Wie kartiert man die Welt im digitalen Zeitalter? Leen Balcaen, Head of Cities bei Here Technologies und Referentin auf der diesjährigen me Convention, über innerstädtische Netzwerke, Sensoren und die Stadt der Zukunft.

Here ist weltweit Marktführer für Standortdienste. Was sind die Herausforderungen bei der Entwicklung digitaler Karten heutzutage?
Leen Balcaen: Städte entwickeln sich ständig weiter – ob Bauarbeiten, neue Straßen und Gebäude oder Umleitungen, es ist sehr wahrscheinlich, dass die Stadt morgen schon nicht mehr dem digitalen Abbild von gestern entspricht. Selbst ständige Software-Updates können daran wenig ändern. Here ist dabei, das zu optimieren. Wir entwickeln ein Live-Kartensystem, das in Echtzeit aktualisiert wird und so im selben Tempo mit den rasanten Veränderungen innerhalb der Stadt mithalten kann.

Leen Balcaen hält einen Vortrag
Leen Balcaen ist Head of Cities beim Kartendienst Here.

Die ersten digitalen Karten waren nur digitalisierte Pläne bestehender Strukturen. Inwiefern könnte Stadtentwicklung zukünftig von digitalen Karten beeinflusst werden?
Leen Balcaen: Heutzutage können Karten auch Vorhersagen treffen. Wenn eine Baustelle für eine Straßensperrung sorgt, stellt sich die Frage, wohin der Verkehr umgeleitet und wie überlastet die Umgehungsstraße sein wird. Wirklich interessant wird es bei Echtzeitdaten: bei Fußballspielen zum Beispiel. Zehntausende Menschen müssen zur selben Zeit an denselben Ort und wieder zurück. Das hat immense Auswirkungen auf jede Stadt. Es erfordert Flexibilität. Basierend auf den prognostizierten Besucherströmen und der Belastung an den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten können zusätzliche Züge und Busse vor und nach dem Spiel bereitgestellt werden, um den Verkehr zu entlasten.

Die Zusammenarbeit mit Städten ist demnach essenziell.
Leen Balcaen: Absolut – wir hegen deswegen langjährige Beziehungen zu Städten und Staaten auf der ganzen Welt und gewähren öffentlichen Einrichtungen Einblicke, wie Städte am Ende tatsächlich genutzt werden. Das führt mitunter zu interessanten Schlussfolgerungen. Es gibt eine riesige Kluft zwischen dem Plan und der tatsächlichen Nutzung der Infrastrukturen. Wenn mitten in einem Park ein Trampelpfad diagonal über den Rasen führt, ist das ein Beispiel für eine Stadtplanung, die sich nicht nach den Bedürfnissen der Fußgänger richtet. Dort setzen wir mit Here an – um Städten zu helfen,  Theorie und Realität langfristig zu vereinen.

Here Chef Edzard Overbeek hat die Vision, Betriebssysteme für ganze Städte zu schaffen. Das klingt ein bisschen nach Science-Fiction.
Leen Balcaen: Wenn man genauer darüber nachdenkt, implementieren Städte bereits heute viel Sensortechnik. Alle Menschen mit einem Smartphone tragen im Grunde Crowdsourcing-Sensoren herum. Diese Sensoren sind vergleichbar mit Nervenenden eines großen Systems: Luftqualitätssensoren, Thermometer, Verkehrsmessgeräte. Unser Ziel ist es, all diese gesammelten Informationen an einer zentralen Stelle zu vereinen. Wir fassen die Informationen zusammen, standardisieren sie und erstellen auf dieser Basis eine globale, digitale Karte.

Leens Talk spricht auf der me convention
Leens Talk: Wie können Städte von neuen Technologien profitieren?

Welche Dinge innerhalb der Stadt könnten in ihrer heutigen Form bald schon der Vergangenheit angehören?
Leen Balcaen: Wir werden nach und nach viele Veränderungen sehen. Denken wir nur daran, wie allein autonomes Fahren die Stadt beeinflussen wird – werden Ampeln noch benötigt, wenn Autos miteinander vernetzt sind? Die Kosten für den Aufbau, die Wartung und die Überwachung von Ampeln könnten so sinnvoll in Dinge wie Bildung oder Radwege investiert werden. Auch Parken ist ein Thema. Carsharing-Dienste werden in der Stadt immer beliebter. Wie sehr werden in diesem Fall reguläre Parkplätze überhaupt noch benötigt? Die neu gewonnenen Freiflächen könnten stattdessen in Parks umgewandelt werden, um die Städte grüner zu machen.

Sie sind beruflich viel unterwegs. Wie schätzen Sie die Vernetzung von Städten untereinander ein?
Leen Balcaen: Auf globaler Ebene gibt es deutliche Unterschiede zwischen Nordamerika, Europa und Asien. Jede Stadt hat andere Anforderungen. Eine Stadt, die allerdings Pionierarbeit leistet, ist Kopenhagen. Hier werden viele Initiativen für Bürger umgesetzt, die Stadt selbst wird digitaler. Die Ideen reichen von vernetzten Personalausweisen über E-Bikes bis hin zu neuen Abo-Modellen von Mobilitätsdiensten.

In was für einer Stadt würden Sie in der Zukunft gerne leben?
Leen Balcaen: In einer Stadt, die sich auf meine Bedürfnisse einstellt und mir erlaubt, Mensch zu sein. Ich bin oft in unserem Büro in Berkeley, in der Nähe von San Francisco. Die Züge dort sind voller Menschen, die nur noch mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Die meisten werden regelrecht nervös, wenn sie zufällig Blickkontakt mit einem Fremden haben. Was ist aus menschlicher Kommunikation geworden? Ich wünsche mir Technologien, die mir das Leben erleichtern, ohne ständig meine Aufmerksamkeit zu fordern. So habe ich den Kopf frei für menschliche Interaktion.

Leen Balcaen und Andreas Jancke
Leen mit Andreas Jancke, dem Moderator der smart Stage.