In der Arbeit von Veronika Jukalowa und Galina Belozerowa aus Moskau steht der Mensch im Mittelpunkt, etwa bei einem Musiklabel für Straßenmusiker und einer Stadt-App für Sehbehinderte. Ein Besuch in der russischen Hauptstadt im smart fortwo.

Moskau wird im Westen als große Unbekannte wahrgenommen. Welcher urbane Trend hat Moskau 2016 geprägt?
Veronika Jukalowa
: Die Moskauer sind immer mehr unter freiem Himmel aktiv: In den Parks wird im Sommer Yoga praktiziert, im Winter werden dort Eislaufflächen installiert. Außerdem hat sich die Stadt um Fahrradwege gekümmert. Dieser Open-Air-Trend kumuliert in einer großen Zahl von Festivals, von denen es in diesem Sommer mehr denn je gegeben hat. An jedem Wochenende hatte man die Wahl zwischen zwei oder drei Veranstaltungen. Ein Höhepunkt war das „Alfa Future People“, das immer Ende Juli außerhalb der Stadt stattfindet. Es ist eines der größten russischen Musik- und Technologiefestivals. Coole DJs neben neuer und faszinierender Innovationen wie Chatbots – sehr spaßig und sehr interessant.

Woher kommen diese neuen Impulse?
Veronika Jukalowa
: Es gibt immer mehr Start-ups, die die Szene verändern. Von ihrer Philosophie des „einfach machen“ bis hin zur Entwicklung von Apps und neuen Diensten, die kleine Dinge im urbanen Leben verbessern.

Galina Belozerova und Veronika Yukalova diskutieren
Galina und Veronika verfolgen bei all ihren Projekten einen zwischenmenschlichen Denkansatz.

Moskau lockt immer mehr Zuzügler aus ganz Russland an, der Großraum hat längst die 15-Millionen-Einwohner-Marke geknackt. Welches Lebensgefühl macht die Stadt derzeit aus?
Veronika Jukalowa
: Es ist stressig (lacht), man ist immer in Eile. Moskau ist eine große Stadt voller Möglichkeiten. Die Menschen in unserem Umfeld arbeiten viel, vor allem in der Werbung sind die Arbeitstage lang und hart. Man hat eine Million Meetings am Tag. Man muss sich seine Zeit gut einteilen – nicht nur wegen der drohenden Verkehrsstaus. Gleichzeitig ist es auch cool und aufregend, in einer so großen Stadt zu leben. Alles wandelt sich ständig.

Galina und Veronika pendeln regelmäßig durch Moskau.
Veronika Jukalowa steigt in einen smart in Moskau
Ein individueller Mobilitätsmix ist für Veronika unabdingbar.

Was sind eure Lieblingsorte in Moskau?
Galina Belozerowa: Das gesamte Stadtzentrum. Es gibt viele kleine Straßen, die zu einem Spaziergang einladen. Außerdem zeigt sich die Stadt in den Morgenstunden von einer ganz anderen Seite als bei Nacht – das finde ich faszinierend.
Veronika Jukalowa: Der Gorki-Park direkt neben unserem Büro wird bei den Leuten immer beliebter. Er ist einer der ersten Parks, in die tatsächlich investiert wurde. Dort gibt es ein neues Museum für moderne Kunst, Ausstellungen, viele Restaurants und Festivals im Sommer. Im Winter findet man dort natürlich auch eine riesige Schlittschuhbahn.

ein schwarzer smart fortwo fährt entlang des Gorky Parks in Moskau
Unterwegs in Moskau im smart fortwo.

Welche Infrastruktur gibt es für digitale Arbeiter, Kreative und junge Unternehmen?
Veronika Jukalowa: Wir haben in Moskau mittlerweile viele kreative Co-Working-Spaces, die ein Nährboden für Start-ups und Ideen sind. Früher saß man bei irgendjemandem zu Hause, weil man sich die Miete für ein ganzes Büro nicht leisten konnte. Heutzutage kann man Büros mit Gleichgesinnten teilen, die ähnliche Ambitionen und Ziele haben.

Veronika Jukalowa sieht auf ihr Handy
Veronika ist von der Kraft digitaler Tools und Lösungen überzeugt.

