Für einen Designer gibt es kaum eine größere Herausforderung als die Neugestaltung einer Ikone. Vor allem, wenn er die Dimensionen des Originals erhalten muss. Michael Gebhardt, verantwortlich für das Exterieur Design bei smart, ist diese Quadratur des Kreises gelungen.

Für einen Designer gibt es zwei Zeitrechnungen: einmal die Jetztzeit, die er am Kalender ablesen kann. Und dann einen Zeitpunkt, der in fünf, sieben oder zehn Jahren eintreten wird. Auf ihn muss er all sein Denken und Schaffen ausrichten. Im smart Designstudio in Böblingen ist deshalb seit einem halben Jahrzehnt gefühlt 2015. Und für Chefgestalter Michael Gebhardt ist heute bereits 2020. Synchron laufen diese Zeitschienen nur in einem einzigen Moment: wenn der Designer seinen Entwurf zum ersten Mal auf der Straße sieht.

smart magazine: Herr Gebhardt, Sie haben mit Ihrem Team fünf Jahre am Design des neuen smart gearbeitet. Wie hat es sich angefühlt als Sie das erste fertige Auto gesehen haben?

Michael Gebhardt: Das war ein sehr aufregendes, sehr besonderes Erlebnis. Alle aus dem Team haben so viel Arbeit, Zeit, Ehrgeiz und Schweiß in das Design fließen lassen. Nach der Weltpremiere im vergangenen Sommer in Berlin waren wir zum ersten Mal im neuen smart in der Stadt unterwegs. Dort zu sehen, wie sich die Leute auf der Straße umdrehen, gucken und begeistert feststellen, dass das der neue smart ist, war für mich ein Schlüsselmoment.

Michael Gebhardt smart magazine

smart magazine: Die neuen smart wurden von Grund auf neu designt. Wie entwickelt sich aus der ersten Skizze das fertige 1:1-Modell?

Gebhardt: Das ist gar nicht so leicht zu sagen. Am Anfang steht immer die Kick-off-Phase, in der wir uns fragen: Wie soll der neue smart aussehen, wie soll er sich fahren? Welche Länge muss er haben? Welche Funktionen soll das Auto erfüllen? Mit unserem Team versuchen wir dann zunächst unterschiedliche Konzepte und Themen zu entwickeln. Es geht also erst einmal um ein breites Ideenspektrum, das immer weiter verengt wird.

smart magazine: Wie lautete die wichtigste Vorgabe für das Exterieur Design?

Gebhardt: Es kam vor allem auf die Größe an. Der smart fortwo durfte nicht länger als 2,69 m werden. Man darf indes nicht vergessen, dass in den letzten Jahren die Technik immer komplexer geworden ist: mehr Kabel, mehr Elektronik und digitale Technik. Andere Autos werden deshalb immer größer, egal in welcher Klasse. Wir sind ziemlich stolz, dass wir alles auf der kleinen Grundfläche unterbringen konnten, die den fortwo so einzigartig macht. Sie ermöglicht diesen unglaublich kleinen Wendekreis von weniger als sieben Metern. Man dreht gefühlt fast auf der Stelle – das sollte man unbedingt mal ausprobieren!

Ein guter Tag beginnt für Michael Gebhardt am Schreibtisch im ersten Stock des Böblinger Designstudios und endet mit tonverschmierten Fingern an einem 1:4-Modell im Erdgeschoss. Denn hier, nachdem alle Ideen der smart Designteams aus drei Kontinenten eingeflossen sind, erwachen die am Computer entwickelten Formen zum Leben – am Ende des Designprozesses auch an einem Tonmodell in Originalgröße.

smart magazine: Die smart Designabteilung ist Teil des Daimler Designs und arbeitet mit dem Hauptquartier in Deutschland und den Mercedes-Benz Advanced Design Studios in Italien, China und den USA zusammen. Wie funktioniert diese interkontinentale Zusammenarbeit?

Gebhardt: An erster Stelle will jeder von uns ein Auto bauen, mit dem man sich identifizieren kann. Unsere internationalen Studios bringen dabei unterschiedliche Einflüsse ein: In Italien kennt man sich traditionsgemäß hervorragend mit Mode, Stil und Materialien aus. In China setzt man sich wiederum intensiv mit dem Verkehr der Zukunft auseinander. Die dortigen Megastädte haben ja ganz andere Verkehrsprobleme und Anforderungen an die urbane Mobilität als bei uns in Deutschland. Am Ende geht es um ein perfektes, urbanes Konzept, das weltweit funktioniert.

„Wir benutzen hierfür den Begriff „Fun-ctional Design“. Neben der Funktionalität von Design steckt das Wort „Fun“, also die Lebensfreude, mit drin.“
Michael Gebhardt

smart magazine: Welche Designphilosophie liegt den Linien des neuen smart zugrunde?

Gebhardt: Wir benutzen hierfür den Begriff „Fun-ctional Design“. Neben der Funktionalität von Design steckt das Wort „Fun“, also die Lebensfreude, mit drin. Denn wir sehen Design zweigleisig: Funktional mit „Gehirn-Faktor“ und emotional mit „Herz-Faktor“. Ein gutes Beispiel dafür ist die tridion Sicherheitszelle. Sie sorgt für die Sicherheit der Passagiere, ist aber zugleich signifikantes Designelement des Autos. Es entsteht dadurch ein modulares Konzept. Im Zentrum befindet sich die tridion Sicherheitszelle, dann kommen die integrierten, oft andersfarbigen Bodypanels hinzu. Man kann diese individuelle Form von weitem sofort erkennen. Wie bei einem Zebra, das man in der Wildnis auch sofort identifizieren kann.

smart magazine: Der neue smart fortwo sieht nun mehr wie ein erwachsenes Auto aus, hat dafür aber die einzigartige Ei-Form der Urmodelle abgelegt. Einige smart Fans haben sich noch nicht daran gewöhnen können. Wie gehen Sie mit deren Kritik um?

Gebhardt: Ich hätte den falschen Job, wenn ich mich durch diese Kritik persönlich verletzt fühlen würde. Oft kritisieren aber Menschen ein Auto, ohne es je live gesehen oder erlebt zu haben. Viele vergessen auch, dass der smart fortwo nur 2,69 m lang ist. Und Fotos können oft nicht rüberbringen, dass er ein echtes Raumwunder ist, im Vergleich zu anderen Autos immer noch revolutionäre Proportionen besitzt und viele spannende Designdetails bietet. Andererseits: Der smart darf polarisieren. Er ist eben anders und auch ein bisschen rebellisch.

smart magazine: Zum Abschluss noch ein kleines Rechenspiel: Wenn Sie schon vor fünf Jahren mit der Arbeit am neuen smart begonnen haben, liegen die Skizzen für das nächste Modell sicher schon jetzt in Ihrer Schublade. Was dürfen wir da erwarten?

Gebhardt: (lacht) Wir arbeiten immer am Auto von morgen. Aber Sie verstehen sicher, dass ich über das, was kommt, noch nicht so viel erzählen darf.

Alle Bilder, inkl. Titelbild: Daimler AG