Mit ihrer vielseitigen Herangehensweise an Gebäude und ihrem steten Blick über die Mauern einer Stadt hinaus, setzen die Architekten von MVRDV Maßstäbe, wenn es um die Stadt der Zukunft geht. In diesem Jahr wird das niederländische Architekturbüro 25 Jahre alt.

Versteckt hinter einer Reihe von Bäumen mitten im Stadtzentrum von Rotterdam liegen fünf alte, aneinander grenzende Lagerhäuser. Sie waren einst Teil eines vielseitigen Mietkomplexes für Geschäftsräume, die 1951 eröffnet wurden. Von außen betrachtet deutet wenig daran darauf hin, dass hier mittlerweile Pläne für die Städte der Zukunft geschmiedet werden. Bei einem Blick nach innen wird jedoch schnell klar, dass es sich um einen Ort der Visionen handelt.

The entrance of the MVRDV architects building.
Unscheinbar von außen: Fünf alte Lagerhallen dienen als Räumlichkeiten der Architekten von MVRDV.
Foto: Ossip van Duivenbode
a meeting room at MVRDV architects
Innen werden Pläne für die Stadt der Zukunft geschmiedet.
Foto: Ossip van Duivenbode

Die Nischen des kreisrunden Tresens im Empfangsbereich zieren Architekturmodelle, die an Science Fiction erinnern. In dem großräumigen, offenen Arbeitsbereich sitzen überwiegend junge Leute an Schreibtischen. Weiter oben hängen mitten im Raum kleine, grüne Oasen aus Zimmerpflanzen von der Decke. Am auffälligsten sind jedoch die farbenfrohen Konferenzräume, wie der grasgrüne „Game Room“. Fun Fact: Die Tischtennisplatte lässt sich zum Konferenztisch umfunktionieren. Willkommen in der Welt von MVRDV!

colourful conference rooms at MVRDV architects
In farbenfrohen Konferenzräumen lässt es sich besonders kreativ denken.
Foto: Ossip van Duivenbode
a bright orange conference room
Jeder Raum hat ein eigenes Thema, mit auffallend farbigen Oberflächen und Wänden.
Foto: Ossip van Duivenbode
the entrance of MVRDV architects
Vor 25 Jahren öffnete das niederländische Studio seine Türen.
Foto: Ossip van Duivenbode

Kollektives Arbeiten

Seit etwa einem Jahr arbeiten die ewigen Rebellen der niederländischen Architektur jetzt in diesen gemeinschaftlichen Büroräumen, die ihre Identität perfekt widerspiegeln: konzeptionell, spielerisch und stets mit einem Blick auf die sozialen Möglichkeiten der Architektur. „Wir wollten mit dem Design das Gemeinschaftsgefühl stärken“, erklärt Jacob van Rijs – einer der drei Mitbegründer – dessen Initialen „VR“ Teil des Firmennamen MVRDV sind.

the office rooms of MVRDV architects
Heimisch eingerichtete Räumlichkeiten kreieren einladende Büroräume.
Foto: Ossip van Duivenbode

„Die ursprüngliche Idee war es, eine intime und einladende Büroatmosphäre für die wachsende MVRDV-Familie zu kreieren“, fährt Van Rijs fort. „Wir wollten keinen sterilen, bis unter die Decke mit Akten gefüllten Raum, sondern lieber eine kuschelige, dunkelbraune Bibliothek – keinen weitläufigen Besprechungsraum, sondern eine gemütliche Lounge in Karamell.“

employees eating at a 30-metre long dining table
Mittags essen die Mitarbeiter gemeinsam an diesem riesigen Esstisch zusammen.
Foto: Ossip van Duivenbode

Auch der 30 Meter lange Esstisch, an dem die Mitarbeiter jeden Tag gemeinsam zu Mittag essen, steht für den sozialen Anspruch des Bürodesigns von MVRDV. Die bescheidenen Räumlichkeiten des Managements befinden sich gleich neben der Kaffeeküche und den Druckern. „So sind wir sehr viel effizienter“, betont Van Rijs. „Jeder, der sich eine Tasse Kaffee holt, schaut auf einen Sprung hier vorbei, um eine neue Idee oder ein fertiges Konzept zu präsentieren. So werden Entscheidungen viel schneller getroffen.“

an open office space at MVRDV architects
Die offen gestalteten Büroflächen sorgen für eine entspannte Arbeitsatmosphäre.
Foto: Ossip van Duivenbode

Utopische Hybriden

MVRDVs bisher größter Erfolg ist die Markthalle in ihrer Heimatstadt Rotterdam. Das hufeisenförmige Gebäude beherbergt einen Food-Court von der Größe eines Fußballfeldes, umgeben von 228 Apartments. Oft gehen die Ideen für so hybride Designs allerdings nicht über einen Entwurf hinaus und landen anschließend im Festplatten-Mausoleum für nicht-realisierbare Fantasien. Aber irgendwie gelingt es Van Rijs und seinen Kollegen Winy Maas und Nathalie de Vries, ihre Utopien in die Realität umzusetzen.

