Wer wissen will, wie die Zukunft einer Automarke aussehen könnte, sollte Eileen Mandir zuhören. Die Verkehrsexpertin arbeitet als Head of Product & Lab bei moovel, der Mobilitätsmarke von Daimler. Ihr Ziel dabei: Den besten Weg durchs urbane Netz finden.

Unten liegt der Marienplatz mit der Endhaltestelle der gelben Zahnradbahn. Und mit Fahrradwegen, Passanten, Hauptverkehrsstraßen, einem Taxistand und einigen der smart fortwo electric drive von car2go, mit denen man in Stuttgart elektrisch carsharen kann. moovel, die Mobilitätsmarke von Daimler, hat gerade drei Etagen am Rand dieses Knotenpunkts bezogen. moovels Mission: Die Zukunft der Mobilität erforschen, aufzeigen, mitgestalten, anbieten. Darin werden wir möglichst intelligent verschiedene Verkehrsmittel nutzen. Einen Begriff gibt es dafür noch nicht, wir werden es irgendwann vielleicht „mooveln“ nennen. Eileen Mandir interessiert sich als promovierte Verkehrsforscherin vor allem für die verborgenen Strukturen im Gewimmel unter ihrem Fenster. Denn nur wenn man die Verkehrs-DNA und den Mobilitäts-Fingerabdruck einer Stadt identifiziert hat, kann man eine App programmieren lassen, die jede Verbindung kennt und vermittelt. So einfach ist das. Und so kompliziert.

Frau Mandir, mit dem Carsharing von car2go und der Vermittlung von Taxifahrten über mytaxi hat sich Daimler sehr früh in neuen Geschäftsmodellen engagiert. In Stuttgart und Hamburg lassen sich über die moovel App nun auch Fahrten mit der Bahn und dem ÖPNV buchen. Stehen bei Ihnen die Zeichen auf Mobilitätsrevolution?
Eileen Mandir: Diese vollständige Integration aller Verkehrsangebote in Stuttgart und Hamburg ist in der Tat eine Weltneuheit, aber keine Revolution. moovel begleitet mit diesem Angebot eher eine Entwicklung, die sich in den urbanen Zentren weltweit abzeichnet: Die Grenzen zwischen den einzelnen Verkehrsmodi – Auto, Bahn, Nahverkehr, Rad – verschwinden, die Routen verknüpfen sich und der Nutzer fährt immer intermodaler. Vor diesem Hintergrund ist es aus meiner Sicht ganz natürlich, dass sich ein Automobilhersteller wie Daimler zu einem Mobilitätsanbieter entwickelt. Unser Ziel ist die perfekte, nahtlose Fahrt mit einem oder mehreren Verkehrsträgern, bei der vom Suchen übers Buchen bis zum Bezahlen alles in einer Smartphone-App funktioniert – maximal userfreundlich.

Wie bewegen sich die typischen moovel Nutzer denn durch die Stadt?
Eileen Mandir: Die Routen und Kombinationen sind so verschieden wie die Menschen selbst. Wir wollen über die moovel App unseren Kunden den für sie besten Weg anbieten. Dies kann, je nach Kunde und Situation, die schnellste, komfortabelste, günstigste oder interessanteste Route sein. Vielleicht mit dem eigenen Auto oder einem car2go zum Bahnhof, dann mit der Bahn weiter und die letzte Etappe mit dem über mytaxi gebuchten Taxi oder mit dem Mietrad. Oder genau andersherum.

Wie konnte beim ältesten Autobauer der Welt die radikale Idee entstehen, auch mal auf den Privatwagen zu verzichten?
Eileen Mandir: 2007 war Daimler eines der ersten Unternehmen in Europa, das klar gesagt hat: Wir wollen Geschäftsmodelle entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen, die weit über das Bauen, Entwickeln und Verkaufen von Fahrzeugen hinausgehen. Im selben Jahr hat sich dann der Bereich „Business Innovation“ mit diesen Plänen konkreter befasst. Das war der erste wichtige Schritt, um aus dem Konzern heraus komplementäre, beziehungsweise frontal disruptive Geschäftsmodelle zu entwerfen und umzusetzen. In der Entwicklung ging es darum, immer vorne dabei zu sein und proaktiv in Veränderungen eingreifen zu können. Das prominenteste Beispiel ist hierbei car2go. Damit war Daimler seiner Zeit weit voraus.

