Während der diesjährigen SXSW-Konferenz in Austin drehte sich im house of smart alles um „Elektrifizierung“. Ein Motto, das vom Synthie-Quartett S U R V I V E aus Austin perfekt zum Ausdruck gebracht wird. Vor ihrem Auftritt auf der Bühne des house of smart sprachen wir mit den kreativen Köpfen der Band, Kyle Dixon und Michael Stein.

Kyle, Michael – obwohl S U R V I V E viel mit analogen Synthesizern aus den 1970ern und 1980ern arbeitet, klingt eure Musik sehr futuristisch. Was sind eure künstlerischen Bezugspunkte?
Kyle Dixon: Ich glaube, wir machen beides: Wir lassen uns von älteren Bands inspirieren und arbeiten viel mit alten Instrumenten – und diese Entscheidung gibt schon vor, wie unsere Musik klingt. Wenn man versucht, wirklich moderne Musik zu machen – was auch immer das heißt – hätte sie immer noch eine klangliche Ähnlichkeit mit älterer Musik. Und wir mögen viele Bands aus den Siebzigern. Aber wir arbeiten auch viel mit Techniken, die es in den Siebzigern oder Achtzigern noch nicht gab. Wir nehmen mit Computern auf und verwenden gerne digitale Synthesizer, Sequenzer und Instrumente, die man damals noch nicht kannte. Das erleichtert uns die Arbeit. Wir versuchen, es zu kombinieren und damit zu spielen.

Michael Stein: Futuristisch ist etwas Objektives. Es gibt elektronische Sounds aus den Siebzigern, die futuristischer sind als Dinge, die in der letzten Dekade entstanden sind. Das ist eine Motivation, etwas Neues und Spannendes zu machen. Das Equipment ist nur das Werkzeug, mit dem wir arbeiten. Es ist erstaunlich, was es alles gibt. Du glaubst, du hättest alles gehört – und dann gräbst du noch viel tiefer und stößt auf richtig gutes Zeug. Ich bin ein großer Fan von Yellow Magic Orchestra. Ihre Musik besitzt einen der futuristischsten Sounds, die je gemacht wurden.

Die Band S U R V I V E in Austin
Von Austin in die Welt: S U R V I V E hat sich eine internationale Fangemeinde erspielt.
Foto: Ashley Park

Wie findet ihr die richtige Balance zwischen Innovation und Tradition?
Kyle Dixon: Ich höre mir auch viel neue Musik an. Wir sind ja nicht stehengeblieben und behaupten, dass 1981 der Gipfel von allem oder dass alles, was danach kam, nicht hörenswert sei. Wir versuchen, ein gutes Gleichgewicht zu finden.

Michael Stein: Wir sind für alle Technologien offen und verwenden ja auch moderne Software. Die Leute mögen den authentischen nostalgischen Klang unserer Musik, aber sie hat auch viele moderne Elemente. Gleichzeitig sind wir auch Jungs der Neunziger: Wir sind Fans von Warp Records, wir mögen Richard D. James/Aphex Twin und das ganze IDM-Zeug (intelligent dance music, d. Red).

Fast jeder alte analoge Synthesizer ist inzwischen als Software-Plugin zu haben. Aber S U R V I V E arbeitet auf der Bühne mit großem und schwerem Analog-Equipment. Ist das ein künstlerisches Statement?
Michael Stein: Wir haben früher mit Studio-Equipment gearbeitet, bei dem Größe und Gewicht keine Rolle spielten. Bei unseren Live-Auftritten wollten wir unser gewohntes Setup weitestgehend beibehalten. Außerdem gibt es genug Gruppen da draußen, die elektronische Musik machen und dabei nur einen Laptop nutzen. Die drücken auf Play und das war’s. Wir wollen das Gefühl nicht missen, mit echten Maschinen zu interagieren.

