Seit 30 Jahren gibt es bei Daimler die Forschungsgruppe „Forschung für Gesellschaft und Technik“. Und seit 20 Jahren ist Marianne Reeb mit an Bord. Im Interview spricht das Jurymitglied von smart urban pioneers über Trends, Innovation und die Macht der Vielen.

Frau Prof. Reeb – wie erforscht man die Zukunft?
Marianne Reeb: Letztlich können Sie nur einen „educated guess“ machen, also zusammen mit Experten Szenarien entwickeln, was in 10, 15 oder 20 Jahren passieren könnte. Es gibt so viele Einflussfaktoren, dass es immer sinnvoll ist, ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario zu entwickeln. Und dann natürlich zu sagen, welches man gerne hätte.

Was war das erste Thema, mit dem Sie sich im Rahmen Ihrer Arbeit in der Forschungsgruppe „Forschung für Gesellschaft und Technik“ der Daimler AG beschäftigt haben?
Marianne Reeb: Wir haben uns sehr früh mit dem Thema Carsharing befasst. Das ist aber nie richtig geflogen, denn in den 1980er-Jahren musste man das Auto noch telefonisch und drei Tage vorher reservieren. Hauptsächlich ging es um die Technik-Folgen-Forschung. Also: Welche Auswirkungen haben neue Produkte? Wie werden Innovationen von der Gesellschaft aufgenommen?

Haben Sie hier über die Jahre eine Veränderung festgestellt? Sind die Menschen heute zum Beispiel mutiger als noch vor 15 Jahren?
Marianne Reeb: Ob eine Innovation akzeptiert wird, hängt stark davon ab, wie sehr wir unsere bisherigen Gewohnheiten verändern müssen. Und welche Anreize wir bekommen. Ich finde es zum Beispiel sehr gut, Elektrofahrzeuge im Carsharing einzusetzen. Da gibt es nicht so ein großes Risiko – man kann die neue Technologie erst einmal ausprobieren. Und wenn man merkt, dass man nicht liegen bleibt, sinkt die Kaufbarriere.

Erreicht man heute die Akzeptanz für Innovationen schneller?
Marianne Reeb: Ein Trend wird dann relevant, wenn ihn breitere Gruppen der Gesellschaft übernehmen. Und heute kann man über die sozialen Medien Dinge viel schneller verbreiten. Außerdem gibt es viel mehr Reisetätigkeiten zwischen den Metropolen, junge Menschen studieren oder arbeiten ganz selbstverständlich im Ausland und kommen dann mit neuen Erfahrungen wieder zurück. Sowohl sozial als auch technologisch sind die Innovationszyklen kürzer geworden, auch wenn es immer noch länger dauert, eine neue Antriebstechnologie zu entwickeln als neue Gadgets fürs Smartphone.

Marianne Reeb
Marianne Reeb arbeitet seit 20 Jahren für die Forschungsgruppe „Forschung für Gesellschaft und Technik“ der Daimler AG.

„Smart-Home-Technologie wird unser Leben verändern!“

Und woran forschen Sie gerade?
Marianne Reeb: Wir beschäftigen uns intensiv mit der Stadt der Zukunft, vor allem mit smart cities. Der Blick nach Asien ist dabei besonders spannend: China zum Beispiel baut in den nächsten 10 Jahren neue Städte für 400 Millionen Menschen. Und die Chinesen haben aus ihren Erfahrungen in Shanghai und Peking in Sachen Verkehr und Infrastruktur gelernt und planen nun die Mobilität mit. smart homes sind für uns übrigens auch ein wichtiges Thema.

Inwiefern?
Marianne Reeb: Neben der technischen Innovation steckt hier ganz viel Potenzial für soziale Innovation. Für eine Erleichterung des Alltags. Damit meine ich nicht unbedingt, dass ich mein Auto auf die gewünschte Temperatur vorwärmen kann – das ist Spielerei. Smart-Home-Technologie kann es älteren Menschen aber ermöglichen, länger als bisher zu Hause zu leben.

Gerade bei smart homes im dicht besiedelten urbanen Umfeld ist die Sicherheit sehr wichtig. Ein Datenleck kann buchstäblich Schloss und Riegel öffnen. Wie begegnen Sie diesen Ängsten?
Marianne Reeb: Das Thema ist richtig und wichtig, vor allem in Deutschland. Chinesen und Amerikaner zum Beispiel machen sich da viel weniger Gedanken. Auch hier geht es wieder um Anreize: Mein Eindruck ist, dass die Menschen ihre Daten relativ freigiebig zur Verfügung stellen, wenn sie darin einen wirklichen Nutzen für sich sehen. Als renommierter Hersteller ist Daimler hier natürlich besonders in der Pflicht: Manchmal wird uns vorgeworfen, dass es bei uns mit den Innovationen länger dauert. Sicherheit ist allerdings einer unserer wichtigsten Markenwerte und braucht einfach ihre Zeit.

Marianne Reeb
Als Jury-Mitglied bei smart urban pioneers sucht Marianne Reeb derzeit Projekte, die die Stadt lebenswerter machen wollen.

„Alle Städte wollen, dass die Lebensqualität zunimmt“

Sie haben viele Städte untersucht. Gibt es noch Gemeinsamkeiten oder entwickeln sich die urbanen Zentren völlig unterschiedlich?
Marianne Reeb: Man muss natürlich die einzelnen Städte unterscheiden. US-Amerikaner zum Beispiel leben ja eigentlich nicht in ihren Städten, sondern eher in den Vororten. In Peking und Shanghai wiederum findet nach wie vor sehr viel in den Zentren statt. Allen Städten gemeinsam ist jedoch, dass sie daran arbeiten, dass das Leben in der Stadt besser wird und die Lebensqualität zunimmt. Das tun Chinesen, Europäer und US-Amerikaner. Die Ausgangsniveaus sind natürlich sehr unterschiedlich.

Christian Vollmann, der Schirmherr von smart urban pioneers, setzt bei seinem neuen Projekt nebenan.de auf Eigeninitiative, Engagement und Schwarmintelligenz, anstatt auf die Behörden zu warten, um etwas zu verändern. Teilen Sie diese Einschätzung?
Marianne Reeb: Es geht nicht um entweder oder, sondern um beides. Nur mit Schwarmintelligenz wird man im Zweifelsfall keine großen infrastrukturellen Projekte hinbekommen. Sie kann aber unterstützen. Aber auch die Politik allein – ohne die Menschen in der Stadt – schafft es nicht. Das hat vor allem wirtschaftliche und finanzielle Gründe, hängt aber auch mit der Komplexität unseres Lebens zusammen.

Als Jury-Mitglied von smart urban pioneers haben Sie alle Projekte gesichtet und bewertet. Wie ist Ihr Eindruck?
Marianne Reeb: Die Projekte sind sehr spannend, aber auch sehr unterschiedlich. Sehr app-lastig, aber das liegt vermutlich an der Zeit, in der wir leben. Ich habe mich deshalb über alles gefreut, was mit Hardware zu tun hatte (lacht). Was ich sehr schön fand: Es herrscht ein großer Pragmatismus. Die Menschen möchten etwas verändern und sie überlegen sich, wie das praktisch funktioniert. Wir erleben eine anpackende Generation, die nicht darauf wartet, dass ihr jemand sagt, was sie machen soll. Es ist ihr viel wichtiger, dass das, was sie tut, auch einen Sinn hat. Das war mein größtes Aha-Erlebnis.