Grams, Martinez

Blick in die Kristallkugel

Am letzten Stopp unserer Street-Art-Tour, in Kerameikos/Gazi, erzählen die Wände die Geschichte der letzten 15 Jahre Athens, mit all ihren Höhen und Tiefen.

Street-Art dient dabei als Blick in die Kristallkugel: Ähnlich wie die historischen Sedimentschichten unter unseren Füßen schichten sich hier unterschiedliche, neue Graffitis über die abgeblätterte Farbe früherer Bilder – und zeichnen ein sich verdichtendes Bild stärkeren Zusammenhalts, glücklicherer Menschen und einer offenen, einladenden Stadt.

Die bunten Wände sind klare Zeitgeist-Indikatoren. „Ich hätte nie gedacht, dass Athen so aktuell und hip ist“, flüstert einer der Teilnehmer gegen Ende der Tour.

Am Ende der Tour ist eins klar: Street-Art, indem sie den Stimmen und Themen der Gegenwart einen Resonanzraum schenkt, schreibt die Geschichte der Stadt mit.