Mit dem Mobiltelefon MP01 der Schweizer Designfirma Punkt kann man telefonieren und SMS schreiben. Das ist alles. Keine Maps, kein Instagram, keine Spiele, keine Musik. Das minimalistische Handy von Stardesigner Jasper Morrison bietet einen Gegenentwurf zur digitalen Reizflut. Doch wie fühlt sich eine Woche Digital Detox an? Unser Autor testet das mal.

Auf der mattschwarzen Schachtel prangen silbern die stilisierten Umrisse eines Mobiltelefons. Voller Erwartung hebe ich den Deckel. Das MP01 des Schweizer Technologieunternehmens Punkt erinnert auf den ersten Blick an den klassischen Braun-Taschenrechner ET66.

Das MP01 übt unmittelbar eine Anziehung auf mich aus – obwohl es mit weniger Features auskommt als ein Klapphandy aus den Neunzigern. Aber genau das macht schließlich seinen Reiz aus. Für eine Woche wird das minimalistische Telefon mein Begleiter sein.

Autor David mit dem Punkt MP01 im Wald
Kein Instagram, kein Stress. Abschalten mit dem Punkt MP01.
Foto: Carolin Kielwagen

Der Minimalismus beginnt bei den Telefonnummern. Wie viele der über hundert Kontakte in meinem Smartphone würde ich wirklich anrufen? Ich scrolle durch mein Adressbuch – und entscheide mich für nur zehn Nummern. Eltern, Freunde, Kollegen.

Einige habe ich bereits locker vorgewarnt – ich würde eine Woche nur telefonisch erreichbar sein. Die Reaktionen: eine Mischung aus Neugier, Schmunzeln und Unverständnis. Als ich am Montagmorgen die Wohnung verlasse, greife ich das MP01. Meine Apps: Notizbuch und Stift.

Das MP01 in weiß und mit minimalistischer Tastatur
Das Design-Handy kann telefonieren und SMS schreiben – mehr nicht.
Foto: Carolin Kielwagen

Die Herausforderung: digital entgiften

Wer dieses von Kritikern augenzwinkernd als Dumbphone bezeichnete Handy wählt, der braucht es womöglich mehr, als er ahnt. Im Rahmen einer sogenannten Digital Detox Challenge richtet sich Punkt an gestresste Großstädter und digitale Arbeitstiere, die normalerweise die Finger nicht von ihrem Smartphone lassen können.

Auch ich kenne das Gefühl. Zu verlockend ist es, sich für einige Minuten in den mentalen Leerlauf zu begeben, in der Warteschlange, beim Essen oder noch kurz vorm Einschlafen. Kein Zweifel: Von unterwegs Termine anzupassen, E-Mails zu lesen oder Carsharing-Angebote zu finden, kann das Leben erleichtern.

Notizbuch und das MP01
Notizbuch dabei – statt Musik und Social Media.
Foto: Carolin Kielwagen

Unterhaltungsflut: Pull down to refresh

Doch die wahren Übeltäter sind Unterhaltungs-Apps. In meinem Fall sind sie schnell identifiziert. Neben einem virtuellen Bundesligamanager mit Kollegen und Transfernews der US-amerikanischen Baseball-Liga zieht es mich immer wieder zu Instagram und Twitter. Während diese Apps zwar immer auch über einen gewissen Informationsfaktor verfügen, sind sie doch ganz bewusst auf eine bestimmte Weise angelegt. „Pull down to refresh“, heißt es am oberen Ende des Bildschirms. Das Ziehen und Loslassen löst jedes Mal die aktuellsten Meldungen aus.

Tristan Harris verglich diese Mechanik mal mit der von Spielautomaten. „Jedes Mal, wenn ich mein Handy checke, bediene ich einen einarmigen Banditen. Was bekomme ich diesmal?“ Der ehemalige Google-Mitarbeiter betreibt ein Design-Thinking-Unternehmen, engagiert sich für sinnvolle Technologien und hält Talks zu den Phänomenen Social Media und Smartphone-Nutzung.

Mit Notizbuch und dem MP01 in der Natur
Entspannt reduziert: das Punkt MP01 Mobiltelefon.
Foto: Carolin Kielwagen

Meine Smartphone-Hand zuckt

Tag 1. Die erste Erkenntnis ist knallhart. Immer wieder erwische ich mich dabei, wie ich unbewusst zum Telefon greife – bevor mir klar wird, dass es auf dem MP01 außer der Uhrzeit nichts zu „checken“ gibt. Und so lasse ich auf dem Weg zur Arbeit den Blick schweifen. In der Straßenbahn sitzt ein alter Mann mit geschlossenen Augen, das Gesicht in der Sonne gedreht. Zu gerne hätte ich ein Foto der Szene gemacht. Sein Gesicht strahlt Ruhe aus, er ist eins mit dem Moment. Und so bin ich es auch – ohne gedankenvermeidendes Wischen durch Social Media.

