Wie die koreanische Hauptstadt Seoul eine Autobahn abriss, an Lebensgefühl gewann und viel weniger Verkehr anzog. Eine Würdigung zum 10-jährigen Jubiläum.

Alles verschwunden. Einfach weg. Nur noch einige graue Betonträger ragen aus dem Grün des Ufers und erinnern an die einstige Stadtautobahn, die hier alles unter sich begraben hatte.

Und nun: lachende Kinder, Liebespaare, Familien auf dem Weg zum Picknick. Seoul, Südkoreas 22-Millionen-Metropole, erhielt vor fast zehn Jahren zurück, was ihr eine Generation zuvor geraubt wurde: ein Stück Natur, genauer: den 1961 unter Asphalt und Beton begrabenen Fluss Cheonggyecheon.

Der Effekt ist spürbar. Nicht nur Lärm und Feinstaub sind dramatisch zurückgegangen, sogar die Durchschnittstemperatur entlang des Cheonggyecheon liegt deutlich (3,6 Grad) unter der angrenzender Wohnviertel. Der Fluss wird im Sommer zum natürlichen Kühlkörper inmitten einer aufgeheizten Stadt, in der fast die Hälfte der südkoreanischen Bevölkerung lebt.

Sechs Kilometer Autobahn wurden dafür abgerissen und immerhin vier Kilometer Flusslandschaft renaturiert und den Menschen zurückgegeben – für rund 300 Millionen Euro Kosten. Inzwischen leben sogar wieder Insekten und Fische im Cheonggyecheon.

Weniger Straßen – flüssigerer Verkehr?

Was aber passierte mit den vielen Autos? Sie wurden ja nicht mit dem reanimierten Fluss ins Meer gespült. Schätzungen gehen von über zweieinhalb Millionen Pkw alleine in Seoul aus, ganz zu schweigen von Taxis, Bussen, Lastwagen, Motorrädern und Mopeds.

Der gesunde Menschenverstand sagt, dass sie eben nun die Nachbarstraßen verstopfen und der Verkehrsinfarkt nur einige Häuser weiter gezogen ist. Doch nichts davon ist passiert.

Natürlich haben sie sich nicht einfach in Luft aufgelöst, aber doch so ähnlich: John Vidal beschrieb 2006 im britischen Guardian ein kleines Wunder, das Verkehrsplaner gemeinhin als „Braess-Paradoxon“ bezeichnen und das ganz unwissenschaftlich so umschrieben werden könnte: Mehr Straßen sorgen – wenn jeder Fahrer nach der schnellsten Route sucht – nicht automatisch dafür, dass der Verkehr zügiger fließt.

Manchmal tritt sogar der gegenteilige Effekt ein. Dann ist weniger (Straße) plötzlich mehr (Geschwindigkeit für alle).

Cheonggyecheon river selfie tourism
Photo: smart magazine
Cheonggyecheon river rest under bridge
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Cheonggyecheon river pedestrians
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Cheonggyecheon river street art
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Cheonggyecheon river plant
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Cheonggyecheon river lantern festival
Foto: travel oriented , CC
Cheonggyecheon river walk by the canal
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Cheonggyecheon river couple waterfall
Foto: Carlos Felipe Pardo, CC BY 2.0 via Flickr

Weniger ist doch mehr

In Seoul war offenbar genau das der Fall, wie Professor Kee Yeon Hwang vom Department of Urban Planning erklärte: Manche Autofahrer änderten nur ihre Route, andere stiegen auf andere Verkehrsmittel um, manche gaben sogar das Autofahren ganz auf.

In der Summe fehlte der mehrspurige Highway gar nicht, der Verkehrsfluss kam nicht ins Stocken – im Gegenteil. Hinter dem scheinbaren Widerspruch steht die Theorie des deutschen Mathematikers Dieter Braess, der diesen Effekt schon 1968 wie folgt beschrieb:

„Welche Wege am günstigsten sind, hängt nun nicht nur von der Beschaffenheit der Straße ab, sondern auch von der Verkehrsdichte. Es ergeben sich nicht immer optimale Fahrzeiten, wenn jeder Fahrer nur für sich den günstigsten Weg heraussucht. In einigen Fällen kann sich durch Erweiterung des Netzes der Verkehrsfluss sogar so umlagern, dass größere Fahrzeiten erforderlich werden.“

Sollte man daraus folgern: Weniger Egoismus führt zu mehr Gemeinwohl? Das Phänomen ist jedenfalls nicht auf den Verkehr beschränkt, sondern tritt überall dort auf, wo viele Einzelne mit beschränktem Wissen die für sie beste Lösung in einem System erzielen wollen, was nicht immer zu einem optimalen Funktionieren des Gesamtsystems führt.

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Der Cheonggyecheon haucht Seoul Leben ein und bringt Natur zurück in die Stadt.
Foto: Brian Kusler, CC BY 2.0 via Flickr

Stadtplaner lösen Versprechen ein

Doch zurück zu Südkorea: Offenbar hat ein Umdenken begonnen. Stadtplaner machen ernst mit dem Versprechen nach Grün und Weite und geben der Metropole und ihren Bewohnern das, was die Versprechen der Moderne (schneller, weiter, größer) nicht einlösten.

Das passt in eine Zeit, die Globalität neu denkt. Städte werden nicht nur zum natürlichsten Lebensraum der Menschen (wer hat zuletzt schon echte Wildnis erlebt?), sie liefern sich auch einen Konkurrenzkampf um die besten Köpfe.

Motto: Nur dort, wo es sich gut leben lässt, man also gerne wohnt, wird investiert. Kein Wunder, dass ein scheinbar lapidares Metropolen-Ranking immer mehr ist als eine Zahlenkolonne, sondern ein Gradmesser für wirtschaftlichen Erfolg.

Naturerlebnisse, Erholung und Lebensqualität werden auf einmal Standortfaktoren. Und das ist vielleicht das eigentliche Paradox in einer auf Vernetzung und Effizienz getrimmten Welt.

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Seouls Stadtplaner machen ernst mit dem Versprechen nach Grün und Weite.
Foto: d’n’c, CC BY SA-2.0 via Flickr

Titelbild: travel oriented , CC BY SA-2.0 via Flickr