Der Prototyp des australisch-dänischen Architekten-Duos Marshall Blecher und Magnus Maarbjerg für ihre schwimmende Insel ist ein erster Schritt, um den alten Hafen von Kopenhagen wieder mit Leben zu füllen. Ihr Vorhaben, in den nächsten zwei Jahren gleich neun dieser schwimmenden Module in See stechen zu lassen, könnte die komplett künstlich errichtete Inselgruppe im nördlichen Teil der dänischen Hauptstadt zum Inbegriff einer ganz neuen Art des öffentlichen Raums werden lassen. Wir haben uns mit Blecher in Kopenhagen getroffen, um mehr über die Idee und die Inspiration dahinter zu erfahren.

Ein elegantes, schwimmendes Archipel

Copenhagen Islands ist ein fortlaufendes Projekt, das in den kommenden Jahren eine Landschaft aus schwimmenden, öffentlichen Plätzen auf dem Wasser entstehen lassen wird. Derzeit besteht es lediglich aus einem einzigen Prototyp für eine schwimmende Insel, dem sogenannten CPH-Ø1 (wobei „ø“ tatsächlich das dänische Wort für Insel ist – bestehend aus nur einem Buchstaben).

Die 25 Quadratmeter große Holzinsel mit der sechs Meter hohen Linde in der Mitte wurde von Maarbjerg in liebevoller Handarbeit selbst angefertigt und war im Herbst 2016 und im Sommer 2017 bereits auf dem Wasser im Kopenhagener Hafen zu sehen. „Die ersten Kopenhagener, die die Insel besucht haben, haben sie auf ganz unterschiedliche Weise genutzt“, erklärt Marshall Blecher. „Als Ausflugsziel während einer Bootstour, als Rastplatz für den Spaziergang mit dem Hund oder als Platz für ein gemeinschaftliches Barbecue.“

Mann auf einem Prototyp der Copenhagen Islands liegend, im Hafen von Kopenhagen
Entspannen im Kopenhagener Hafen: Der erste fertige Prototyp der Insel CPH-Ø1.

Der Prototyp war für die Einheimischen nur ein erster Vorgeschmack auf die Pläne für die Zukunft. Innerhalb der nächsten zwei Jahre soll ein kompletter Archipel im Hafen von Kopenhagen errichtet und für Besucher freigegeben werden. Das Projekt verdeutlicht das große Potenzial schwimmender Räume und die Zukunft für ein Leben auf dem Wasser in Städten auf der ganzen Welt. Aktuell ist die Motivation für die Copenhagen Islands ausschließlich, die Stadt durch neue öffentliche Räume, die Menschen nach Belieben nutzen können, zu bereichern.

Entworfen von zwei maritimen Gemütern

Blecher und Maarbjerg sind beide am Wasser aufgewachsen. Zu Hause in Sydney, Australien, gehörte das Surfen und Tauchen im Meer für Blecher zum zentralen Bestandteil seines täglichen Lebens. Auf der anderen Seite der Welt verbrachte Maarbjerg seine Kindheit auf einem Schiff im Hafen von Kopenhagen. Auch später wohnte und arbeitete  er in unmittelbarer Nähe zum Wasser, so dass die Verbindung zum Hafen nie abbrach. Kennengelernt haben sich die beiden in der Architekturschule in Kopenhagen und sich schließlich für das Kopenhagener Projekt zusammengetan.

Die Idee zu den Copenhagen Islands basiert auf der Erfahrung, die Blecher während seines ersten Jahres in Kopenhagen auf einem selbst umgebauten, alten hölzernen Motorsegler aus den sechziger Jahren machte. Während er auf dem Wasser lebte, bemerkte er, wie der Hafen sich veränderte. „Ich hatte sofort ein Gefühl für dieses Hafenleben. Auch wenn es langsam stirbt, gibt es immer noch die Tradition, auf dem Wasser zu leben und eine kleine Gruppe Menschen, die hier arbeitet“, erklärt er.

Die Atmosphäre lebhafter alter Häfen und die langjährige Tradition schwimmender Gemeinden inspirierten Blecher. „Obwohl es schwer zu fassen ist, fühlen sich Menschen, die auf dem Wasser leben, als etwas besonderes“, sagt er. „Ich glaube, das ist nachvollziehbar. Es gibt einen Grund, warum die ganze Welt in Venedig verliebt ist. Diese Orte haben etwas Skurriles und Poetisches zugleich.“ Blecher spürte, dass das Bild freigeistiger Hafengemeinden erhalten werden musste, um eine sozial ausgeglichene und lebendige Stadt vorzufinden .