Setzt Moskau damit Trends für den Rest Russlands?
Veronika Jukalowa: Die kleineren Städte in Russland haben einen anderen Lebensrhythmus und andere Prioritäten. Wir entwickeln unsere Ideen und Konzepte zunächst hier und adaptieren sie später für den Export in andere Städte und Regionen. In Moskau überlässt man noch viel den Behörden. Echte Graswurzelbewegungen gibt es in Russland zum Beispiel eher in kleineren Städten.

smart fortwo in einem Moskauer Tunnel
Mit dem smart fortwo hinter den Kulissen der russischen Hauptstadt.
Ein schwarzer smart fortwo fährt am Gorky Park vorbei
Ihre Inspiration finden die beiden kreativen Frauen oft in den Straßen Moskaus.

Ihr habt die Projekte „Sound of Change“, ein Musiklabel für Straßenmusiker, und „SeeLight“, eine Stadt-App für Sehbehinderte entwickelt. Hat die Arbeit an diesen Projekten euren Blick auf die Stadt verändert?
Galina Belozerowa: Wenn wir in unserer Agentur Possible Projekte wie „Sound of Change“ entwickeln, denken wir in erster Linie an die Menschen, nicht an die Stadt. Bei „SeeLight“ haben wir uns auf Menschen mit einer Sehbehinderung konzentriert. Wir haben überlegt, wie sie mit der Stadt und ihrer Umgebung in Verbindung treten. Wir hoffen, dass dieses Projekt ihr Leben angenehmer gestaltet. Bei „Sound of Change“ hatten wir Straßenmusiker im Sinn und wollten Verbindungen zwischen Städten in aller Welt anstoßen. Wenn man zum Beispiel einen tollen Musiker entdeckt, selbst in einer Stadt am anderen Ende der Welt, kann man ihn direkt mit einer Finanzspritze unterstützen.

Moskauer Skyline
Moskau orientiert sich in Sachen Stadtentwicklung an Europa.
Fassade eines Gebäudes in Moskau am Abend
Moskau glänzt am Abend.

Wie laufen diese Projekte bisher?
Galina Belozerowa: Beide fanden in den Medien viel Beachtung. Außerdem sind wir bei Musikfestivals gut angekommen und hatten dort viel positive Resonanz. Diese Verbindung zu Straßenmusikern führt außerdem auch bei Marken zu verstärktem Interesse an einer Zusammenarbeit.

Ihr seid heute im smart fortwo unterwegs, dem idealen Auto für große und volle Städte. Der Straßenverkehr in Moskau ist dennoch oft ein Problem, oder?
Veronika Jukalowa
: Ja, die ständigen Staus machen uns sehr zu schaffen, leider nicht nur im Berufsverkehr. Die Leute fahren immer noch lieber mit dem Auto, als öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Allerdings: Im Sommer kommt man leichter durch die Stadt als im Winter.

Mit welchen Mobilitätslösungen will die Stadt für Entspannung sorgen?
Veronika Jukalowa
: Unsere Regierung testet aktuell Lösungen wie zum Beispiel eigene Fahrspuren für den öffentlichen Nahverkehr. Vor einer Weile ist außerdem der Zweite Ring eröffnet worden – eine ringförmige U-Bahn-Strecke. Zusätzlich gibt es nun ein System für kostenpflichtige Parkplätze – bis vor vier Jahren konnte man in ganz Moskau kostenlos parken. Die Stadt bietet auch Parkplätze außerhalb des Zentrums an. Die Idee ist, dort zu parken und mit dem Bus oder der Metro in die Innenstadt weiterzufahren – und so einen eigenen Mobilitäts-Mix zu schaffen. Außerdem gibt es ein gut ausgebautes Netz von öffentlichen Leihrädern, die jedem zur Verfügung stehen. Die Einheimischen nutzen diese Möglichkeit oft, weil man sich im Stadtzentrum gut damit bewegen kann. Bei Schnee sind sie natürlich keine Option.

Um Ost und West einander noch näher zu bringen: Was können andere Städte von Moskau lernen?
Veronika Jukalowa
: Wir sind ein gutes Beispiel dafür, dass man mit rund 15 Millionen Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen gut und friedlich zusammenleben kann.

Was könnte Moskau von anderen Städten lernen?
Veronika Jukalowa
: Ich denke, Moskau tut sich schwer damit, zu lernen und auf Veränderungen zu reagieren. Es gibt ja auch nicht viele europäische Städte mit einer so großen Bevölkerung. Was Grünanlagen und Architektur angeht, laden wir oft europäische und amerikanische Experten ein, die Erfahrung und bewährte stadtplanerische Konzepte mitbringen.