Geboren in Paris, die Eltern aus Tunesien: In den Werken des Street-Art-Künstlers eL Seed verbinden sich die Gegensätze zweier Kulturen – die Poesie der arabischen Schrift und die rauen Kanten des Graffiti.

Von der Straße aus sind von dem wohl größten Kunstwerk, das jemals in Kairo entstanden ist, nur Fragmente zu erkennen. Verschlungene Muster in Weiß, Blau und Orange, die sich über die Fassaden von 50 Häusern erstrecken.

Das große Ganze begreift der Betrachter erst, wenn er einen der Hügel des Mokattam-Gebirges am Rande der ägyptischen Hauptstadt erklimmt. Dort, wo ein Kloster und eine Kathedrale in den Fels gehauen wurden, eröffnet sich ein überwältigender Ausblick.

Die einzelnen Graffiti ergeben nun, aus der erhöhten Perspektive, einen Sinn. „Um das Sonnenlicht zu sehen, muss man sich zuerst die Augen wischen“, steht da in arabischen Lettern. Ein Zitat eines koptischen Bischofs aus dem dritten Jahrhundert. Hier, im südlichen Zipfel des Kairoer Viertels Manschiyyet Nasser, leben die koptischen Zabbaleen, besser bekannt als „Garbage People“.

Die bitterarme Bevölkerung sammelt und sortiert den Müll der gesamten Sieben-Millionen-Metropole – ein eigenes Ökosystem, das Kairo davor bewahrt, in Massen aus Abfall zu versinken.

eL Seed bei der Arbeit
Aus dem Untergrund haushoch hinauf: eL Seed bei der Arbeit in Kairo.

eL Seed, ein französisch-tunesischer Künstler aus Paris, hat für sein aktuelles Werk „Perception“ wochenlang unter den „Garbage People“ gelebt und ihnen ein Denkmal geschaffen.

eL Seed Zaraeeb Art
Ein Werk mit Tiefgang: „Perception“ zieht sich über mehrere Blocks.

Möglicherweise ist „Perception“ nicht nur das größte Kunstwerk Kairos, sondern eines der größten der Welt. Als online die ersten Bilder auftauchten, hielten es nicht wenige für eine Fotomontage.

Bereits in den ersten Tagen nach der Fertigstellung Mitte März teilten 5.000 Menschen die Geschichte in den sozialen Medien. Auch die Zabbaleen waren begeistert. Sie beschwerten sich lediglich, dass eL Seed nicht noch mehr ihrer Häuser bemalt hatte.

eL Seed Graffiti Entstehung
Die Produktion in Manschiyyet Nasser erforderte maximale Koordination.
eL Seed bringt Menschen zusammen
eL Seed Streetart
Zaraeeb Streetart von eL Seed
El Seed Streetart in Kairo

Von der Pariser Hip-Hop-Kultur beeinflusst

„Perception“ ist ein weiteres öffentlichkeitswirksames Werk im Portfolio des Street-Artists. Bereits als Jugendlicher, beeinflusst von der Hip-Hop-Kultur, malte eL Seed in seiner Pariser Nachbarschaft seine ersten Graffiti.

Auf der Suche nach einer eigenen Identität fand der Sohn tunesischer Einwanderer nach und nach seinen eigenen Stil. „In Frankreich geben sie dir das Gefühl, dass du nur Franzose sein kannst“, erklärte er in einem Interview.

„Aber mein Gesicht sieht nun einmal nicht wie das eines Franzosen aus und mein Name klingt auch nicht so.“ Also begann er mit 18 Jahren Arabisch lesen und schreiben zu lernen – eine Initialzündung für seine späteren Werke.

Denn in seinen „Calligraffiti“, einem erst vor zehn Jahren in den Niederlanden entstandenen Stil, verbindet eL Seed klassische Graffiti und arabische Schriftzeichen. Zwei Kulturen, die oft nicht zu vereinen sind, kollidieren und formen eine neue Identität. Die auch seiner Persönlichkeit entspricht.

Einfach zu entziffern sind eL Seeds Bilder nicht. „Man muss genau hinschauen, um zu entschlüsseln, was ich schreibe“, sagt der Künstler, der sich von dem französischen Theaterstück „Le Cid“ aus dem 17. Jahrhundert zu seinem Spitznamen inspirieren ließ.

Die tiefere Bedeutung könne aber jeder verstehen, unabhängig von den Arabischkenntnissen. „Ich verwende immer Botschaften, die mit dem Ort zusammenhängen“, sagt er. „Sie sind von universeller Bedeutung, so hat jeder Mensch auf der Welt einen Bezug dazu.“ Poetische Schönheit, die eher empfunden als gesehen wird. „Sie spricht zu jedem“, sagt eL Seed.

Ein bisschen Frieden

Seine Arbeit hat den 35-Jährigen in Städte auf der ganzen Welt geführt, mit Ausstellungen in Berlin, Chicago, Paris und Dubai. Für das Modelabel Louis Vuitton designte er sogar als erster arabischstämmiger Künstler das Muster eines Schals.

Sein bekanntestes Werk ist wohl das Calligraffiti auf der Jara Mosque in seiner tunesischen Heimatstadt Gabes, hochoffiziell beauftragt vom Gouverneur der Stadt.

Auf dem 57 Meter hohen Turm der Moschee prangt seit 2012 der Koranvers: „Oh ihr Menschen, wir haben euch aus Mann und Frau erschaffen und euch zu Völkern und Stämmen gemacht, auf dass ihr einander erkennen möget.“

Eine Botschaft der Toleranz, die alle seine Bilder auszeichnet, ebenso wie der Wunsch nach Frieden. Denn eL Seed ist nicht nur Künstler, er hat auch eine persönliche Mission: einen alternativen Zugangspunkt zum islamischen Kulturkreis zu bieten.

Mit seinen poetischen Werken lenkt der Künstler den Blick der westlichen Welt auf Orte fernab islamischer Stereotype.

Mit einem universell gültigen Ziel: „Menschen und Kulturen zusammen zu bringen. Das ist es, was ich mache.“ Man kann ihm nur wünschen, dass er ein möglichst großes Publikum findet – in beiden Kulturkreisen.

 

eL Seed bei der Arbeit
eL Seeds Arbeiten sind in Städten auf der ganzen Welt zu finden.
Graffiti an Hauswand
Graffiti an einer Hauswand in Tunesien
Graffiti in New York
Brücke mit Schlössern
Streetart von eL Seed
Turm in Paris mit Graffiti von eL Seed