city of Rotterdam
Die futuristische MVRDV Markthalle in Rotterdam ist ein wahrer Hingucker.
Foto: Ossip van Duivenbode
Den Innenraum des hufeisenförmigen Gebäudes ziert ein atemberaubendes Kunstwerk.
Foto: Ossip van Duivenbode

Ein Expo-Gebäude mit einem Wald im Obergeschoss, eine Bibliothek in Form eines Bücherbergs, eine provisorische Treppe aus Gerüsten, die zu einem renovierten Denkmal führt, ein Park auf einer ehemaligen Autobahnüberführung; MVRDV haben in der Vergangenheit einen hybriden Sonderling nach dem anderen geschaffen. „Manchmal sollte man nicht einfach das tun, worum man gebeten wurde, sondern aufzeigen, was man noch verbessern kann“, sagt Van Rijs.

inside the Market Halll in Rotterdam
Von den Apartments aus hat man einen beeindruckenden Blick auf die großzügige Markthalle.
Foto: Ossip van Duivenbode

Ein Hauch Absurdität

Den gleichen Ansatz verfolgt das Unternehmen bei seinen Recherchen – indem sie den Blick über das eigentliche Gebäude und die Mauern der Stadt hinaus wagen. Dabei konzentrieren sie sich gerne auf die kleinen Probleme komplexerer Themen und zeigen auf, was nötig ist, um diese am Ende ganzheitlich anzugehen. Und MVRDV neigen dazu, allem was sie tun, eine Prise Absurdität hinzuzufügen.

Models of the future city by MVRDV
Die MVRDV „Why Factory“ produziert Modelle für Städte der Zukunft …
Foto: Zhang Chao

Pig City ist so ein Beispiel – ein Konzept für eine 40-stöckige Farm für Nutztiere. Das Design war die Antwort auf die Frage, ob fünfzehn Millionen Schweine ganzheitlich und nachhaltig gehalten werden könnten. Eine Studie aus allen gesammelten Daten ergab den Vorschlag für einen Turmkomplex, der in der Lage wäre, alle landwirtschaftlichen Abläufe – vom Ferkel bis zum Speck – an Ort und Stelle zu regulieren.

Inside MVRDV’s "Why Factory"
… um herauszufinden, wie sich zukünftige Städte entwickeln und mit welchen Herausforderungen wir konfrontiert werden.
Foto: Zhang Chao

MVRDV stellte die Idee erst einmal nur als Konzept vor, wies aber mehrfach darauf hin, dass es sich dabei um einen Ansatz handelt, der tatsächlich umgesetzt werden könnte. Das war auch bei einem Vorschlag der Fall, den das Studio auf die Problematik der immer weiter wachsenden Weltbevölkerung unterbreitete. Wie könnten Milliarden von Menschen auch in Zukunft komfortabel leben? Mit ihrer Vision von Häusern im Barbapapa-Stil – Gebäude, die sich den Bedürfnissen ihrer Bewohner entsprechend anpassen. Fertig geduscht? Dann wird das Badezimmer einfach weggeklappt. Was sich absurd und fiktiv anhört, ist unter dem Namen (W)ego mittlerweile Gegenstand der akademischen Forschungen an der Technischen Universität Delft.

Multiplizität

In der Zwischenzeit arbeitet MVRDV unter Hochdruck weiter an hybriden, multifunktionalen Konzepten für Gebäude. Laut Nathalie de Vries ist ‚Multiplizität‘ die wichtigste Anforderung, die an das Bauen im urbanen Raum gestellt werden muss.

MVRDV konzipiert das Hotel von morgen: (W)ego …
Foto: Zhang Chao
colourful hotel rooms
… bringt Farbe in das graue Stadtbild.
Foto: Zhang Chao

„Immer mehr Menschen leben in der Stadt“, erklärt De Vries. „Damit diese ein angenehmes Umfeld mit ausreichend öffentlichen Plätzen und allen zugänglichen Wohnraum bleibt, brauchen wir möglichst multifunktionale Gebäude.“ Und De Vries weiß auch genau, welche Eigenschaften diese haben sollten: Sie sollten nicht nur zirkulär aufgebaut sein, sondern auch den sozialen Zusammenhalt stärken, der Umwelt zugute kommen, in der Lage sein, Energie zu produzieren und einen kulturellen Beitrag leisten. „Nur dann kann das derzeitige Potenzial der verfügbaren Flächen in vollem Umfang ausgenutzt werden und unserer Lebensqualität zugute kommen.“

Flexibilität vom feinsten: Die Räumlichkeiten sind auf (fast) alle Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner anpassbar.
Foto: Zhang Chao

Laut De Vries können auch Nicht-Architekten einen Beitrag dazu leisten. „Indem wir uns die Möglichkeiten dessen, was wir bauen, kaufen oder mieten vor Augen führen. Manchmal genügt ein Blick – auf oder unter das Gebäude, in dem wir leben oder arbeiten. Es gibt so viele ungenutzte Flächen, die wir umfunktionieren können.“

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