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Bei moovel in der Stuttgarter Innenstadt wird die Zukunft der urbanen Mobilität gestaltet: bunt, vernetzt und digital.
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Moovel App

Eileen Mandir weiß, dass genau wie Verkehrsströme auch neue Ideen ein Leitsystem brauchen. Das moovel Team aus Entwicklern, Designern, Daten-Analysten, Kommunikatoren und Marketing-Spezialisten hat deshalb in Stuttgart ein „New Work“-Konzept geschaffen. Durch die drei luftig-lichten Etagen flutet kreative Start-up-Atmosphäre mit Telefonierboxen, Sofas, Dachterrasse und einer offenen Küche. Einmal im Monat kommt die Entwicklergruppe „Mobile Maultaschen“ zum gemeinschaftlichen Kochen. Im achten Stock, in dem die Entwickler arbeiten, hängen zwei E-Bikes am Stecker. Vor einer Couch liegt ein Longboard. Klar, Mobilität fängt an, sobald sich der Mensch bewegt. Alles außer Stillstand auch beim moovel lab: Das dreiköpfige, interdisziplinäre Team erforscht, wie wir uns in Zukunft im urbanen Raum bewegen werden. Dabei entsteht aus Datenströmen Kunst oder es wird über Drohnen als Zukunftstaxis nachgedacht.

Wie hält man aus Stuttgart heraus mit dem schnellen Puls des Silicon Valley mit?
Eileen Mandir: Manchmal bietet eine vermeintliche Randlage eine sehr gute Perspektive. Und moovel hat ja neben Stuttgart, Hamburg und Berlin auch Standorte in Portland und Austin, zwei sehr trendige Städte mit großer Start-up-Kultur. In den USA haben wir gerade alle Aktivitäten unter das Dach moovel North America gebracht. Dort werden Mobile-Ticketing-Technologien entwickelt, die auf den öffentlichen Nahverkehr zugeschnitten sind und als White-Label-Lösungen in die Apps der Verkehrsunternehmen integriert werden.

Bewegen sich Europäer wirklich so entscheidend anders durch den Alltag als US-Amerikaner?
Eileen Mandir: Ja, das Mobilitätsverhalten ist oft kulturell verwurzelt. Die Wahrnehmung des öffentlichen Nahverkehrs ist zum Beispiel in den USA eine gänzlich andere als in Europa. Deshalb finden wir es wichtig, Mobilität aus unterschiedlichen Märkten heraus zu gestalten und die Produkte den jeweiligen Ansprüchen anzupassen. Es macht also Sinn, eine App, die von Amerikanern genutzt wird, auch in den USA zu entwickeln.

Als Head of Product & Lab arbeiten Sie an Gegenwart und Zukunft zugleich …
Eileen Mandir: Genau, ich kümmere mich in meinem täglichen Geschäft um Produktdesign, Produktpositionierung, Kundensegmente und Nutzungsverhalten bei unserer Mobilitäts-App moovel. Bei meiner Arbeit spielt klassisches Produktmanagement, aber auch das Cultural Design innerhalb der Firma eine Rolle. Wie organisiert man Abläufe, von der internen Kommunikation bis hin zur Abstimmung? Wir sprechen aber auch mit Verkehrsverbünden und öffentlichen Institutionen. Eine Kernfrage hier: Wie stellen diese sich Mobilität vor und welche Aufgabe kann moovel dabei übernehmen?

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Das Cultural Design von moovel beginnt bei der flexiblen Sitzordnung.
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Die drei Etagen bieten ein abwechslungsreiches Arbeitsumfeld.
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Das Comeback der Telefonzelle im Büro.
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Abgeschirmte Sitzecken dienen als Rückzugsort.
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Moovel hat eine App entwickelt, die den richtigen Weg für jeden findet.
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Sofas bieten eine bequeme Alternative zum Schreibtischstuhl.
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Und das moovel lab entwickelt dann die experimentellen Spezialprojekte wie den smart fortwo greenskin oder den „Urban Mobility Printer“, der aus Verkehrsdaten Kunstwerke druckt?
Eileen Mandir: Ja, die Idee zum moovel lab entstand durch unsere interdisziplinäre Arbeit. Wir kommunizieren viel mit Start-ups und öffentlichen Institutionen, auch unsere eigenen Teams sind mit verschiedenen Experten besetzt. Wir wollen mit dem moovel lab nicht nur untersuchen, wie sich das Mobilitätsverhalten im urbanen Kontext verändert, sondern auch Dialog und Diskurs unter den verschiedenen Disziplinen anstoßen, daraus lernen und weitere Innovationen schaffen. Denn Mobilität geht uns ja alle an.