Darmstadt hat den deutschlandweit erstmals ausgeschriebenen Wettbewerb Digitale Stadt gewonnen. Überraschung? Vielleicht für Außenstehende. Nicht aber für die selbstbewusste Großstadt, die auf Vernetzung, Elektromobilität und autonomes Fahren setzt.

Es ist ein sonniger Spätsommertag. Prof. Dr. Klaus-Michael Ahrend stellt sein Hybridauto ab und streckt sich. Dann betritt der 46-Jährige den Firmensitz der HEAG Holding AG, lässt den Aufzug links liegen und steigt zu Fuß die fünf Stockwerke hoch in sein Büro.

„Ich bin gerne per pedes unterwegs“, erklärt der Leiter des kommunalen Darmstädter Versorgungsunternehmens in einem Ton, der von seinem Gegenüber weder Bewunderung erwartet noch Anstrengung verrät. An seinem Schreibtisch angekommen, wirft er einen Blick aus dem Fenster. „Man spürt die Aufbruchsstimmung“, konstatiert Ahrend. „Und wir merken, wie die Stadtgesellschaft das inhaliert hat.“

eine Grünfläche in Darmstadt von oben
Große Visionen: Darmstadt ist Preisträger des Wettbewerbs Digitale Stadt.
Foto: Digitalstadt Darmstadt

Der Wettbewerb Digitale Stadt fördert die Infrastruktur

Mit „das“ meint Ahrend den Wettbewerb Digitale Stadt. Der deutsche Verband der Telekommunikationsbranchen Bitkom lobte den Wettbewerb Ende letzten Jahres erstmals aus. Im Sommer 2017 wurde Darmstadt zum Sieger gekürt und bekommt nun Förderungen in Millionenhöhe, um die Stadt und ihre Infrastruktur fit für die digitale Zukunft zu machen.

Für Außenstehende mag diese Auszeichnung für eine Kommune, von der sie nicht mehr wissen, als dass sie in Hessen liegt, für Verwunderung sorgen – intern ist der Blick ein anderer. Vor allem der von Klaus-Michael Ahrend, der als Projektleiter der Digitalen Stadt so etwas wie ihr virtueller Bürgermeister ist.

Die Darmstädter sind zurecht stolz auf ihre Stadt, einen der führenden IT-Standorte Europas. Im Ranking des Programms Information and Communication Technologies der Europäischen Kommission liegt man im Vergleich mit anderen Städten ähnlicher Größenordnung auf dem ersten Platz – in ganz Europa.

Im letzten Jahr hat die knapp 160.000 Einwohner zählende Wissenschaftsstadt für ein Open-Data-Projekt der Verkehrsverflüssigung den Digital Leader Award verliehen bekommen. Als erste Stadt seit zehn Jahren hat man den Strom für die Straßenbahn auf Ökostrom umgestellt.

Elektromobilität nur mit erneuerbarer Energie

„Was schließlich bringt E-Mobilität, wenn ich sie mit Kohlestrom betreibe?“, fragt Ahrend rhetorisch. „Unser Anliegen ist es, die Digitalisierung nachhaltig zu betreiben. Sie soll kein Selbstzweck sein, der nur der entsprechenden IT-Wirtschaft den größten Nutzen beschert. Die Bürger sollen davon profitieren.“

Die Stadt verfügt über eine hohe Firmendichte, ist beliebte Universitätsstadt – und soll bis 2025 einen unterirdischen Teilchenbeschleuniger namens Fair besitzen, der die letzten Rätsel zur Entstehung des Weltalls entschlüsseln soll. Der SV Darmstadt 98 mag 2017 wieder in die zweite Fußballliga abgestiegen sein, aber in vielen anderen Bereichen spielt die Stadt in der ersten Riege.

Symbolbild: ein historisches Gebäude umgeben von Datenströmen
Die Stadt will die Digitalisierung nachhaltig betreiben.
Foto: sakkmesterke – Fotolia, Montage: vrm/kl

Auch autonomes Fahren ist Teil der Lösung

Klaus-Michael Ahrend, selbstbewusst und zielorientiert, gibt sich mit dem bereits Erreichten aber nicht zufrieden. Naturgemäß werden die Schwerpunkte der digitalen Transformation auch auf den Themen Verkehr und Umwelt liegen.

Man plant für 2018 als erstes die Einführung einer vernetzten Parking-App, mit der Einwohner und Besucher Parkplätze finden und reservieren können. Spezielle Antennen sollen die Umweltsensorik jedes Stadtteils messen und als Open Data zur Verfügung stellen.

Eine Handelsplattform soll regionale Produkte vertreiben, die noch am Tag der Bestellung per E-Cargo-Bike ausgeliefert werden.

„Wir experimentieren mit autonom fahrenden Bussen in geschlossenen Gebieten“, fügt Ahrend hinzu. „In relativ naher Zukunft wird es in Darmstadt teilautonome Straßenbahnen geben. Wir sind beim Thema autonomes Fahren wie alle anderen auch regulatorischen Rahmenbedingungen unterworfen. Aber wir bereiten uns mit unseren Projekten auf den Tag X vor, um Darmstadt optimal für die Einführung zu rüsten.“

Symbolbild: eine Hand mit einem Smartphone, um das verschiedene digitale Funktionen schweben
Darmstadt wird auch in Zukunft Wegbereiter in Sachen Vernetzung sein.
Foto: www.digitalstadt-darmstadt.de, shutterstock

Die Stadt als Organismus

Für Aufregung sorgte bereits die Ankündigung, dass ab Ende 2018 auf einem zehn Kilometer langen Abschnitt der A5 zwischen Darmstadt und dem Frankfurter Flughafen Elektro-LKW an Oberleitungen fahren werden.

Es ist vielleicht der Gedanke daran, der den besonnenen Klaus-Michael Ahrend dazu bringt, einen Blick in die Zukunft zu werfen. In seinem Büro sitzt Ahrend nur einen Steinwurf entfernt vom Rathaus, in dem Oberbürgermeister Jochen Partsch sitzt. Dieser muss letztlich die einzelnen Schritte des Projekts Digitale Stadt abnicken.

Wie also sieht Darmstadt 2025 aus, dann, wenn der Teilchenbeschleuniger den Urknall nachempfindet?

„Der Verkehr wird komplett elektrisch sein. Carsharing und andere Sharing-Angebote werden den Bewohnern neue Möglichkeiten offenbaren“, beschreibt Ahrend. „Die Stadt ist nicht mehr alleine die Domäne des Autos, sondern ein Organismus, den man mit dem jeweils besten Verkehrsmittel für seinen spezifischen Weg durchfährt, ob im Auto oder E-Bike. Mobilität wird sich noch stark ändern.“

In einer für die Einwohner so noch lebenswerter modellierten Stadt der Zukunft wird es auch für Fußgänger mehr Komfort geben. Wie wichtig das ist, weiß Treppenfan Klaus-Michael Ahrend heute schon.

Der Wettbewerb Digitale Stadt wurde vom Digitalverband Bitkom in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund initiiert. Zugelassen waren mittelgroße deutsche Städte, die eine urbane Prägung, eine gute Infrastruktur und die Nähe zu einer Hochschule besitzen. Darmstadt setzte sich im Finale gegen Heidelberg, Kaiserslautern, Paderborn und Wolfsburg durch. Bitkom strich vor allem die Gesamtheitlichkeit des Paketes sowie den Fokus auf Cybersicherheit im Konzept der Darmstädter heraus. Für Letzteres hat man Michael Waidner, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie, als CDO ins Boot geholt.

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