Street-Art-Phantom Banksy hat einen alten Vergnügungspark zum „Dismaland“ umgebaut, dessen albtraumhaftes Szenario in diesem Sommer Kunstfans aus der ganzen Welt anzog. Und nebenbei ein südenglisches Seebad wiederbelebte.

Weston-super-Mare, Grafschaft Somerset im Südwesten Englands. Eines dieser tristen Strandbäder, das zwar oberhalb des Meeres liegt, in dem aber ansonsten eher wenig super ist: Als Hauptattraktion lockt ein Pier mit Spielotheken, Souvenirshops und Fish-and-Chips-Buden, die die frische Seeluft mit abgestandenem Fritteusenfett fluten. „Nach Weston kommst Du nur zum Sterben“, sagt Peter, ein Reisebusfahrer.

Seit diesem Spätsommer aber ist alles anders: auf der Wiese zwischen Beach Road und Marine Parade, wo Peter sonst die Rentnergruppen aus dem nahen Bristol oder aus dem knapp 150 Meilen entfernten London absetzt, bilden sich nun jeden Tag lange Menschenschlangen.

Jetzt stehen hier keine Pensionäre, sondern junge Touristen, darunter ziemlich viele Freaks, Hipster, Punks und andere Splitterkulturen. Alle warten vor einem unscheinbaren Tor, manchmal vier Stunden und länger. Einige einzeln, viele in Gruppen, offensichtlich stammt fast niemand aus der umliegenden Provinz.

Weston-super-Mare als Sommerfrische für urbane Hipster

Die Massen wollen ins ehemalige Strandbad „Tropicana Pleasure Beach“, das in diesem Sommer wiedereröffnet wurde. Nach fünfzehnjährigem Verfall, in denen das Tropische trostlos wurde. Dass von dieser Tristesse jemals wieder ein Sog ausgehen würde – nicht nur Peter hatte die Hoffnung längst aufgegeben.

Dann kam die Rettung, aus dem Untergrund. Wie ein Superheld aus einem Marvel-Comic erschien Banksy, der einflussreichste Street-Art-Künstler der Welt. Er belebte den Park wieder, nun unter dem Namen „Dismaland“, allerdings ohne ihn im klassischen Sinn zu renovieren.

Dismaland von oben
Dismaland von oben

Dafür mit einem revolutionären Ansatz: Der Park sollte den düsteren Gegenentwurf zum nicht zufällig namensverwandten Disneyland darstellen, und deshalb Museum, Galerie, Kirmes und Partymeile vereinen. „Dismaland ist ein Familien-Freizeitpark, der allerdings für Kinder ungeeignet ist“, sagt Banksy. „Im Grunde ist es ein Festival für Kunst und Unterhaltung, das gleichzeitig Anarchismus für Einsteiger vermittelt.“

Im Autoscooter fährt ein Skelett zu „Stayin‘ Alive“

Die Banksy-Jünger reisen dafür weit. Und werden, das muss man gestehen, mit einer Szenerie entschädigt, die es so wohl noch nie gab, außer vielleicht in Albträumen oder wirren Phantasien. Schön geht anders, aber darum geht es hier natürlich nicht.

Wichtigste Aufgabe des Personals, der Fahrgeschäfte und aller Attraktionen ist es, den Besucher zu nerven, zu verstören, zu entgeistern: Über allem liegt ein lautes Gedudel aus zahllosen Lautsprechern, das nur für regelmäßige Ansagen unterbrochen wird, die vor Grausamkeit, Gewalt und den Gefahren des Lebens an sich warnen.

Ständig befindet man sich auf dem Weg von einer zur nächsten Schlange: um mit dem Riesenrad zu fahren, das andauernd stehen bleibt. Oder mit dem Karussell, das in einem unergründlichen Rhythmus mal vorwärts, mal rückwärts ruckelt. Und natürlich vor dem Autoscooter, in dem ein einsames Skelett zum unsterblichen Discohit „Stayin‘ alive“ seine Runden dreht und vom Publikum mit Szenenapplaus bedacht wird.

Immerhin hält das kleine Zirkuszelt unter seinem rot-weiß gestreiften Dach, was es auch draußen in der echten Welt verspricht: eine kleine Sensation in Form eines originalen Damien-Hirst-Kunstwerks. „Wo sonst auf der Welt kannst Du einen echten Hirst im Zelt sehen?“, fragt Jiao ihren Freund Chen. Beide sind extra aus Schanghai nach England gereist, und finden alles verdammt „stunning“.

Neben Banksy und Hirst stellen 56 weitere Künstler ihre Arbeiten aus, darunter Jenny Holzer, Jimmy Cauty, Peter Kennard oder Mike Ross, mit seiner Installation „Big Rig Jig“, die erstmals auf dem Burning Man Festival 2007 zu sehen war.

Banksys Dismaland bei Nacht
Banksys Dismaland bei Nacht

Maskenball mit Pussy Riot, De La Soul und Damon Albarn

Die letzte Schlange vor den Toren von Dismaland bildete sich am 27. September. Sie war zugleich der Höhepunkt des mehrwöchigen Ticket- und Einlasschaos. Banksy hatte zum finalen Maskenball geladen und kündigte an, sich selbst unter das Publikum zu mischen. Auf dem Schwarzmarkt kostete ein 30-Pfund-Ticket plötzlich 1.000. Dafür spielten drinnen Pussy Riot und später De La Soul, unterstützt von Blur-Sänger Damon Albarn. Dann ging hinter dem maroden Riesenrad die Sonne unter.

Was bleibt, ist die grandios absurde Idee: ein trostloser Freizeitpark in einem öden Ex-Ferienort, der zum temporären Magneten der Kunstwelt wird. Der dabei die Unterhaltungs- und Tourismusindustrie aufs Korn nimmt – und gleichzeitig diese unterstützt.

Die Hauptattraktion in Weston: ein Pier
Die Hauptattraktion in Weston: ein Pier
Die Warteschlange ist lang vor Dismaland
Die Warteschlange ist lang.
Banksys Dismaland bei Nacht
Banksys Dismaland bei Nacht
Dismaland von oben
Dismaland von oben

Weston-super-Mare hat von dem rund fünfwöchigen Event profitiert. Die etwa hundertfünfzigtausend Besucher haben der Stadt rund 20 Millionen Pfund Umsatz gebracht. Weston sei nun endlich wieder „on the map“, freut sich Margret, die in einer der Fish-and-Chips-Buden Kartoffeln frittiert.

Das rauschende Banksy-Fest hat vieles verändert: Noch 2013 wurde die Genehmigung zum Abriss des alten Strandbades erteilt. Zukünftig soll der jetzt weltbekannte Festplatz regelmäßig für kulturelle Zwecke genutzt werden. Club Tropicana, reloaded. Fortsetzung folgt.

All images incl. header image: Philipp Wente