Aus ganz Europa strömen sie nach Amsterdam, nach Sonnenuntergang füllen fröhliche Menschenmassen die Straßen der Stadt – nicht immer zur Freude der Anwohner. Amsterdam konterte mit einer cleveren Lösung: der Ernennung des weltweit ersten Nachtbürgermeisters.

Amsterdam, Freitagabend: flirrende Energie liegt in der Luft. Bekannt für ihr vielseitiges, pulsierendes Nachtleben lockt die Stadt Partyfans mit zahllosen Clubs und legendären Venues wie dem Melkweg und dem Paradiso – auf einem Stadtgebiet von nur knapp 200 Quadratkilometern.

Mit der Einführung echter 24-Stunden-Clublizenzen avanciert die holländische Metropole im wahrsten Wortsinne zur „City that never sleeps“. Feiernde jeden Alters frequentieren die unzähligen Bars und (Live-)Clubs mit Begeisterung, doch von offizieller Seite haftet der Nightlife-Kultur noch immer ein negativer Beigeschmack an.

Um mit diesem Stigma endlich aufzuräumen, folgen mittlerweile immer mehr Städte auf aller Welt Amsterdams ungewöhnlichem Beispiel – und ernennen einen eigenen „Nachtbürgermeister”.

Das Nachtleben als Kreativlabor

Wir treffen Mirik am Rembrandtplatz, einem zentralen Ausgeh-Hotspot. Der entspannte Funktionär begrüßt uns leger in Nike-Sneakers – nicht gerade der typische Behörden-Look.

Doch der Schein trügt gewaltig: Miriks Rolle und Position haben durchaus Gewicht. Als Clubkultur-Botschafter setzt sich der Nachtbürgermeister für ein dynamisches, vielseitiges Nachtleben ein. Gleichzeitig vermittelt er zwischen Stadtverwaltung, Anwohnern und betroffenen Geschäftsleuten.

Als ehemaliger Clubbetreiber ist Amsterdams Nachtleben für Mirik wie eine zweite Heimat. Gleichzeitig kann er wichtigen Entscheidungsträgern – bis hin zum Bürgermeister – die Besonderheiten und Vorteile des nächtlichen Kulturbetriebs gut vermitteln.

„Bei Nightlife denken Leute oft automatisch an Trinken, Drogen, Gewalt, Lärm und Dreck“, sagt Mirik Milan. „Aber es steckt doch so viel mehr dahinter! Ich möchte die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Aspekte hervorheben. Denn im Nachtleben finden junge, kreative Menschen willkommenen Ausdruck. Hier können sie sich ausleben und Gleichgesinnte treffen. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es auch ein großer Beschäftigungszweig ist: Wo Leute tanzen, können andere Menschen arbeiten.“

Kanal in Amsterdam
Es wird Nacht über der Gracht: Amsterdam baut Brücken zwischen Clubbern und Anwohnern.
Foto: Getty/ Sir Francis Canker Photography

Rebell im Anzug

Sich selbst bezeichnet Mirik gern als „Rebell im Anzug”. Sein gelungener Spagat zwischen Nightlife-Community und Rathaus ist das Ergebnis harter Arbeit. In diesem Sinne möchte Mirik eine Brücke zwischen dem Nachtleben und der öffentlichen Aufmerksamkeit bauen.

„Es ist wirklich wichtig, Brücken zwischen beiden Seiten zu schlagen und für mehr gegenseitiges Verständnis zu werben”, erklärt er. „Wenn es nachts irgendwo Probleme gibt, wird normalerweise gleich der ganze Laden dicht gemacht. Ich suche lieber gezielt nach Lösungen, die alle Betroffenen miteinbeziehen. Denn wie soll ein Verwaltungsbeamter im Rathaus vernünftige, für das Nightlife relevante Entscheidungen treffen? Wenn man in der Stadtverwaltung etwas erreichen möchte, muss man auch ihre Sprache sprechen. Mit schiefer Basecap und Sonnenbrille kommt man da nicht besonders weit.“

Statt strikter Regeln und Vorschriften versucht Mirik in solchen Situationen lieber, alle Beteiligten – Stadt, Anwohner und Veranstalter – an einen Tisch zu bringen.

