Früher galten sie als Problemzonen: aufgegebene Werkshallen und asbestverseuchte Industriebrachen. Orte, die ihre Schuldigkeit getan haben, vom Zerfall bedroht, ohne Funktion. Bis ihnen neues Leben eingehaucht wird.

Nach Graffiti-Künstlern, Ravern und anderen Abenteuerlustigen entdecken auch Politiker, Kulturschaffende, Stadtplaner und Architekten die Resträume – und machen daraus Hot-Spots: Ausstellungshallen, urbane Klettersteige und sogar Skipisten auf dem Dach eines Müllheizkraftwerks. Fünf Transformationsgeschichten über den (gemeinsamen) Wandel vom alten Eisen zum angesagten Erlebnis.

RuhrMuseum – dem Weg der Kohle folgen

Essen erscheint vielen Besuchern surreal. Im Kohlenpott liegen Maloche und Kultur oft nur wenige Meter auseinander. Das Gebäude des RuhrMuseums war ein Teil der regional ansässigen Kohleindustrie: In seiner aktiven Zeit als Kohlenwäsche verarbeitete diese 40 Meter hohe gefräßige Maschine des Industriezeitalters täglich ganze Güterzüge voller Steinkohle.

Das RuhrMuseum im Bau einer alten Kohlenwäsche
Das RuhrMuseum im Bau einer alten Kohlenwäsche.
Foto: Ruhrmuseum Essen

Der renommierte Architekt Rem Koolhaas verwandelte das Gebäude auf der Zeche Zollverein in ein tolles Ausstellungshaus, das RuhrMuseum. Ins Innere der Ausstellung zur Geschichte der Industrieregion, die längst zum Weltkulturerbe zählt, führt den Besucher ein 55 Meter langes Förderband – wie einst die Steinkohle.

Amager Resource Center – Skisport auf dem Dach des Müllkraftwerks

Kopenhagen ist wunderbar im Winter. Nur eben zu flach für eine gepflegte Abfahrt. Das ändern die Architekten der Bjarke Ingels Group gerade. Ein Wintersportzentrum am Stadtrand soll 30.000 Quadratmeter und eine anderthalb Kilometer lange Piste bieten und noch 2018 eingeweiht werden. Allerdings: Wintersportfans werden dann auf dem Dach einer riesigen Müllverbrennungsanlage auf den Brettern stehen. Das Amager Resource Centre, auch als Copenhill bekannt, ist seit 2017 gleichzeitig als Heizkraftwerk aktiv.

Visuelles Konzept einer Skipiste auf dem Dach eines Kraftwerkes
Skifahren auf einem Kraftwerk – der Bau von Bjarke Ingels macht es möglich.
Foto: Bjarke Ingels Group

Bereits heute sind auf dem Gelände der Anlage Wakeboarding, Kart- und Klettersport möglich. Von “hedonistischer Nachhaltigkeit” sprechen die Architekten. Und nicht zu Unrecht. Nie wurde Nachhaltigkeit so inszeniert. Wie ein gutmütiger Vulkan speit die Anlage in regelmäßigen Abständen einen Rauchring aus, der nachts sogar illuminiert wird – eine augenzwinkernde Ermahnung, unsere „guilty pleasures“ wie nicht zu weit zu treiben und unsere persönliche Müllproduktion im Auge zu behalten.

Virtuelle Skipiste auf dem Dach einer Müllverbrennungsanlage.
Auf der Müllverbrennungsanlage warten anderthalb Kilometer Piste.
Foto: Bjarke Ingels Group
Ein illuminierter Rauchring
Ein Rauchring aus dem Schornstein wird kunstvoll illuminiert.
Foto: Bjarke Ingels Group

The Shed Project – günstiges Wohnen in alten Fabriken

London ist unter anderem für seine Parks und schicke Wohngegenden wie Notting Hill bekannt. Doch auch abseits pittoresker Villen hat die Stadt viel zu bieten: Im Häusermeer der englischen Metropole gibt es eine historische Industrielandschaft zu entdecken. Welches Potenzial in den alten Anlagen steckt, haben die Architekten Herzog & de Meuron bereits mit dem Umbau der Bankside Power Station zur Tate Gallery of Modern Art gezeigt.

Komfortabler Wohncontainer in einem leeren Fabrikraum
The Shed Project: schicke Wohncontainer für leere Fabrikhallen.
Foto: Studio Bark

Nun beweisen die Architekten von Studio Bark, dass auch günstiges Wohnen in alten Fabriken möglich ist: „The Shed Project“ setzt auf preiswerte Materialien wie zum Beispiel Grobspanplatten und Schafswolle zur Isolierung sowie einfache Konstruktionen. So entstehen eigens designte Wohncontainer in nur einem Tag – eine charmante Idee, für alternativen Wohnraum.

Willamette Falls Legacy Project – urbaner Klettersteig zwischen Wasserfällen und Industrie

Oregon City im Nordwesten der USA besitzt zwar keine Niagara-Fälle, aber die Willamette Falls machen schon was her. Zumindest, wenn man nicht gerade die Blue Heron Paper Co. Mill vor der Nase hat, deren rostige Hinterlassenschaften das Naturschauspiel in den Hintergrund drängen. Zum Glück versucht das „Willamette Falls Legacy Project“ der Architektengemeinschaft Snøhetta, Mayer Reed und Dialog die Faszination der Wasserfälle wieder wahrhaft öffentlich zu machen.

Visuelles Konzept für das Gebäude des Willamette Falls Legacy Projects
Naturschauspiel statt rostiger Fabrikruine: das Willamette Falls Legacy Project.
Foto: Snøhetta

Der Willamette Falls Riverwalk ist so etwas wie ein urbaner Klettersteig zwischen Beton und Natur, industriellem Erbe und kulturellem Neubeginn. Die Struktur soll verdeutlichen, wie verwundbar und einzigartig die Flusslandschaft des Williamette River ist. Ein Anfang ist gemacht: Bürger, Architekten und städtische Planer kamen bereits zusammen, um ihre Vorstellungen und Bilder des künftigen Riverwalks auszutauschen.

Virtueller Ausblick auf die Flusslandschaft des Willamette River
Ausblick auf die Flusslandschaft des Willamette River.
Foto: Snøhetta

Sidewalk Toronto – gemeinsam einen neuen Stadtteil planen

Toronto gilt vielen als heimliche Hauptstadt der Kryptowährungen. Viele Tech-Unternehmen haben sich in der kanadischen Metropole angesiedelt. Doch auch jenseits der Entrepreneur- und Start-up-Community gibt es Menschen, die sich mit den Herausforderungen einer Metropole, wie knapp werdendem Wohnraum, auseinandersetzen müssen. Das Projekt Sidewalk Toronto versucht möglichst viele Menschen in ihre Initiative einzubinden.

Spaziergänger am Industriehafen von Toronto
Neues Leben für den Industriehafen von Toronto.
Foto: Sidewalk Toronto

Die alten Docks, Speicher und Hafenanlagen, die bisher den Zugang zum Ontario-See abschnüren, sollen einem neuen Stadtteil weichen, der allen offensteht: Design-Jams, Nachbarschaftstreffen und öffentliche Vorträge sollen dafür sorgen, dass Partizipation der Bürger nicht nur auf dem Papier existiert, sondern gelebte Wirklichkeit wird. Ein Lichtblick der Selbstorganisation in einer der dynamischsten Regionen Kanadas.

City-Beach zwischen alten Docks in Toronto
Zwischen alten Docks kann man zum Beispiel bald Strandfeeling genießen.
Foto: Sidewalk Toronto