Schwimmende Insel aus Holz neben einem hölzernen Motorsegler
Links die hölzerne Insel, rechts die Inspiration: ein hölzerner Motorsegler.

Eine Hafengemeinschaft für alle schaffen

Der Hafen von Kopenhagen befindet sich mitten im Herzen der Stadt. Kopenhagener aller sozialen Klassen und Lebensstile passieren ihn jeden Tag. Blecher meint, dass „jeder in Kopenhagen auf seine Art eine Beziehung mit dem Hafen verbunden ist“. Das erlebt er jeden Morgen, wenn er hier mit dem Fahrrad unterwegs ist – Seite an Seite mit wichtigen Geschäftsleuten und alten Freigeistern. Für Blecher ist es wichtig, den Hafen allgemein zugänglich zu halten, damit die Menschen in Kopenhagen miteinander in Verbindung bleiben können.

Während er es genoss, im Kopenhagener Hafen zu leben, erkannte Blecher auch, dass die Veränderungen, die er in der Zeit wahrnahm, den ursprünglichen Charakter, den er so liebte, bedrohten. „Weil Land immer wertvoller wird, mangelt es dem Hafen an öffentlichen Plätzen, die die Gegend am Leben erhalten.“ Blecher führt Amsterdam als Inspiration an, das es geschafft hat, das Wasser auch mit der zunehmenden Urbanisierung der Stadt – mit der sich derzeit auch Kopenhagen konfrontiert sieht – als Lebensraum zu erhalten.

In Amsterdam fand er sowohl alteingesessene als auch neugebaute Gemeinschaften dieser Art, die der Beweis dafür sind, dass es möglich ist, neue funktionierende Gemeinschaften auf dem Wasser zu schaffen und zu erhalten. „Das verändert eine Stadt von Grund auf“, sagt er.

Baum integriert in das Zentrum der schwimmenden Insel
Eine sechs Meter hohe Linde im Zentrum der Holzinsel.

Die Zukunft der Kopenhagener Inseln

Eine neue schwimmende Gemeinschaft in einer Stadt zu etablieren, ist keine einfache Angelegenheit. Neben den offensichtlich rechtlichen Hürden ist es vor allem die Stigmatisierung schwimmender Gemeinschaften, wenn es um alltägliche Dinge geht. Viele Hafengemeinden in Städten wie Sydney wurden in der Vergangenheit aus optischen Gründen geschlossen und abgerissen.

Ein schlechtes Abfallmanagement und eine unzureichende Bauqualität halten dieses Image in einigen Städten bis heute aufrecht – mit den Kopenhagener Inselarchipel besteht allerdings die Hoffnung, ein Gegenbeispiel zu etablieren, das Menschen wieder dazu animieren könnte, ein Leben im Hafen zukünftig in Betracht zu ziehen. „Mit Trends wie Micro-Living und Tiny Houses ist das definitiv etwas, das immer mehr Menschen in den Städten interessiert“, sagt Blecher. Die Herausforderung besteht heute darin, das Kopenhagener Inselprojekt sichtbarer und beliebter zu machen, damit die Hafengemeinden wieder an Dynamik und Zuspruch gewinnen.

Prototyp der Copenhagen Islands Insel aus der Vogelperspektive
Marshall Blecher und Magnus Maarbjerg freuen sich über ihren CPH-Ø1-Prototyp

Die Copenhagen Islands haben so sehr an Popularität gewonnen, dass sie sich bereits staatliche Fördermittel sichern konnten. Alles in allem ist das Projekt auf positive Resonanz gestoßen. Besucher nutzen die Insel auf verschiedenste kreative und unerwartete Art und Weise: Von Grillfesten mit Freunden bis zum gemeinsamen Angeln. Es ist genau diese Freiheit und Kreativiät, die Blecher begeistert. Am Ende geht es ihm mit den Inseln darum, den öffentlichen Raum neu zu gestalten. Blecher resümiert: „Wir wollen einfach ein bisschen gute Laune in den Hafen bringen und etwas Ungewöhnliches, etwas Unerwartetes schaffen.“

Weitere Informationen zu den Copenhagen Islands gibt es hier.