Die Suche nach Möglichkeiten zum Aufwerten trister urbaner Plätze hat endlich ein Ende – dank The Flying Grass Carpet, einem einzigartigen, mobilen Teppich aus Kunstrasen, der bereits in den verschiedensten Städten Station gemacht hat. Die Mission: trostlose urbane Räume zum Leben erwecken. Die farbenfrohe Kunstinstallation feiert dieser Tage ihr zehnjähriges Bestehen. Wir haben uns mit den niederländischen Designern Bart Cardinaal und Eddy Kaijser getroffen, um herauszufinden, was ihr Projekt weltweit so erfolgreich macht.

Drei Menschen sitzen auf einem bunt gemusterten Grasteppich
Die Gründer von The Flying Grass Carpet, Eddy Kaijser, Nadine Roos und Bart Cardinaal, entspannen sich auf einem ihrer Teppiche.

Den Teppich ausrollen

Die Idee, einen mobilen Teppich aus Kunstrasen für urbane Räume zu entwerfen, entstand, als Eddy Kaijser, Bart Cardinaal und Nadine Roos feststellten, dass keiner von ihnen dem Schouwburgplein etwas abgewinnen konnte.

Auf diesem großen öffentlichen Platz in ihrer Heimatstadt Rotterdam stürzen die Menschen in der Regel hastig in alle Richtungen, verweilen will kaum jemand. Ursprünglich wollte das Trio diese Problematik lediglich in einem Artikel thematisieren, entschied sich aber kurzerhand – aus purem Designergeist heraus – stattdessen etwas Echtes zu entwerfen. Das Konzept zum Flying Grass Carpet war geboren – einem einladenden, gemütlichen Treffpunkt in Rotterdam, der dazu einlädt, sich zu entspannen, zu spielen und sich wie zu Hause zu fühlen.

Menschen sitzen in Gruppen auf einer bunt gemusterten Grasfläche in Rotterdam
The Flying Grass Carpet kehrt nun zum Schouwburgplein zurück – einst nur ein leerer Platz in Rotterdam.

The Flying Grass Carpet ist inspiriert von persischen Teppichen, die traditionell dazu dienen, Menschen zusammenzubringen. In den Niederlanden ist es sogar üblich, kleine Versionen dieser Teppiche auf dem Esstisch zu platzieren. „Wie damals im Haus unserer Großeltern“, erklärt Eddy. „Denn der Tisch ist das Herz des Hauses; um ihn versammeln sich die Menschen.“ Jedes der vielen Details der begehbaren, grünen Installation steht für Gemeinsamkeit; wer den Teppich übertritt, wird ein Teil davon.

Um die original-persischen Teppiche möglichst getreu nachzuahmen und die volle Wirkung zu entfalten, verwendete das Team verschiedene Farben und unterschiedliche Grassorten. Die einzigartigen Blumendesigns suggerieren abstrakte Gärten, die gut mit öffentlichen, urbanen Plätzen harmonieren. Der gigantische Teppich ist zu beeindruckend, um nur in Rotterdam ausgerollt zu werden.

Und weil es in jeder Stadt triste, öffentliche Platz gibt, wurde das Projekt mobil: Seit zehn Jahren reist der Teppich nun schon um die Welt und hat bisher über 25 Städte gesehen. Zu den Highlights zählten bisher Berlin, Madrid, Budapest und Shenzhen in China. Derzeit schmückt der Teppich wieder den Schouwburgplein, sein ursprüngliches Zuhause. Rotterdamer können sich davon überzeugen, wie die Installation urbanen Räumen im Handumdrehen ein neues Antlitz verleiht.

Spielende Kinder auf bunt gemustertem Grasteppich
Der ungewöhnliche, farbenfrohe Teppich aus Kunstrasen – hier in Madrid.

Ein sozialer Teppich für die Stadt

„Wir denken immer, dass die Menschen so unterschiedlich sind – aber das sind sie gar nicht“, betont Bart. „Jeder mag öffentliche Plätze und ist unweigerlich ein Teil davon.“ Der riesige Teppich ist besonders einladend für einzigartige, kulinarische Erlebnisse. In China treffen sich die Leute gleich in ganzen Gruppen mit ihren Bento-Boxen; in den Niederlanden kommen sie hier zum Afterwork-Treffen für Drinks und Snacks zusammen.

