Essensreste vom Nachbarn essen statt einkaufen? Unsere Autorin glaubt, Foodsharing sei nichts für sie. Doch im Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln haben sich viele Initiativen professionalisiert. Und so hält die Sharing-Kultur langsam Einzug auf dem Lebensmittelmarkt und sorgt für eine Veränderung unserer Ernährungskultur. Bleibt nur noch die Frage: Kann man so leben und wird man davon satt? Aida Baghernejad testet das mal.

Ich stehe mitten auf der Straße und halte eine halbe Gurke in meiner Hand. Das ist jetzt die Ausbeute für meinen ersten Tag? Ich bin mir nicht ganz sicher, ob mein Foodsharing-Selbstversuch so eine gute Idee ist. Eine Woche später wird sich meine Einstellung geändert haben. Aber der Reihe nach.

Gut ein Drittel der weltweit produzierten Lebensmittel landet nach Angaben der UN im Müll, in Großbritannien davon 70% in Privathaushalten. Ich koche viel und dennoch wandern immer wieder Lebensmittel in die Biotonne. Einmal mehr essen gehen als geplant, ein Ausflug übers Wochenende oder zu viele Überstunden – schon wird das Brot trocken, verdirbt das Gemüse, verschimmeln die Äpfel im Obstkorb.

Aida Baghernejad nutzt mit Anne-Charlotte Mornington die Foodsharing-Plattform Olio
Anne-Charlotte Mornington von Olio mit unserer Autorin.

Abhilfe verspricht die Foodsharing-Plattform Olio. 2015 in London gegründet, gibt es mittlerweile weltweit über 400.000 Olio-Nutzer. Hier kann ich als Privatperson überschüssige Lebensmittel hochladen, sehen, was andere Nutzer in meiner Umgebung abgeben möchten, Gesuche posten und in einem Feed mit anderen Nutzern in Kontakt treten.

Person nutzt die App Olio auf dem Smartphone
Mit der App Olio können überschüssige Lebensmittel unkompliziert weitergegeben werden.

Ich lege mir einen Account an – doch das Angebot auf der Plattform ist ziemlich ernüchternd: Beim Durchscrollen der Angebote in meiner Süd-Londoner Nachbarschaft finde ich zwar allerlei Kurioses – ein angebrochenes Olivenglas zum Beispiel – aber kaum frisches Obst oder Gemüse. „Die meisten Angebote finden innerhalb einer Stunde ein neues Zuhause”, erzählt Anne-Charlotte Mornington, eine der ersten Mitarbeiterinnen von Olio. „Manche Nutzer organisieren sich über die App schon Lebensmittel im Wert von 700 Pfund im Monat. Wir glauben, dass diese sich schon komplett über die App ernähren.”

Es geht los

Tag 1. Jemand möchte auf Olio eine halbe Gurke loswerden. „Ich hasse dieses Gemüse” steht in der Beschreibung. Als ich nach einigen Umwegen an der angegebenen Adresse ankomme, steht eine junge Frau vor dem Haus mit einer Tüte in der Hand und einem großen Lächeln im Gesicht. „Ich benutze die App mittlerweile regelmäßig und schaue alle paar Stunden hinein”, erzählt sie. Foodsharing statt Instagram also. Sie beziehe auf diese Weise Lebensmittel und gebe weiter, was in ihrer Rezeptbox landet, aber ihr nicht schmeckt. Wie diese Gurke.

frische Salatblätter in Borough Market
Teilen statt kaufen: Auch Salat und frisches Gemüse sind durch Foodsharing erhältlich.

Ich freue mich über das frische Gemüse, aber von einer ausgewogenen Mahlzeit bin ich weit entfernt. Ich beschließe, Borough Market, eine der ältesten Londoner Markthallen, anzusteuern. Nach Feierabend tauschen hier die Mitarbeiter ihre übrig gebliebenen Waren miteinander. Vielleicht ist auch für mich etwas übrig. Am Stand einer Bäckerei packen die Verkäufer gerade dreißig Brotlaibe in große schwarze Abfalltüten. Unverkauftes landet auf dem Müll. Jeden Tag. Während ich völlig schockiert bin von diesem Anblick, drückt mir eine andere Händlerin ein Focaccia und ein Baguette in die Hand. Foodsharing funktioniert also auch ohne App.

Müsli und Cracker von Nibs.etc
Müsli und Cracker vom Upcycling-Unternehmen Nibs etc.

