Längst geht es beim Thema Nachhaltigkeit in der Architekturwelt nicht mehr nur um Materialien. Diese überraschend innovativen Architekturprojekte machen bereits Lust auf 2018.

Das erste Holz-Hochhaus

Fassade mit Balkonen des Timber Tower
Hochhaus aus Holz: der Timber Tower von Penda.
Bild: Penda

Städte gleichen noch Beton-Stahl-Steinwüsten. Wenn es nach Architekten wie denen von Penda geht, dann soll sich das ändern. Der „Timber Tower“ beispielweise, den Penda gemeinsam mit dem Beratungsbüro Tmber für Toronto plant, ist komplett aus Holz – und das bei einer Höhe von 18 Stockwerken! Möglich machen soll es das Hightech-Holzgemisch CLT und eine modulare Bauweise: Versetzt angeordnete Boxen aus Holzpaneelen werden dafür 62 Meter hoch geschichtet. Das Ergebnis sieht aus wie ein gigantischer, bewohnbarer Baum.

Schlafzimmer im Timber Tower
Das Gebäude in Toronto besteht komplett aus Holz.
Bild: Penda

Der grüne Hügel

Manchmal dürfen Architekten ihre Träume wahr werden lassen. Thomas Heatherwick hat dieses Glück mit seinem „1000 Trees Complex“ in Shanghai. Das gigantische Bauvorhaben auf über 300.000 Quadratmetern ist mehr als nur ein neuer Skyscraper-Block in der Megastadt: Es ist ein Viertel mit Schulen, Kindergärten, Einkaufscentren, Büros und Wohnungen. Heatherwick träumte von einem hügelähnlichen Komplex, in seiner Form der Natur nachempfunden und über und über bepflanzt. Auf jeder Säule trohnt ein Baum, über 400 Terrassen werden begrünt.

Vision des 1000 Trees Complex inmitten von Hochhäusern in Shanghai
Bewohnbare Landschaft – im Herzen von Shanghai.
Bild: Mir

Drinnen-Draußen-Hybrid

Sein jüngstes Projekt in Ho-Chi-Minh-Stadt zog der vietnamesische Star-Architekt Vo Tronh Nghia sozusagen „von hinten“ auf: Er begann damit, die Bäume und Pflanzen zu planen und widmete sich erst dann dem eigentlichen Wohnraum.

Betonwände inmitten von Bäumen und Büschen
Vo Tronh Nghia baute dieses Haus um Bäume herum.
Bild: Hiroyuki Oki

Als Folge dessen dreht sich dieser nun rund um das Grün: Zimmer sind um Innengärten angeordnet. Betonwände bieten Kletterpflanzen die Möglichkeit zum Ranken. Die Decken haben vielerorts Aussparungen, durch die Bäume hindurchwachsen können und Tageslicht einfallen kann. Der Effekt: Bewohner können sich auch drinnen fast wie draußen fühlen.

Betonwände mit großen Glasflächen
Viel Tageslicht und luftige Räume.
Bild: Hiroyuki Oki

Innovative Außenhaut

Wem bei nachhaltiger Architektur hauptsächlich Naturmaterialien wie Bambus in den Sinn kommen, den lässt der Architekt Francois Perrin umdenken: Sein favorisierter Werkstoff ist nämlich ein innovatives Textil aus Aluminiumfäden. Für die Chicagoer Architektur-Biennale 2017 entwickelte er daraus die „Air Houses“.

Pyramidenförmiges Gebilde inmitten von Palmen
Die Air Houses von Francois Perrin bestehen aus einem metallischen Gewebe.
Bild: Steve Hall

Pyramidenförmige, an Baumhäuser erinnernde Gebilde mit einem Leichtgewicht-Stahlrahmen und einer Außenhaut aus dem Aluminiumtextil, das wind- und wasserabweisend ist und Sonnenlicht reflektiert. Ohne weitere Unterstützung kühlt es die Innenraumtemperatur deutlich herunter. Wer braucht da noch Klimaanlagen?

Wie ein Bergmassiv

Ein Wüstengebirge in Amsterdam – so könnte man das „Valley“ optisch beschreiben, das vom Architektenstudio MVRDV realisiert wird. Ab 2021 soll das Projekt mit drei Gebäudetürmen, 200 Wohnungen, öffentlichen Einrichtungen, Shops und Gastronomie das Amsterdamer Büroviertel Zuidas beleben.

Dafür sind die einzelnen Bereiche aufeinander gesetzt wie die Schichten eines Bergmassives, auf mehreren Ebenen verbunden durch Wege und Grünanlagen. Natursteinfassaden, Dachgärten und Wasserreservoirs sollen helfen, dass sich „Valley“-Bewohner weit weg vom Alltag fühlen – während die Stadt ihnen zu Füßen liegt.

Eingang und Aufgang zum Valley
Naturstein, bewachsene Terrassen und Wasserreservoirs im Amsterdamer „Valley“.
Bild: Vero Visuals, Rotterdam

Natur als Formgeber

Nicht weniger als ein Wahrzeichen der Stadt Manila, ja sogar der gesamten Philippinen, soll der „Icone Tower“ sein, den Henning Larsen Architects aktuell planen. Dafür hat sich das dänische Architekturbüro den Vulkan „Mount Mayon“ als Inspiration genommen: Kegelartig wie dieser soll sich auch der „Icone Tower“ in die Höhe recken.