Sobald die Menschen mit dem Teppich in Berührung kommen, schalten sie sofort einen Gang runter. Viele legen sich gerne auf die weiche Oberfläche, fühlen die unterschiedlichen Rasenflächen, kuscheln oder schlafen sogar ein – ein Indiz dafür, dass sie sich wohlfühlen. Kinder spielen und erfinden Geschichten rund um die eingearbeiteten Linien. Den Teppich umgibt eine unmittelbare, universelle Vertrautheit, die den Menschen einen sofortigen Zugang zu dem gemeinschaftlichen Konzept dahinter vermittelt. Die wenigsten Städte bieten wirklich Platz für derartige Erholung.

Wasserinstallation auf buntem Grasteppich in Rotterdam
Die Wasserinstallation bietet zusätzlichen Spaß für Kinder.

Es ist nicht verwunderlich, dass das Projekt vor allem im urbanen Umfeld zusehends an Popularität gewinnt. Der Teppich besteht aus verschiedenen Modulen und kann sich so spontan den Gegebenheiten aller öffentlichen Räume anpassen. Und natürlich ist der Unterhalt und die Pflege im Gegensatz zu einem echten Park weniger kostspielig und aufwendig. Darüber hinaus dient die Installation auch Forschungen und statistischen Erhebungen.

Eddy erinnert sich noch gut an Rotterdams anfängliche Zurückhaltung gegenüber dem Projekt. „Als wir der Stadt unsere Idee zum ersten Mal unterbreitet haben, waren sie nicht wirklich davon überzeugt, dass das Projekt erfolgreich sein könnte. Nach der Auswertung der ersten Ergebnisse stellten sie jedoch fest, dass viermal so viele Menschen den Platz nutzten, wenn der Teppich dort war. Nachdem wir den Teppich entfernt hatten, forderten ihn die Bewohner sogar zurück.“

Menschen auf einer Plattform sitzend, im Kanal von Rotterdam
Leicht zu adaptieren – diese kleinere Ausgabe des Grasteppichs befindet sich an einem Kanal in Rotterdam.

Zurück in die fliegende Zukunft

Bart und Eddy haben bereits einige Städte im Sinn, in die sie den „fliegenden“ Teppich gerne als nächstes schicken würden. New York City steht ganz oben auf der Liste – natürlich ob des Kultstatus; aber auch Hongkong, weil Platzmangel hier nochmal eine ganze andere Bedeutung hat und der Druck hinsichtlich der Nutzung öffentlicher Räume enorm ist. Und Dubai, wo urbane Plätze für gewöhnlich überhaupt nicht im gemeinschaftlichen Sinne genutzt werden. „Wir wollen den Menschen einen Grund geben, ihre Autos zu verlassen“, sagt Bart.

Das selbsternannte Ziel des Teams ist es aber ohnehin, mit dem Teppich langfristig alle Kontinente zu bereisen. „Am liebsten hätten wir in jeder Stadt einen kleinen Teppich, als universellen Treffpunkt und um die Menschen über die Grenzen hinaus global miteinander zu verbinden“, geben sie zu. Auch über den Dächern der Stadt gibt es jede Menge Potenzial für derlei Installationen und das Team arbeitet daran, diese weiter zu erforschen, um den urbanen Raum zukünftig noch besser zu nutzen und Menschen zusammenzubringen.

Bunter, gemusterter Grasteppich in Rotterdam aus der Vogelperspektive
Der bunte Grasteppich sticht zwischen den eintönigen Gebäuden Rotterdams sofort ins Auge.

Auch Stadtverwaltungen verfolgen bei der Gestaltung öffentlicher Plätze in der Regel das Ziel, Menschen zusammenzubringen; oft aber reichen ihre Bemühungen aber nicht, weil der wirtschaftlichen Seite – den Kosten und der Instandhaltung – zu viel Priorität eingeräumt wird. The Flying Grass Carpet ist ein Beispiel dafür, worauf es bei der Gestaltung dieser Räume ankommt, damit sie langfristig funktionieren – Flexibilität, Komfort und einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Wenn ein Raum im Sinne der Menschen gestaltet wird, werden sie von ganz allein zusammenkommen und vielleicht sogar eine Weile bleiben.

Mehr Informationen zu The Flying Grass Carpet und den nächsten Stationen der Installation gibt es hier.