Ihr beiden habt den Soundtrack für die erfolgreiche Netflix-Show „Stranger Things“ geschrieben, eine Serie, die zweimal für den Golden Globe nominiert wurde und Erinnerungen an Fantasy-Klassiker wie „Poltergeist“ oder „E.T.“ weckt. Die Musik scheint direkt aus einer Zeitkapsel der frühen 80er gekommen zu sein. Wie habt ihr euch in das Gefühl der damaligen Zeit versetzt?
Michael Stein: Musik für Filme zu schreiben ist für uns ein Bonus. Es hat sehr wenig mit dem zu tun, was wir als Band machen. Aber es gibt uns auch die Möglichkeit, viel mehr Emotionen mit einer gefühlvolleren Stimmung zu verbinden. Wir haben vieles ausprobiert, was wir auf einem S U R V I V E-Album nicht machen würden. Es ist schwer zu erklären. Für eine Show kann man viel mehr Vielfalt entwickeln. Wir versuchen, Musik zu schreiben, die eine Geschichte erzählt, und in dieser Geschichte steckt viel mehr als nur die dunkle Seite. Wir sind sehr stolz, dass wir das gemacht haben.

„Der Stranger Things Soundtrack hat auf jeden Fall viele Türen geöffnet.“
Michael Stein

Hat sich für euch seit Stranger Things etwas geändert?
Michael Stein: Ich finde, ja. Es hat auf jeden Fall viele Türen geöffnet. Wir werden nun zum Beispiel oft auf Partys eingeladen. Manchmal ist es sehr seltsam. Aber ich denke nicht viel darüber nach. Normalerweise kreiert man etwas, um eine Lücke zu füllen. Man will einen Song schreiben, weil es ihn noch nicht gibt. Das treibt uns an. Wir produzieren etwas, was wir für uns selbst wollen.

Austin ist berühmt für Blues und Rap. Warum ist es eine gute Stadt für eine Synthesizer-Band?
Kyle Dixon: Gute Frage. Glücklicherweise haben wir hier einen Laden namens „Switched on“. Dort kann man alte Instrumente und Synthesizer finden, die es kaum noch gibt – außer im Internet. Als der Laden geöffnet hatte, konnten die Leute reingehen und mit Instrumenten spielen, zu denen man normalerweise keinen Zugang hat. Das hat eine Rolle gespielt. Und dann haben viele Freunde von uns ähnliche Musik gemacht. Es hat sich eine Szene entwickelt, nur weil man sah, dass andere es machten. Es gibt mittlerweile einige elektronische Bands, aber in Austin dominieren definitiv Rock, Indie Rock und Blues. Aber in den letzten fünf Jahren haben sich die elektronischen Bands auch entwickelt.

Die Band S U R V I V E
Die Band feierte mit dem Soundtrack zu Stranger Things einen Erfolg.
Foto: S U R V I V E

Seid ihr alle ursprünglich aus Austin?
Kyle Dixon: Wir leben inzwischen alle in Austin. Adam (Jones), Michael und ich sind ursprünglich aus Dallas. Wir kennen uns, seit wir 13 Jahre alt waren. Wir waren Freunde, lange bevor wir angefangen haben, zusammen Musik zu machen. Adam und ich sind 30 Minuten südlich von Austin aufs College gegangen. Da haben wir (Mark) Donica kennengelernt. Wir hatten den selben Musikgeschmack und so kamen wir zusammen. Wir fingen an, Musik aufzunehmen. Das Ergebnis gefiel uns, also haben wir die Band gegründet.

Inwiefern ändert sich im Frühjahr, während des SXSW, die Stadt?
Kyle Dixon: Es kommen Leute aus aller Welt hierher. Es ist ein riesiges Musikfestival, viele Bands sind in der Stadt, Künstler treffen sich und bauen ihr Netzwerk aus. Es ist eine gute Gelegenheit, um Leute zu treffen, die man respektiert. Aber es geht auch um Vielfalt. Man kann seinem Lieblings-Rapper, Folkmusiker oder Popstar über den Weg laufen. Es passiert unheimlich viel. Es ist ein einzigartiges Event, das es sonst nirgendwo in der Form gibt.