Vor kaum zwei Jahren war De Ceuvel eine dreckige Werft im Norden Amsterdams. Jetzt floriert dort eine kreative Community – ein Paradebeispiel alternativer Stadtplanung. Unsere Freunde von Pop-Up City waren für uns vor Ort.

Gar nicht so einfach, diesen neuen Hotspot im Norden Amsterdams zu finden. Nach einer kurzen Fährfahrt suchen wir erst einmal lange die winzige Zufahrt, die entlang kleiner Schuppen, Werkstätten und Lagerhäuser nach De Ceuvel führen soll.

Obwohl sich diese bunte Oase inmitten des Industriehafens versteckt, gilt sie als neuester Anlaufpunkt der niederländischen Hauptstadt. Auf den ersten Blick erscheint der improvisierte Mikrobezirk wie ein lässiger Stadtstrand mit Bars, Lagerfeuern, Soundsystemen, Craft-Bier und Hausbooten. Doch hinter De Ceuvel steckt eine einzigartige Entstehungsgeschichte, mit der die ehemalige Werft schon jetzt ein Vorzeigeprojekt für urbanen Pioniergeist und kreative Bottom-up-Stadtentwicklung geworden ist.

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De Ceuvel – Amsterdams neuester Hotspot

Recycling, Lowtech und Secondhand-Hausboote

Dabei ist die Arbeit noch längst nicht abgeschlossen. Sascha Glasl, Mitgründer des Architekturbüros Space & Matter, und gleichgesinnte Landschaftsarchitekten, Bauunternehmer und Nachhaltigkeitsexperten haben für De Ceuvel einen Zehn-Jahres-Plan aufgestellt. Sie wollen dessen teilweise mit Schadstoffen belasteten Boden sanieren und das Gelände in ein innovatives Arbeit-und Freizeit-Areal verwandeln.

„Um De Ceuvel nachhaltig neues Leben einzuhauchen, experimentieren wir auch mit Lowtech-Methoden”, sagt Glasl. Eine davon ist die Umnutzung von 16 ausgedienten Hausbooten, die nun an Land kreativen Kleinunternehmern ein neues Zuhause bieten. Ein erhöhter Holzsteg verbindet die Boote als Gehweg, dazwischen ist ein wilder Garten entstanden. Und unter den Booten und Pfaden extrahiert eine besondere Bepflanzung Schadstoffe direkt aus dem Boden – so säubert das Projekt das Gebiet in den kommenden 10 Jahren.

Entstanden aus einem Ideenwettbewerb

Ein kurzer Blick in die Vergangenheit: Während des 20. Jahrhunderts siedelten sich in Amsterdam am Nordufer des Flusses IJ immer mehr Werften an. Als in den 1980er Jahren die Schifffahrtsbranche in Europa massiv einbrach, wurden viele Werften abgewickelt und vergessen. Riesige stadtnahe Leerflächen entstanden – so wurden einige Amsterdamer Großwerften wie NDSM und ADM bereits in neue Gewerbegebiete verwandelt.

Die eher kleine Werft De Ceuvel Volharding blieb bis Ende 2012 unbeachtet. Um die schadstoffbelastete Brachfläche zu erschließen, schrieb die Stadt einen Wettbewerb zur temporären Umgestaltung des Geländes aus. Gesucht waren Vorschläge, die das Gelände ein Jahrzehnt lang bespielen konnten. „Die Wettbewerbsbedingungen waren ziemlich hart”, verrät Glasl. „Der Gewinner darf das stark belastete, 4.600 qm große Grundstück zwar zehn Jahre lang nutzen. Aber es gab weder Geld noch nutzbare Gebäude. Also brauchten wir einen flexiblen, günstigen und möglichst autarken Plan, da wir den verseuchten Boden nicht wirklich anrühren wollten.“

Testgebiet für nachhaltiges Leben in der Stadt

Grundlegend für das von Glasl gemeinsam mit Smeele Architecture und Delva Landscape Architects entwickelte Kreativkonzept ist eine umfassende Recyclingphilosophie. „Wer sich ein neues Hausboot kauft, bleibt oft auf dem alten sitzen – Lagerplätze sind rar und viele landen direkt auf Schrottplätzen. Das haben wir ausgenutzt, einige günstig erworben und sie als Grundstruktur für unser Gelände verwendet”, erklärt Glasl. Alle Boote wurden in der nahen NDSM-Werft so nachgerüstet, dass sie bei Bedarf autark funktionieren. Solarzellen auf den Dächern liefern die Hälfte der nötigen Energie, eine Wärmepumpe entzieht der Umgebungsluft praktische Heizwärme und Trockentoiletten verringern den Wasserverbrauch.

Diese Kreislaufprinzipien prägen das gesamte De Ceuvel-Projekt. „Wir versuchen, wirklich jeglichen Müll wiederzuverwenden und dieses Areal als Testfall für nachhaltiges Leben in der Stadt zu nutzen.” Abwasser wird in Tanks neben den Booten auf natürliche Weise gefiltert und zur Bewässerung des Bodens eingesetzt – die lokale Wasserbehörde hat die Sicherheit und Sauberkeit des Wassers bereits bestätigt. Demnächst will Metabolic, die Umwelttechnologiefirma hinter all diesen Experimenten, sogar die anfallenden menschlichen Ausscheidungen zum Düngen verwenden und Gemüse im eigenen Gewächshaus-Büroboot anpflanzen.

De Ceuvel: Inspiration für ein Gründer-Manifest

Den durchschlagenden Erfolg des Projekts hatte Glasl zu Beginn nicht erwartet. „Das Projekt ist mittlerweile enorm einflussreich, nicht nur in der Presse und in den Medien, sondern auch in der Praxis.” Selbst die Bar aus recycelten Holzpollern (Entwurf: Studio Valkenier) ist zur Anlaufstelle der Amsterdamer Hipster-Szene avanciert.

Der Ansatz scheint ansteckend. In unmittelbarer Umgebung orientieren sich viele bereits am De Ceuvel-Prinzip. Unter anderem haben lokale Existenzgründer und die Stadt Amsterdam ein Manifest unterzeichnet, das derartige Kreislaufprinzipien in der Umgestaltung des ehemaligen Industriegebiets verbindlich festschreibt.

„De Ceuvel entwickelt sich ständig weiter”, erklärt Glasl. „Jetzt stehen der Garten und die Fassaden der Büroboote an. Natürlich würden wir gern hier bleiben, aber falls das nicht geht, können wir nach Ablauf unseres Vertrags bei Bedarf flexibel unsere Sachen packen und woanders neu starten.” Doch nicht nur Glasl würde sich freuen, wenn nach einem Jahrzehnt in De Ceuvel eine neue Tradition entstanden wäre. Am besten genauso exportfähig, wie es der Schiffsbau der holländischen Werften über mehrere Jahrhunderte war.

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„De Ceuvel entwickelt sich ständig weiter.“

 

Weitere Informationen zu De Ceuvel auf der Website.

Alle Fotos, inklusive Titelbild: Adam Nowek