Im Vitra Design Museum in Weil am Rhein eröffnet im März die neue Ausstellung „Night Fever. Design und Clubkultur 1960 – heute”. Ein zentrales Werk stammt von Konstantin Grcic. Gemeinsam mit smart hat der Industriedesigner einen mobilen Club entworfen – mit Licht, Sound und DJ-Kanzel.

Herr Grcic, als Industriedesigner entwerfen Sie meist Gegenstände, die in großer Stückzahl hergestellt werden. Die smart mobile disco hingegen ist ein Unikat. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?
Konstantin Grcic: Der Unterschied zwischen Unikat und Serie ist gar nicht so groß. Im Entwurfsprozess geht es immer darum, die Vision in etwas Reales, Gebautes umzusetzen. Dabei kommt es auf ganz konkrete Dinge an. Die smart mobile disco sollte nicht nur cool aussehen, sondern auch funktionieren. Und dazu gehört der gute Sound genauso wie die Erfüllung aller geforderten Sicherheitsstandards.

Konstantin Grcic entwirft die smart mobile disco
In seinem Berliner Atelier arbeitet Konstantin Grcic konzentriert an aktuellen Entwürfen.
Foto: Daimler AG

Was ist der Grundgedanke der smart mobile disco?
Konstantin Grcic: Das Auto wird zu einem kompakten Aggregat umgerüstet, das alles an Bord hat, was man für einen Club braucht. Aber wir wollten nicht nur eine State-of-the-Art-Lichtanlage und fetten Sound, sondern auch einen echten DJ. Dafür ist die Idee des Kranarms mit DJ-Kanzel entstanden. Wir drehen das Kleine ins Große. Mit dem Auto bringen wir den Club in den öffentlichen Raum. Schließlich wollen wir möglichst viele Menschen feiern lassen.

Konstantin Grcic skizziert in ein Notizbuch
Das Design der smart mobile disco ist einzigartig.
Foto: Daimler AG

Wie ist Ihre ganz persönliche Verbindung zur Clubkultur?
Konstantin Grcic: Ich habe in den 90er Jahren in England gelebt, da war die Clublandschaft sehr spannend – vor allem die Rave-Szene in London und Manchester. Das Haçienda war einer der aufregendsten Clubs, in denen ich damals gewesen bin. Er ist auch in der Ausstellung „Night Fever“ vertreten.

Konstantin Grcic arbeitet an seinem Schreibtisch
Als Designer möchte Grcic den emotionalen Faktor des Produkts herausarbeiten.
Foto: Daimler AG

Gibt es denn einen direkten Einfluss von Clubs auf das Design?
Konstantin Grcic: Die ersten Clubs nach heutigem Verständnis entstanden im Italien der 60er. Viele davon wurden von sehr jungen, radikalen Architekten entworfen. Man könnte durchaus sagen, dass Discos eine architektonische Erfindung sind. Mich fasziniert an Clubs, dass man hineingehen kann und selbst mit verbundenen Augen sofort eine ganz bestimmte Stimmung, eine Atmosphäre spürt – so etwas kenne ich sonst nur vom Besuch von Kathedralen.

Wie bringt man diese Atmosphäre mit einem Auto zusammen?
Konstantin Grcic: Clubs sind heute nicht mehr unbedingt an Orte gebunden. Clubkultur findet vielfach im Rahmen von Events statt. Architektur und Raum haben sich immer mehr aufgelöst. Letztlich ist die smart mobile disco die Essenz eines funktionierenden Clubs: ein DJ, Licht, Sound und viele tanzende Menschen.

Montage der smart mobile disco
In München wird vor der Endmontage die DJ-Kanzel lackiert.
Foto: Daimler AG

Sie haben in Ihrer Karriere hauptsächlich Möbel designt. Was reizt Sie daran, in andere Felder zu gehen?
Konstantin Grcic: Projekte außerhalb der gewohnten Horizonte sind deshalb spannend, weil sie mich neu herausfordern. Wenn ich für die Serie arbeite, bin ich sehr stark an die Vorgaben und Gesetzmäßigkeiten der Industrie gebunden. Ein Projekt wie die smart mobile disco ist viel freier. Die Vision steht an erster Stelle. Für die Umsetzung gibt es Ressourcen und Mittel, die in der Industrie meistens undenkbar wären. Spannend ist es, die Erfahrungen aus einem Projekt wie der smart mobile disco in Industrieprojekte zurückzuspiegeln.

Person schweißt
In der Werkstatt wird aus Grcics Entwurf eine reale Installation.
Foto: Daimler AG

Es gibt theoretisch unendlich viele Möglichkeiten, Entwürfe zu optimieren. Wann sagen Sie: „Jetzt ist es fertig?”
Konstantin Grcic: Sie müssen wissen, dass ich nie alleine arbeite. Ich bin kein Maler, der entscheiden muss, wann das Bild fertig ist. Wir arbeiten in Prozessen, Team-Gefügen und gewissen äußeren Bedingungen – alle diese Faktoren beeinflussen, wann etwas abgeschlossen ist. Als Designer muss ich trotzdem einen gewissen Instinkt für den richtigen „Schlusspunkt” entwickeln. Meine grundlegende Erfahrung ist: Wenn man glaubt, ein Projekt sei fertig, gibt es immer noch viel zu tun. Meistens bedeutet das: noch weiter gehen, noch weiter vereinfachen.

Sie haben vor Ihrem Designstudium eine Schreinerausbildung gemacht. Wie wichtig sind Ihnen Handwerk und Material?
Konstantin Grcic: Beim Entwerfen interessiert mich immer, wie man etwas bauen kann. Wir arbeiten mit vielen unterschiedlichen Werkstoffen, an die immer auch Technologien und Möglichkeiten geknüpft sind. Das Konzept, den smart fortwo mit Kranarm und DJ-Kanzel umzubauen, war anfangs reines Konzept. Aber wir haben eine Lösung gefunden, dieses Konzept technisch umzusetzen. Und wenn so etwas gelingt, spürt man als Designer etwas Magisches, also ob sich die Schwerkraft der Dinge überwinden ließe.

das smart Logo am Kühlergrill
Der ikonische Kühlergrill des smart fortwo verbirgt später die Nebelmaschine.
Foto: Daimler AG

Wie kann man Emotionen in Designobjekte einfließen lassen?
Konstantin Grcic: Der emotionale Faktor macht den Unterschied zwischen gutem Design und nicht so gutem Design aus. Daran entscheidet sich, ob der Funke zwischen Nutzer und Sache überspringt oder eben nicht. Ob ein Objekt mehr als nur funktional ist. Diese Qualität muss man als Designer immer wieder herausarbeiten.

Schiebebar eines DJ-Pults
Der smart fortwo wird zur modernen Boombox.
Foto: Daimler AG
die smart mobile disco
Die fertige smart mobile disco in Aktion – am Vitra Design Museum.
Foto: Wilma Leskowitsch und Fabian Fiechter

Welche Emotionen wird die smart mobile disco auslösen?
Konstantin Grcic: Sie kann im Großen das sein, was früher im Kleinen die Boombox war. Die war ein echter Fetisch: Man hat die richtige Kassette eingelegt, auf Start gedrückt, die Lautstärke aufgedreht und plötzlich ist etwas passiert. Ich stelle mir vor, dass die smart mobile disco eine Art neuzeitige Boombox werden könnte.