Von Gemüsepulpe zum Geschäftsmodell

Ich will mehr über Foodsharing erfahren und treffe mich am nächsten Morgen mit einer jungen Unternehmerin, die Foodsharing noch einmal anders denkt: Chloë Stewart nimmt für ihr Unternehmen Nibs etc. Saftverkäufern die ausgepressten Fasern ihrer Zutaten ab.

Nibs.etc-Gründerin Chloë Stewart
Mehr als Abfall: Chloë Stewart zaubert aus Pulpe leckere Snacks und Gerichte.

„Nicht viele Leute arbeiten mit der Pulpe. Ich experimentierte ein bisschen damit herum und merkte, dass sie ziemlich lecker ist – und voller Ballaststoffe!“ Für die Safthersteller bedeutet dies geringere Müllentsorgungskosten, Chloë stellt aus dem Frucht- und Gemüsebrei Kuchen, Cracker und Müsli her, die sie über das Internet, auf Märkten und in ausgewählten Läden verkauft. Win-Win also.

Aida schneidet Gurke und Focaccia
Foccacia und Gurke wurden von unserer Autorin vor dem Abfall gerettet.

Während wir Rote-Beete-Brei abholen, der nachher zu leckeren Brownies verarbeitet wird, stellt ein Händler eine Kiste Salatköpfe weg. Der Salat ist noch frisch, aber sieht nicht mehr perfekt genug aus, um verkauft zu werden. Was hält mich eigentlich davon ab, mich hier zu bedienen? Außer einige nicht mehr ganz so fitte Außenblätter sind die Salate noch absolut genießbar. Gehören sie schon auf den Müll? Ich stecke einen Salatkopf ein und mein Mittagessen ist gesichert.

Aida Baghernejad schiebt ein Foccacia in den Ofen
Das Brot geht noch für ein paar Minuten in den Ofen …

Zuhause gesellt sich der Salatkopf zur Gurke, das Focaccia geht nochmal in den Ofen, ich rühre eine Vinaigrette zusammen und plötzlich steht da ein einfaches, aber frisches und vor allem leckeres Mittagessen vor mir. Alle Zutaten wären sonst im Müll gelandet. Das gibt mir zu denken ­– wandert bei mir auch zu viel in die Tonne? Bin ich zu bequem oder zu mäkelig, um Gemüse, das nicht mehr ganz so perfekt aussieht, eine Chance zu geben?

Aida Baghernejad gießt Dressing über einen Salat
… und ein ausgewogenes Mittagessen ist dank Foodsharing gesichert.

Öffentliche Kühlschränke

In Deutschland ist foodsharing.de eine feste Größe. Über die Plattform werden öffentliche Verteilungen von Lebensmitteln von Supermärkten, lokalen Einzelhändlern und Gastronomie organisiert. Vielerorts finden sich sogenannte Fair-Teiler, das sind oft Schränke oder gar Kühlschränke, in denen die gesammelten Produkte zur Abholung bereitstehen.

Aida Baghernejad steht vor dem leeren People's Fridge
Am People’s Fridge in Brixton darf sich jeder bedienen – wenn er bestückt ist.

Ähnlich wie die deutschen Fair-Teiler funktioniert der People’s Fridge im Londoner Stadtteil Brixton. Theoretisch jedenfalls, denn bei jedem meiner Besuche gehe ich leider leer aus. Das Projekt ist im Containerdorf Pop Brixton angesiedelt, zwischen Street-Food-Ständen, sozialen Einrichtungen und einer Communityfarm, wo erste Mangoldblättchen aus der Erde sprießen.

Im People’s Fridge deponieren auch Mitarbeiter der allgegenwärtigen Sandwich-Kette Pret A Manger übriggebliebene Ware. Pret A Manger arbeitet auch mit Olio zusammen: Freiwillige holen nicht verkaufte Sandwiches, Salate und Gebäck ab und verteilen sie über die App. Doch längst nicht alle Unternehmen sind bereit, in diese Richtung umzudenken.

Aida Baghernejad begutachtet die Mülltüten von einem Restaurant
Jeden Tag landen nicht verkaufte, jedoch einwandfreie, Lebensmittel von Restaurants im Müll.

„Leute haben unseren Müll durchsucht und die Sushi-Platten und Salate dann an der nächsten Straßenecke selbst verkauft”, erzählt mir die Mitarbeiterin eines Geschäfts, während sie aufräumt, „wenn jemand aber nett fragt, können sie gerne ein oder zwei Gerichte mitnehmen.” Ich frage nett und halte dann Sushi und Salat in der Hand. Als ich schon den Laden verlassen habe, ruft sie mich noch einmal zurück. „Nimm’ diesen Saft noch mit, das ist meine Lieblingssorte!”

