Die schwimmenden Häuser von IJburg waren lange eine stadtplanerische Vision – jetzt ist der künstliche Stadtteil im Südosten Amsterdams fertig und bietet mehr als nur neuen Wohnraum: Hier treffen sich Freigeister, Architekturliebhaber und Outdoor-Begeisterte. Ein Ortsbesuch.

Radler fahren über die weiß leuchtende Enneüs-Heerma-Brücke. Noch einmal geht der Blick hinaus auf das IJmeer, das flach und glitzernd in der Sonne liegt. Kein Windhauch weht, keine Welle wogt auf. Die schwimmenden Häuser auf Steigereiland, der ersten von bisher fünf Inseln IJburgs, liegen ruhig im Wasser.

„Willkommen im Urlaub“, grüßt eine Frau aus einem der Wasserhäuser die Besucher, unter denen sich heute auch die deutsche Architekturexpertin Anneke Bokern befindet. Bokern lebt seit 17 Jahren in Amsterdam und ist Gründerin des Architektur-Tour-Anbieters Architour.

Anneke Bokern in IJburg
Architekturexpertin Anneke Bokern beim Rundgang durch IJburg.

Seit mehreren Jahren kommt sie fast wöchentlich in den neuen Stadtteil und kennt deshalb auch viele Bewohner mittlerweile persönlich. „Das internationale Interesse an IJburg ist enorm“, erzählt Anneke Bokern. „Alle wollen sehen, was im Osten Amsterdams mitten auf dem Wasser entstanden ist — und was hier zukünftig noch entsteht.“ Fertig ist der Stadtteil IJburg nämlich noch lange nicht.

schwimmende Häuser im Amsterdamer Stadtteil IJburg
Nah am Wasser gebaut: die schwimmenden Häuser von IJburg.

IJburg: Wohnen am und auf dem Wasser

Beinahe wäre der ganze Plan für die künstliche Insel mit Platz für bis zu 40.000 Bewohner sowieso in der Schublade verschwunden. Bei einem Referendum 1997 stimmten in der niederländischen Metropole 60 Prozent der befragten Einwohner gegen das Vorhaben. Es gab jedoch so wenig Beteiligte, dass der Volksentscheid für ungültig erklärt werden konnte.

Wenig später wurde der erste Sand aus dem IJmeer gepumpt, um ihn dann im sogenannten „Pfannkuchen-Verfahren“ aufzuschichten. Da die Niederländer schon seit Jahrhunderten dem Meer neues Land abringen, glückte diese Testinsel, die heute ein wild bewachsener Sandstreifen und ein natürlicher Abenteuerspielplatz für Kinder ist.

Außerdem stellt sie auch einen der wenigen grünen Flecken dar, auf die die Bewohner der Häuser von Steigereiland schauen: Denn eigene Gärten haben sie nicht — die strengen Regularien verbieten es. Auch am Kai wachsen keine Bäume oder Büsche. Dafür ist jedes Haus von Wasser umgeben, vor jedem Wohnzimmer ist mindestens ein Boot festgemacht.

Redbad, der uns seinen Nachnamen nicht nennen wollte, aber dennoch sehr ausgiebig erzählt, wohnt mit seiner Familie in einem Apartment in den Wohnblöcken am Steg vor den schwimmenden Häusern. „Ich wollte lieber nur den tollen Blick und dafür festen Boden unter den Füßen“, erklärt er. „An so einem Haus auf dem Wasser muss ständig etwas gemacht werden.“ Wie viele Menschen auf IJburg pendelt auch Redbad jeden Tag in die Innenstadt zur Arbeit. Aber die Tram fährt hier regelmäßig und ist in fünfzehn Minuten am Hauptbahnhof von Amsterdam.

„Viele meiner Kollegen können nicht verstehen, warum ich hier rausgezogen bin“, lacht Redbad. Aber der Familienvater fühlt sich wohl. „Wir haben hier alles, was wir in Amsterdam nicht haben konnten: Platz, einen Parkplatz vor der Tür und eine moderne Schule für die Kinder. Außerdem gibt es mir ein Gefühl von Freiheit, am Wasser zu leben.“

modern designter Innenraum in einem der Häuser in IJburg
Moderner Stil mit klaren Linien auch in IJburger Innenräumen.

Architektur-Destination für Individualisten

Freiheit scheint den IJburgern sehr wichtig zu sein — in der einen oder anderen Form. Die Freiheit, ein Haus voll und ganz nach den eigenen Vorstellungen zu bauen, brachte viele der Bewohner in Amsterdams Osten. Jetzt findet man hier eine bunte architektonische Ansammlung: Ein Haus im typischen Grachtenhausstil steht Seite an Seite mit einem knallgelb gefliesten Kubus, dessen Eingangstür man fast suchen muss.

Ein anderes Gebäude, ein mit rostroten Holzlatten verkleidetes Familienhaus mit lindgrünen Türen und Fensterläden, sieht aus wie die dreigeschossige Variante der Villa Kunterbunt. Die Fassade eines freistehenden Backsteinhauses wirkt dagegen wie verpixelt: Einzelne Steine stehen so hervor, dass Kletterpflanzen daran hochranken können.

Boote vor den Häusern auf der künstlichen Insel Steigereiland
Vor jedem Haus parkt mindestens ein Boot.

