Ob als „Chief Evangelist“ bei Canva, Executive Fellow an der Haas School of Business der UC Berkeley oder Bestseller-Autor von 13 wegweisenden Büchern über Innovation und Soziale Medien (darunter „The Art of the Start 2.0“ und „Enchantment“) konzentriert sich Guy Kawasaki ausnahmslos auf eins: wie man das Leben der Menschen verbessert. Im Anschluss an seinen Vortrag im house of smart in Austin sprachen wir mit dem Mercedes-Benz Markenbotschafter über Technologie und Lebensqualität, künstliche Intelligenz und die Kunst des Wandels.

Herr Kawasaki, Sie haben bei Apple und Canva gearbeitet und Bestseller geschrieben – welche Fragen nehmen Sie jetzt in Angriff?
Guy Kawasaki: Meine Bücher, Vorträge, Beratungen und Investitionen konzentrieren sich alle auf eine große Frage: Wie kann ich Menschen stärken? Das ist meine Tätigkeit. Daran soll man sich bei mir erinnern.

Guy Kawasaki präsentier im house of smart in Austin
„Echte Innovatoren entwickeln nicht nur Vorstellungen.“

Wir sind im house of smart in Austin. Zum South by Southwest Festival (SXSW), der weltgrößten digitalen Konferenz, strömen Mitte März Innovatoren und Kreative in die texanische Hauptstadt. Ihr Vortrag im house of smart handelte von der Kunst der Innovation und des Wandels. Könnten Sie die Kernpunkte für uns zusammenfassen?
Guy Kawasaki: Die Triebfeder von Innovation ist die Suche nach Sinn – das Streben danach, das Leben der Menschen zu verbessern. Zweitens sollte man das, was man tut, mit zwei oder drei Worten beschreiben können. Ich nenne das „Mantra“. Drittens sollte man sichergehen, dass man etwas Signifikantes macht – „eine Delle im Universum hinterlassen“, wie Steve Jobs es nannte. Schließlich musst du liefern. Echte Innovatoren liefern, sie entwickeln nicht nur Vorstellungen. Wenn man ständig auf Perfektion hinarbeitet und nicht liefert, hat man verloren.

Sie haben bei Apple in der Frühphase des Unternehmens angefangen und den Aufstieg und Fall vieler Marken, Produkte und Dienstleistungen erlebt. Was macht ein gutes Produkt aus?
Guy Kawasaki: Großartige Produkte sind DICEE. D steht für deep (tief). Das bedeutet, dass ein Produkt die Bedürfnisse der Kunden antizipiert, bevor sie entstehen. Das I steht für intelligent – zu verstehen, dass es einen Bedarf für das Produkt gibt. Die Warenlieferung in den Kofferraum eines smart ist ein großartiges Beispiel für ein intelligentes Produkt. Jeder, der nach Hause kommt und einen Abholschein von DHL vorfindet, wünscht sich doch, er müsste am nächsten Tag nicht zuhause warten oder zur DHL-Station fahren, um das Paket abzuholen. C steht für complete (komplett). Es wird nicht nur ein physisches Produkt angeboten, sondern auch alles, was es zu einem herausragenden Produkt macht, wie Services, Support, Infrastruktur und Ökosystem. E steht für empowering (stärken). Ein großartiges Produkt macht dich besser. Es bekämpft dich nicht, sondern wird ein Teil von dir. Das zweite E steht für elegant. Es bedeutet, dass sich jemand Gedanken über die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine gemacht hat.

Guy Kawasaki als Speaker im house of smart
„Ein großartiges Produkt macht dich besser.“

Was ist die wichtigste Lektion, die Sie bei Apple gelernt haben?
Guy Kawasaki: Existierende Kunden können nicht unbedingt sagen, wie man ein revolutionäres Produkt entwickelt. Sie können einem erzählen, wie man ein existierendes Produkt verbessert, aber nicht, wie man einen Sprung nach vorne macht und ein Produkt entwickelt, welches das bestehende ersetzt.

„Echte Innovatoren entwickeln nicht nur Vorstellungen.“
Guy Kawasaki

Wie haben Sie das gelernt?
Guy Kawasaki: Ich habe gesehen, dass sich die Kunden von Apple in den 1980ern einen besseren, schnelleren und billigeren Apple II wünschten. Niemand wollte ein inkompatibles neues Betriebssystem ohne Software haben, noch dazu teurer als ein Apple II. Und trotzdem haben wir das entwickelt – der Rest ist Geschichte.

Mercedes-Benz Botschafter Guy Kawasaki
„Man soll sich daran erinnern, dass ich Menschen gestärkt habe.“

Eines Ihrer Bücher heißt „Rules for Revolutionaries“ (Regeln für Revolutionäre). Was ist wichtiger: Regeln zu folgen oder Regeln zu brechen?
Guy Kawasaki: Die optimale Strategie dreht sich nicht darum, Regeln zu brechen oder zu befolgen. Die optimale Reaktion ist, das Richtige auf die richtige Art zu machen – und damit das Leben von Menschen zu verbessern. Wenn man dabei ist, das zu tun, kann man Regeln brechen oder auch nicht. Darauf kommt es nicht an. Die entscheidende Frage ist: Hat sich das Leben der Menschen verbessert?

Auf der einen Seite schreiben Sie über Business, auf der anderen beschäftigen Sie sich auch mit menschlicheren Themen wie Verzückung. Würden Sie sagen, dass Technologie und der menschliche Faktor in Konkurrenz zueinander stehen?
Guy Kawasaki: So sehe ich das nicht. Technologie hat für mich den menschlichen Faktor erhöht, weil ich über die sozialen Medien, E-Mails, Web-Seminare und Telefonkonferenzen überall in der Welt Freunde haben kann. Ohne Technologie wäre das undenkbar.

Guy Kawasaki beim SXSW
„Wenn mein Auto weiß, was ich machen will, werde ich ein glücklicher Mensch sein.“

Wie stehen Sie zu künstlicher Intelligenz?
Guy Kawasaki: Ich kann es kaum erwarten, dass die sehr vielversprechende künstliche Intelligenz Anwendung im Alltag findet. Darauf warte ich seit 30 Jahren! Als erstes könnte sie in selbstfahrenden Autos zum Einsatz kommen. Wenn mein Auto weiß, was ich tun will, wo ich hin will und was ich hören oder sehen will, bin ich zufrieden.

Unsere letzte Frage: Was erwarten Sie von dieser Konferenz in Austin? Was sollte dabei herumkommen?
Guy Kawasaki: Für die meisten Leute ist das Ergebnis dieser Konferenz ein größeres Bewusstsein für neue Technologien, neue Produkte und neue Unternehmen. Es ist die beste Konferenz des Jahres, um die echten Konsumenten der Produkte anzusprechen. Die meisten Technik-Konferenzen gleichen einer Echo-Kammer: Dieselben Milliardäre sprechen über immer dieselben Technologien. SXSW ist meine Lieblingskonferenz des Jahres.