Foodsharing: Aida Baghernejad packt geschenktes Essen aus
Nach Ladenschluss erhält Aida von einer Restaurantmitarbeiterin …

Was für den einen Abfall …

Tag 3. Es ist Samstag, der perfekte Tag für einen Wochenmarktbesuch. Heute will ich nicht nur von Foodsharing profitieren, sondern auch etwas zurückgeben. Ich frage an einem Gemüsestand, ob ich unverkaufte Ware mitnehmen könne. Zwar kooperieren hier viele mit gemeinnützigen Organisationen, die Gemüse, Brot und andere Lebensmittel einsammeln und an Bedürftige verteilen, doch diese können nicht immer kommen. Die Gemüsehändlerin packt mir eine große Kiste randvoll, ein Brotstand drückt mir gleich drei Brote in die Hand. „Ich könnte dafür meinen Job verlieren”, sagt der junge Bäckereiangestellte. Aber er könne es nicht fassen, wie viel Brot er jeden Tag wegwerfen müsse.

Aida Baghernejad auf einer Bank mit geschenktem Mittagessen
… ein komplettes Drei-Gänge-Menü inklusive Getränk.

Zuhause angekommen, fotografiere ich jedes einzelne Produkt und lade alles in der App hoch. Und tatsächlich – innerhalb weniger Minuten melden sich schon Interessierte – darunter leider auch ein Troll, der sich einen Spaß daraus macht, mich zu beleidigen und zu bedrohen. Er wird zwar sofort blockiert, aber dennoch kein schönes Erlebnis.

… ist dem anderen das Abendbrot

Als die anderen Nutzer, mit denen ich zuvor schon die Abholung der anderen Waren arrangiert hatte, ankommen, freue ich mich, die App nicht sofort gelöscht zu haben: Die Community ist faszinierend. Nach wenigen Tagen bin ich auch schon voll dabei, nehme an Diskussionen teil, hole Essen ab und verteile, was bei mir übrig bleibt.

Im Laufe der Woche treffe ich IT-Spezialisten, die in ihrer Freizeit unverkaufte Ware von Cafés verteilen, Autoren, Studierende. Tanzlehrerinnen mit zwei Kindern im Arm, die für zwei Sellerieknollen oder ein Brot vorbeikommen, frisch verheiratete Eheleute, die übrig gebliebene Sausage Rolls von ihrer Hochzeit anbieten und sogar ein Paar aus meiner südhessischen Heimat, das Lebensmittel lieber verschenken als verschwenden möchte.

das Containerdorf Pop Brixton in London
Geteilt wird auch im Containerdorf Pop Brixton in London, …

Doch nicht alle Nutzer haben eine Wahl: „Viele sind nah an der Armutsgrenze oder sogar darunter”, berichtet Anne-Charlotte. „Die meisten arbeiten, aber können sich trotzdem nicht immer frische Lebensmittel leisten. Foodsharing stigmatisiert nicht.”

Tag 7. Ich beende meinen Selbstversuch mit der wohl am weitesten verbreiteten Form des Teilens: Aus übrig gebliebenem Sauerteigbrot der letzten Tage backe ich einen Breadpudding, den ich mit Freundinnen und Freunden verschlinge. Mein Fazit nach einer Woche Foodsharing? Wer sich ausschließlich davon ernähren will, muss viel Organisationstalent und Zeit mitbringen. Selten bin ich so viel durch die Stadt gefahren, habe so viele Nachrichten mit Fremden ausgetauscht.

Lampions im Containerdorf Pop Brixton
… wo Besucher der Communityfarm gemeinsam gärtnern können.

Dafür bin ich mit vielen Menschen aus meiner Umgebung in Kontakt gekommen und durfte spannende Gespräche führen. Das Experiment hat mich dazu gebracht, einige meiner Berührungsängste zu überwinden und mein Konsumverhalten kritisch zu betrachten. Meine Umgebung sehe ich in einem neuen Licht – was nach Feierabend in einem Café weggeworfen wird, kann für eine andere Person das Abendessen sein. Foodsharing ist eine großartige Möglichkeit, gegen Lebensmittelverschwendung zu kämpfen – und nebenbei auch Neues auszuprobieren. Testet das auch mal!