Um die Ecke schießen die Häuser dann plötzlich in die Höhe: Hier, am sogenannten „Designstrip“ IJburgs, stehen mehrgeschossige Bürokomplexe, in denen sich viele Designfirmen niedergelassen haben. Die Fassaden der Gebäude sind mit modernsten Materialien gebaut: wetterfesten, rostbraunen Cortenstahl, Beton, Holz und viel Glas.

„Schweizer Architektengruppen sind wegen des vielfältigen Materialmixes oft schockiert, wenn ich sie hierhin führe“, erzählt die Architekturexpertin Anneke Bokern. „Andererseits geben auch alle zu, dass es eine gelungene Abwechslung zu den recht eintönigen Häuserblocks ist, die im östlichen Teil von Haveneiland stehen.“ Bokern bleibt mit ihren Besuchergruppen vorrangig im westlichen Teil, wo sich auch das „Witte Kaap“ befindet: ein Gebäude aus weißem Stein, das an ein Passagierschiff und damit auch an die große Seefahrertradition der Holländer erinnert.

Ansicht eines gelben Hauses in IJburg
Farben und Linien machen IJburg zum Hingucker.
ein besonders geformte Holzfassade eines Hauses in IJburg
Häuser auf dem Wasser in IJburg, Amsterdam

Traumhaus mit viel Platz und Urlaubsgefühl inklusive

Dort, wo die Shoppingstraße IJburglaan in den Stadtpark ausläuft und in das Villenviertel Grote Rieteiland mündet, entsteht gerade das Traumhaus von Merik und Cynthia te Grotenhuis: drei Stockwerke hoch, mit Marmorküche und einem Garten, in dem die Söhne Fußball spielen können. „Nirgendwo in Amsterdam kann man so viel Platz haben wie hier“, begründet Merik die Entscheidung, auf IJburg zu bauen. „Dafür muss man sonst weit raus ziehen.“

Meriks Frau und er müssen aber beruflich oft in den Grachtengürtel von Amsterdam. Jetzt können sie von ihrem Dachbalkon die Hochhäuser des Büroviertels Amsterdam-Zuidas erspähen und die elegant geschwungene Fahrradbrücke im Diemerpark, die sie in Minutenschnelle in Amsterdam Oost ausspuckt. Sie können aber auch ihr Segelboot sehen, dass am Ende der Straße vor Anker liegt und auf dem sie abends gerne noch einen Wein trinken.

eine Frau sitzt draußen in einem Café am Strand in IJburg
Der Strand ist in IJburg nicht weit.

„Wir haben uns dieses Jahr bewusst entschieden, im Sommerurlaub nicht weit weg zu fahren“, erzählt Merik. Wenn er gefragt wird, wo es in den Urlaub hingeht, dann sagt er: „Nach t’eiland!“, das ist niederländisch für „die Insel“. Dass sein Gegenüber dabei meist an Thailand denkt, amüsiert Merik.

Langweilig wird es der Familie nicht: Im benachbarten Tennisclub sind sie auch schon eingeschrieben. Das Vereinsheim imponiert mit einer wellenartig geschwungenen Dachkonstruktion, die gleichzeitig als Zuschauertribüne dient. Der alte Containerbau, der in den letzten Jahren hier stand, ist der modernen Architektur gewichen und dient nun den Surfern am Strand von IJburg als Unterkunft.

Hier auf „Blijburg“, was so viel bedeutet wie „Stolze Burg“, jobbt auch Elmar. Der Surflehrer schwärmt von seinem Alltag: „IJburg hat alles, wofür ich Amsterdam liebe: Arbeiten mit Blick auf das Meer und vorbeiziehende Schiffe, naturliebende Menschen – aber abends bin ich in wenigen Tramstopps wieder zu Hause.“

Surflehrer auf einem Segelsurfbrett in IJburg
Surflehrer Elmar ist überzeugter IJburger.
Yachten in IJburg
Fußballfeld im neuen Amsterdamer Stadtteil IJburg
eine Brücke in IJburg, die zu einem Haus führt
Beet mit Pflanzen in IJburg
Café im Hafen von IJburg
Schriftzug "BlIJburg" am Strand von IJburg

Ob die Container-Surfhütte allerdings hier stehen bleiben kann, ist unsicher. Die Bagger, Radlader und Planierraupen rücken immer näher. Man hört und sieht sie am anderen Ende der Landzunge schon an der Zukunft arbeiten.

Denn auch hier auf Centrumeiland sollen noch mehr Wohnungen und Häuser entstehen. Geplant waren ursprünglich noch drei weitere Inseln, die zu IJburg zählen und Wohnraum für noch einmal rund 20.000 Menschen bieten sollen. Doch bis dahin haben Sportler, Kinder, Hunde und allen anderen dieses sandige Stückchen Niemandsland fest in ihrer Hand.

blaues Gebäude am Wasser in IJburg
IJburg – Blaupause für modernen Städtebau?

Verlustängste gibt es aber keine. Denn eine Gewissheit, die die Niederländer schon seit der Zeit besitzen, als sich die ersten Windmühlen zu drehen begannen: Dort, wo gestern noch Wasser war, kann morgen schon neues Land sein und übermorgen ein ganzer Stadtteil stehen.