In mehreren Gesprächen mit Amsterdams Bürgermeister Eberhard van der Laan hat Mirik so eine vertrauensvolle Kommunikationsbasis geschaffen. Gleichzeitig ist der „Nachtbürgermeister“ unabhängig und frei, Beziehungen zu öffentlichen Entscheidern zu pflegen.

„Wir veranstalten Gesprächsrunden, um die unterschiedlichen Interessen an einen Tisch zu bringen. Dann kann man vernünftig miteinander reden und eventuelle Probleme beseitigen.“ So konnte Mirik bereits wichtige Beziehungen und mehr Verständnis zwischen Amtsvertretern, Anwohnern und der Nightlife-Community etablieren – und dauerhaft fördern.

Neue 24-Stunden-Lizenzen

Sein größter Erfolg? Die Einführung von 24-Stunden-Lizenzen für ausgesuchte Veranstaltungsorte. Mirik lächelt. „Einige Locations können jetzt selbst entscheiden, von wann bis wann sie ihre Türen öffnen. Davon profitieren auch die betroffenen Anwohner, denn durch den Wegfall der Sperrstunde strömen jetzt nicht mehr alle Clubber gleichzeitig auf die Straßen.“

Ein Gremium entscheidet in jedem Einzelfall und anhand des erwarteten Mehrwerts für die Allgemeinheit, welche Art von Lizenz jeweils erteilt wird. „Zu unseren Hauptkriterien zählen die Vielfalt und Qualität des angebotenen Programms. Wichtig ist uns zum Beispiel der Mehrzweckgedanke. Veranstaltungsorte sollten ein möglichst breites Publikum ansprechen und nicht nur die Party-Crowd. Einige der 24-Stunden-Venues verbinden Kulturprogramme mit Restaurants und Fitnessclubs – teilweise können Eltern sogar ihre Kinder zum Spielen mitbringen.“

Viele der wichtigen, wegweisenden Amsterdamer Clubs und Kultureinrichtungen – einschließlich der meisten 24-Stunden-Venues – befinden sich in weniger entwickelten Außenbezirken und locken die Kreativszene an.

Bestes Beispiel dieser Entwicklung: De School, ein Rund-um-die Uhr-Kulturzentrum, das in einem ehemaligen Unigebäude in Amsterdam-West ein Café und Restaurant, aber auch ein Fitnesscenter, einen Live-Club sowie eine Galerie unterbringt – und mit dieser Mischung Menschen aus ganz Amsterdam anzieht.

Die ehemalige No-go-Zone im Amsterdamer Norden, am anderen Ufer des Flusses IJ, entwickelt sich währenddessen zum attraktiven Festival- und Nightlife-Gelände. Im Fokus der Nachtschwärmer: die Gegend um die ehemaligen Docks der NDSM-Werft und das neu eröffnete Zentrum für holländische Dance Music – der A’DAM-Turm.

Die neue, geschickte Kulturpolitik hält Amsterdams Nachtleben quicklebendig – und nimmt gleichzeitig Druck von populären Ausgeh-Zentren wie dem Leidse-Platz. „Nachtleben und Kultur können gerade ärmere Stadtteile positiv beleben. Ich bin mir sicher, dass die ganze Bevölkerung davon profitiert“, ergänzt Mirik.

Amsterdam bei Nacht
Amsterdam schläft nicht.
Foto: Getty/ Marco Wong

Ein Nachtbürgermeister für jede Stadt

Angesichts der Erfolge in Amsterdam denken inzwischen auch andere Städte auf der ganzen Welt darüber nach, einen eigenen Nachtbürgermeister zu berufen. London ernannte mit Amy Lamé zum Beispiel erst kürzlich die erste „Nachtzarin“.

Erst kürzlich wurde sogar ein internationaler Nachtbürgermeister-Gipfel veranstaltet, auf dem sich Nightlife-Experten über die kulturellen und wirtschaftlichen Vorteile und Chancen des Nachtlebens austauschen konnten.

„Man braucht einfach jemanden, der von der Szene ernst genommen wird“, rät Mirik anderen Städten, die mit dem Gedanken spielen, einen eigenen Nachtbürgermeister einzusetzen. „Das Wichtigste ist, die gesamte Nightlife-Szene unter einen Hut zu bringen, damit alle am gleichen Strang ziehen.“

Melkweg in Amsterdam
Party im Melkweg, einer der berühmtesten Locations der Stadt.
Foto: Getty/ Melkweg