Innen wechseln sich öffentlich und privat genutzte Bereiche ab. Die netzartige Glas-Stahl-Fassade lässt am Tag maximal viel Tageslicht herein und ermöglicht Ausblicke in den umliegenden Park. Abends soll die Aussichtsplattform in der Spitze wie bei einem Leuchtturm illuminiert werden.

kegelartiger Icone Tower mit Spitze
Der Icone Tower überragt Manila.
Bild: Henning Larsen
Eingang des Icone Towers
Inspiration kam vom philippinischen Vulkan Mount Mayon.
Bild: Henning Larsen

Doppeltes Spiel

Shanghai ist etwa so flach wie die Niederlande – nur deutlich dichter besiedelt. Um das Problem des Platzmangels in der boomenden Volksrepublik zu lösen, wird in der chinesischen Megametropole in die Höhe gebaut.

Zukunftspark „Zhangjiang“ mit mehreren Ebenen aus der Vogelperspektive
Gebäude als Hügellandschaft in Shanghai.
Bild: MVRDV

Für den Zukunftspark „Zhangjiang“ machte sich das Rotterdamer Architekturbüro MVRDV nun dieses Prinzip zu Eigen und plante auf mehreren Ebenen: Alle Gebäude im Park (darunter eine Bücherei, ein Veranstaltungshaus, ein Theater und ein Sportcenter) werden unterschiedlich tief in den Boden eingelassen – so ergibt sich der Eindruck einer Hügellandschaft. Außerdem haben alle Gebäude begehbare Dächer. Neben dem Ausblick haben die grünen Dächer auch positive Effekte für die Gebäude selbst: Sie dämmen, kühlen und filtern Regenwasser.

Vision von asymmetrischen, futuristischen Gebäuden
Der Zukunftspark „Zhangjiang“ – eine Idee der Niederländer von MVRDV.
Bild: MVRDV

Vertikaler Wald

Frankreich hat riesige Waldflächen, aber noch keinen einzigen vertikalen Wald. Der italienische Architekt Stefano Boeri will das nun ändern und plant für den Speckgürtel von Paris den „Forêt Blanche“, einen 54 Meter hohen Turm aus ineinander verschachtelten Holz-Glas-Kuben, mit üppig begrünten Vorsprüngen.

Nicht nur die über 2.000 Pflanzen, die einem Wald von einem Hektar Land entsprechen, sind hier Teil der nachhaltigen Architektur. Auch die Holzfassade, die Tageslichtschächte und die Bauweise, die eine natürliche Ventilation begünstigt, lassen sich dazu zählen.

„Forêt Blanche“: ein Turm aus ineinander verschachtelten Holz-Glas-Kuben
Stefano Boeri bringt seine grünen Fassaden nach Paris.
Bild: Compagnie De Phalsbourg Architectes
Vision der Fassade des Gebäudes Forêt Blanche
Verschachtelte Glaskuben prägen den Anblick des Forêt Blanche.
Bild: Compagnie De Phalsbourg Architectes

Schwimmende Uni

Es klingt fast wie ein Märchen: Verseuchtes Sumpfland wird zum nachhaltigen Zukunftsort. In Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, könnte es jetzt wahr werden. Denn die dort von Woha Architects geplante „Floating University“ hat erst kürzlich den weltweit wichtigsten Preis für nachhaltige Architektur gewonnen.

Für genial befand die Jury des „LafargeHolcim Awards“ die Idee, in das Feuchtgebiet Pontons zu setzen, auf denen die Unterrichtsgebäude stehen. Vertikale Gärten vermindern den Kühlungsbedarf, Photovoltaik-Paneele und ein Regenwasser-Auffangsystem verbessern die Umweltbilanz der Universität.

Teich vor der Floating University
Wohas nachhaltiger Universitätskomplex in einem ehemals verseuchten Feuchtgebiet.
Bild: WOHA

Natur auf Höhenflug

Unten soll man das Gefühl haben, sich in den leuchtend grünen Reisterrassen Vietnams zu befinden. Doch umso höher man in den „Empire City Towers“ kommt, umso fantastischer wird es: So befinden sich in den bis zu 333 Meter hohen, spiralartigen Türmen des Mega-Projekts Zwischengeschosse mit tropischen Gärten, Seen und sogar Wasserfällen. Eindeutig: Die Inspiration für Ole Scheerens Wolkenkratzer in Ho-Chi-Minh-Stadt ist die Natur Vietnams.

Vision der Empire City Towers bestehend aus piralartigen Türmen
Geplantes Highlight in Ho-Chi-Minh-Stadt: die Empire City Towers.
Bild: Ole Scheeren

Auch ihre organischen Formen und die energieneutrale Bauweise zollen diesem Ansatz Tribut. Was einem schließlich den Atem raubt – das Grün oder die Aussicht – bleibt jedem Besucher selbst überlassen.

Vision von piralartigen Türmen
Wie Reisterrassen – hoch über der Stadt.
Bild: Ole Scheeren