Sind mir kleine Szenen wie diese vorher entgangen? Ich blicke mich um – andere Fahrgäste starren auf ihre leuchtenden Bildschirme. Meine Smartphone-Hand zuckt. Ich stelle mir die Bewegung des Scrollens vor. Erste Entzugserscheinungen?

Noch am ersten Tag meines Selbsttests bemerke ich den positiven Effekt meines neuen Lifestyles. Ich telefoniere in der Mittagspause mit einem Freund – einfach so. Ohne die Option, Emojis oder lustige Instagram-Bilder verschicken zu können, erzählen wir uns Anekdoten aus unserem Leben – erfrischend echt. Während ich berichte, dass ich morgens Zeit hatte, Zeitung zu lesen und auf dem Balkon ein Müsli mit Früchten zu essen, merke ich, wie entspannt ich mich fühle.

Der Autor genießt die Sonne im Wald
Keine Benachrichtigungen.
Foto: Carolin Kielwagen

Das Design: Weniger ist mehr

Tag 3. Meine Mutter schickt mir vier aneinandergereihte SMS mit schwarzen Vierecken – vermutlich Emojis, die mein schwarzweißer LCD-Bildschirm nicht darstellen kann. Ich muss schmunzeln. Der Schritt zurück zu einer scheinbar überholten Technologie ist nicht für jeden nachvollziehbar.

Dabei ist das MP01 von Punkt ganz und gar nicht mit einem der „Knochen“ der 90er Jahre zu vergleichen.

Die schlichten Linien und die Anordnung der Knöpfe des von Star-Designer Jasper Morrison entworfenen Geräts lassen mein Design-Herz höher schlagen. Das Gerät ist ein echter Handschmeichler – doch im Inneren verbergen sich neben einem clever angelegten Nutzermenü auch schöne Details wie die Taube, die einen beim Einschalten freundlich gurrend begrüßt oder die Bibliothek der Klingeltöne – allesamt Vogelstimmen des Waldes. Beim Eingang von Textnachrichten gibt das Handy einen vibrierenden Puls ab – und gibt damit Nachrichten neuen Wert. Beim Aufrufen freue ich mich fast wie beim Öffnen eines Briefes.

Das MP01 lädt an der portablen Ladestation
Das Punkt MP01: klare Linien, durchdachtes Design.
Foto: Punkt

Einmal Entschleunigung und zurück

Tag 5. Inzwischen kann ich wieder ganz gut die T9-Tastatur bedienen, um SMS zu schreiben. Ich lese jeden Morgen, untermalt vom Vogelzwitschern durch die offene Balkontür. Mit Schwung fahre ich zur Arbeit, zufrieden lasse ich den Tag Revue passieren. Ich beobachte viel und fülle mein Notizbuch. Am Ende eines Arbeitstages braucht der Kopf nicht noch mehr Input.

Ich merke, dass mir inzwischen meine Spotify-Musikbibliothek nicht mehr fehlt. Ich beginne, die leeren Momente zu genießen und zu erleben. Auch über die fehlende Kamera komme ich allmählich hinweg. Kuriose Fundstücke oder lustige Momente nicht sofort per Foto festhalten zu können, ist teilweise schade. Gleichzeitig wird mir klar, dass mein Bedürfnis, etwas teilen zu müssen, immer nur vorübergehend ist.

Stillleben mit MP01 in schwarz und weiß und Kaffee
Design-Ikone Jasper Morrison steckt hinter dem Gadget.
Foto: Punkt

 

Das Punkt MP01 ist kein Dumbphone. Es verteufelt weder den digitalen Lifestyle der Gegenwart und Zukunft, noch ist es ein Spielzeug für Analog-Punks. Das Punkt MP01 erinnert seinen Träger im hektischen Alltag daran, innezuhalten und die Gedanken zu ordnen.

Als ich am Wochenende mein Smartphone wieder in Betrieb nehmen will, zögere ich. Ich habe meine digital entschleunigte Woche wirklich genossen. Andererseits weiß ich: Ich kann jederzeit zu meinem Dumbphone zurückkehren und mir ein paar Tage digitalen Urlaub nehmen. Meine Empfehlung: Testet das auch mal.

Mehr Informationen zu Punkt und dem Mobiltelefon MP01 gibt es hier.